Kreuzberger Chronik
Dez. 2002/Jan. 2003 - Ausgabe 43

Essen, Trinken, Rauchen

Im Blauen Affen


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von Hans W. Korfmann

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Die jungen Monteure mit den Ohrringen und den Handys in den Brusttaschen der gebügelten Blaumänner haben nur zögernd ihre Schritte in das Lokal gesetzt. So groß und so finster hatten sie es sich doch nicht vorgestellt. Andererseits waren die dicken Balken an der Decke und die schwarzgerauchte Wandvertäfelung ganz romantisch, und die karierten Tischdecken im hinteren Saal sahen aus wie in einem Wirtshaus, das nicht am Hermannplatz, sondern im Spessart stand – vor zweihundert Jahren. Als der Spessart noch ein bißchen finsterer war.

Die Männer zögern noch, ob sie die Vorhölle mit den leidgebeugten Männerrücken an den runden Stehtischen tatsächlich durchschreiten und bis in die Hinterräume des Blauen Affen vordringen sollen. Die Versammlung im Blauen Affen beobachtet die Ankömmlinge dabei mit einem Gesichtsausdruck, der so undurchdringlich, gleichgültig und nichtssagend ist, wie nur Dante Alighieri ihn beschreiben könnte. Der optimistischere der beiden wagt sich nun einen Schritt vor und wirft einen Blick in die gute Stube mit der Schultheiss-Leuchte, den zwei Bauern, die am Tisch unter dem teergelben Ölgemälde eines deutschen Feldweges sitzen und ihre Mützen tief bis über die Augen gezogen haben, so daß sie gerade noch das Bierglas vor sich sehen können. Den »Hit im Blauen Affen: Schultheiss 0,4 – 1,75 Euro.«

»Wir würden gerne etwas essen!«, sagt wildentschlossen der Optimist mit dem freundlichen Gesicht. Die Kellnerin erwidert strahlend: »Kein Problem!«
»Na also!«, nickt der Optimist dem Kollegen aufmunternd zu.
»Wir haben Würstchen und Buletten!«, fährt die Frau fort. Am Tisch hebt der Optimist entschuldigend die Schultern: »Die Tischdecken sahen aus, als gäbe es hier mindestens Eisbein oder Linsensuppe!« »Dafür sehen die Gäste aus, als hätten sie seit Jahrhunderten nichts mehr gegessen! Wozu dann noch Linsensuppe kochen?«, sagt der Pessimist.

Die beiden Bauern haben ihre Mützen einige Millimeter angehoben und beobachten schweigend die Monteure. Dann ergreift der vordere den Knobelbecher, schüttelt und läßt die Würfel rollen. Von irgendwo aus der Tiefe der Hölle ertönt eine Stimme: »Du hast doch eh keen Glück!«Der Bauer zieht die Mütze wieder ein Stück tiefer und sagt, ohne sich nach dem Gesprächspartner umzudrehen: »Was verstehst denn Du schon von Glück!« Eine andere, wahrscheinlich weibliche Stimme im Saal lacht herzhaft, bis sie husten muß. In diesem Moment steht der zweite Bauer auf, durchschreitet, das steife Bein hinter sich herziehend, geräuschvoll den halben Saal und verschwindet im schwarzen Loch des Durchgangs, über das sich ein handgemaltes, farbenfrohes Schild schwingt: »Zu den Spielgeräten« und »Toiletten«.

Nachdem die Mikrowelle die Buletten halb aufgetaut hat, bringt die freundliche Bedienung nicht ohne einen Anflug von Stolz die schwarzgrauen Fleischklöpse mit drei Gurkenscheiben, einem Stück bröseligem Weißbrot und sonnenblumengelben Servietten. »Die blenden ja geradezu!«, sagt der Optimist. »Ich finde, die sehen aus, als wären sie in den Senfpott gefallen!«, sagt der andere. Schweigend, wie die Einheimischen im Blauen Affen, stochern sie in ihrer Bulette. »Das Fleisch ist so grau wie die Leute, die hier sitzen.« – »Nee: die Leute sind so tot, wie das Fleisch, das wir essen!«, sagt der Pessimist. Und fügt hinzu: »Vielleicht ist’s ihr Fleisch!« An dieser Stelle endet das Gespräch. Die beiden Installateure wollen augenblicklich zahlen. Draußen reiben sie sich die Augen – so wunderbar hell erscheint ihnen plötzlich dieser graue Novembertag. <br>

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