Kreuzberger Chronik
Dez. 2002/Jan. 2003 - Ausgabe 43

Die Geschäfte

Mäc Geiz


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von Michael Unfried
Fotos: Michael Hughes


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Der Name ist genial. Er verbindet den Erfolg einer welterobernden Fastfoodkette mit einer nur wenig ruhmversprechenden menschlichen Eigenschaft: dem Geiz. Und suggeriert damit, daß im Zeitalter wachsender Armut nur noch Geiz zum Erfolg führen kann. Mäc Geiz also ist einer jener Läden, die derzeit überall aus dem Boden sprießen und die extremste Form der Sparsamkeit als wichtigstes Kriterium im Kaufverhalten der Deutschen entdeckt haben. Keine Werbung, kein gestyltes Outfit der Auslagen, keine klassische Musikberieselung, erst recht keine übersichtliche Ordnung oder kompetente Beratung, allein die schnörkellose und auf ihren Zweck reduzierte Einrichtung der wenigen Quadratmeter neonbeleuchteter Regale überzeugt die Konsumenten. So ordnen sich bei Mäc Geiz die Artikel auch nicht nach ihrer Funktion oder ihren Einsatzbereichen in Küche, Bad oder Kinderzimmer, sondern allein nach dem Preis. In der ersten Reihe auf der rechten Seite kostet alles 50 Cent, auf der linken 1 Euro. Reihe für Reihe steigert sich dann das Preisangebot bis hin zu 5 Euro.

Mäc Geiz empfängt seine Kunden auch nicht mit gewaltigen, fahrbaren Einkaufscontainern, sondern mit einem bescheiden niedrigen Türmchen kleiner Einkaufskörbchen. Allzu gigantisch können die Ausmaße der Produkte bei Mäc Geiz aufgrund der kleinen Ladenfläche auch nicht sein. Die Artikel, die man anbietet, passen in die kleinsten Westentaschen. Und selbst, wenn einer der Besucher angesichts der Niedrigstpreise in einen wahren Kaufrausch verfallen sollte, wird er am Ende sein Körbchen kaum voll haben. Dennoch wird er sich beim Auspacken im trauten Heim wundern, was er da alles wieder zusammengekauft hat.
Denn wer zu Mäc Geiz geht, der geht sammeln wie der Pilzesucher im Wald. Mit konkreten Vorstellungen und Absichten kommen die wenigsten. Abgesehen von einigen Hobbyhandwerkern oder Schwarzarbeitern, die in Erfahrung gebracht haben, daß sie hier ein Set Bohrspitzen für 1,50 finden, drei Glühbirnen für einen Euro, Kneif- und Kombizangen, Dübel oder Schraubzwingen, Schraubenzieher und eine Heißklebepistole, Pinsel oder Abdeckfolien zu Preisen, von denen man bei Karstadt am anderen Ende der Straße nur träumen kann.

In der Regel sind es Frauen, die das Körbchen unter dem Arm an den Regalen entlangschlendern und sich ständig dieselbe Frage stellen: Könnte ich das gebrauchen oder nicht? Natürlich sind die gläsernen Osterhasen nett, aber Ostern ist noch fern! Auch die silbernen Bilderrahmen wären schön für das Hochzeitsfoto, wenn die Kinder einmal heiraten! Aber die Kinder sind noch auf der Grundschule. Oder dieses rotglühende Glasherz an der goldenen Kette, das man ins Fenster hängen kann, wenn die Sonne scheint! Braucht man das? Natürlich würden auch die bunten Porzellanfiguren gut zu dem Spitzendeckchen auf dem Fernseher passen, aber fernsehen könnte man auch ohne Pudel oder Reh, und wahrscheinlich wird ohnehin keiner der Gäste die kleinen Figuren beachten. Vielleicht würde der große, tönerne Steinpilz besser zu dem gigantischen Wohnzimmermöbel passen als diese filigranen Porzellanfiguren. Aber der kostet schon wieder 1,50.

M?c Geiz
Da sind die Kosmetika schon sinnvoller, allesamt für einen Euro, inklusive Spiegelchen und exklusiver Verpackung. Ob Wimperntusche, Puder oder Lippenstift – mehr als einen Euro braucht bei Mäc Geiz niemand für die Schönheit zu opfern. Bei den Haushaltswaren, die sich über alle sechs Reihen ausbreiten, findet sich kaum noch dekorativer Luxus: von den simplen Eierlöffeln aus rotem, gelbem und blauem Plastik gleich unter den Eierbechern mit angeschweißtem Tellerchen bis hin zur Kunstglaskäseglocke oder dem Tortenboden mit den Blümchen. Zwar kann man auch bei Geiz einen Hauch von Exotik in die häusliche Küche zaubern, zum Beispiel mit den großen Schwämmen, die ihre Form und ihre Farbe von Melonenscheiben haben, doch im Grunde wird die Funktionalität großgeschrieben: Ob Quirl, Müllsäcke, Besteck, Gläser, Teller, Karaffen oder Töpfe – man findet alles, was der Mensch zum Kochen braucht. Nur nichts zu Essen – wenn man einmal absieht von der Schokolade, dem Kaffee und dem Tee im mundraubsicheren Regal nahe der Kasse.

Auch die weit verbreitete Hygieneabteilung mit ihren Seifenablagen, den Handtuchhaltern mit Saugnäpfen, den Wattestäbchen, der Zahncreme und der Zahnseide, den Haarwaschmitteln und Duschgels, den zwanzig verschiedenen Toilettendüften, die Flieder, Rosen und Zedern vortäuschen, den Reinigungsmitteln, den altmodischen Lockenwicklern in Pink, Hellblau und Rosa, den Rasierpinseln für 50 Cent und den 6 Rasierern für einen halben Euro, birgt wenig Überflüssiges.
Mäc Geiz ist ein Paradies für jene, die mit Lust und Liebe sparen. Selbst die sonst so teuren Schulartikel werden beim menschenfreundlichen Geiz für jeden finanzierbar. Das geübte Auge findet im Nu Stifte aller Art, Hefte, Malkreide, Notizblöcke, Farben, Klebstoff und Klebebänder, Tintenpatronen und Radiergummis, kleine Taschenrechner – so klein, daß man sie bei der Prüfung im Rechenunterricht heimlich in der kleinen Kinderhand halten könnte. Das Geschenkpapier ist geradezu geschenkt, die Fahrradlampe bringt für 1,50 Licht ins Dunkel, und vor dem praktischen, kleinen Tesafilmhalter kommen sogar gestandene Bürohengste ins Wanken.

Mäc Geiz & Co. sei also Dank! Ohne die verachteten, lieblosen Läden mit ihrem kitschigen und praktischen Krimskrams, ohne diese günstigen Einkaufsmöglichkeiten für Schlechtentlohnte oder Arbeitslose würde die Kriminalitätsrate Berlins womöglich rapide anwachsen. Und ohne das Schreibzeug in ihren Regalen würde die nächste Pisa-Studie noch schlechter ausfallen. Mäc Geiz & Co. tragen womöglich mehr zur Rettung der Nation bei als die Hartz-Kommission oder die Soforthilfemaßnahmen bei selbstverschuldeten Umweltkatastrophen.
Angesichts all dieser nackten Tatsachen kann es uns nur recht sein, wenn die jahrelang als Billigware disqualifizierten Produkte unserer östlichen Nachbarstaaten nun ihre Chance bekommen auf dem deutschen Markt. Die Zeiten, als der hiesige Konsument noch auf den weit und immer wieder verbreiteten Spruch von der Qualitätsarbeit pochte und alles, was aus Tschechien, Polen oder der DDR kam, lächelnd links liegen ließ, scheinen vorüber. Es hat sich endlich auch bis in die Mittelklasse herumgesprochen, daß die namenlosen Klebebänder für 50 Cent ebenso gut haften wie die sündhaft teuren Streifen mit dem berühmten Namen Tesa.

Nicht verwunderlich also, daß sich zwischen den engen Regalgängen bei Geiz & Co. das Volk drängt. Und daß bei Karstadt viele mit leeren Taschen wieder heimgehen. Während sie bei Mäc Geiz ein halbes Körbchen vollsammeln. Wenn auch manchmal mit Dingen, die sie unter normalen Umständen nie kaufen würden. Davon träumt schließlich auch Karstadt. <br>

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