Kreuzberger Chronik
September 2001 - Ausgabe 30

Der Monat

Armut und Erfindungsreichtum


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von Johann von Lorenz

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In der Regel sind es gutgekleidete Herren mittleren Alters, die sich auf dem Patentamt in der Gitschinerstraße jene Ideen patentieren lassen, die in den Forschungsabteilungen lukrativer Unternehmen von einigen engagierten Angestellten entwickelt wurden. Aber als der winzige Tanga auch in Deutschland große Mode wurde, da fanden sich plötzlich Teenies und Schulmädchen im Patentamt ein und verdutzten die Berliner Beamten mit ihrem Erfindungsreichtum. Denn die Mädchen hatten alle das gleiche Problem: Wohin auf dem schmalen Stoffstreifen mit der verdammten Einlage? Also konstruierten sie sich farbig passende Wattepölsterchen verschiedenster Formen und Größen, grübelten über Halterung, Design und Saugkraft, holten Papier und Bleistift aus der Lade und entwarfen einen Prototyp. Da jedoch die Slipeinlagenhersteller den Tanga weiterhin als eine vorübergehende Modeerscheinung behandelten und sich hartnäckig weigerten, Geld in die Entwicklung dieses sinnvollen Produktes zu investieren, entschlossen sich die Mädchen, ihre praktischen Erfindungen vorsichtshalber einmal selbst patentieren zu lassen.

Auf diese Idee mit der vermarktbaren Idee wären die Sechzehnjährigen vor 20 Jahren nicht gekommen. Da grübelte und bastelte man noch zum Vergnügen. Doch spätestens seit dem Fall der Mauer und immer selteneren Arbeitsplätzen beginnt die Jugend schon früh zu spekulieren: mit Aktien, Lottogewinnen, kleinen Geschäften und großen Ideen. Die Statistik belegt, daß seit 10 Jahren in Deutschland wieder verstärkt nachgedacht wird. Verbuchte man 1991, zwei Jahre nach der Wende, noch knapp 40000 Anmeldungen jährlich, durchbrach das Patentamt in Kreuzberg im Jahr 2000 die Schallgrenze: Mit 110000 Anmeldungen insgesamt, 16325 mehr als im Vorjahr und einem Anstieg um 17 Prozent, geht das Archiv der
Patentamt
40 Millionen Ideen! Foto: Nikolaos Topp

Erfinder in das Jahrtausend der Innovationen.

Not macht erfinderisch. Und wenn die Arbeitsplätze schwinden, flüchten die Entlassenen in die Selbständigkeit. Allein auf der Auskunftsstelle des Patentamtes empfängt man 50 bis 60 Besucher am Tag, die sich nach einem Schutz für ihre Geschäftsidee oder den patenten Namen erkundigen. Denn auch im Jahr 2000 kommen noch 13,4 Prozent der registrierten Ideen nicht aus den großen Häusern namhafter Unternehmen, sondern aus Hinterhofwohnungen und kleinen Studierzimmern. Ein lautstarkes Lebenszeichen des kleinen Mannes.

Und gerade bei diesen kleinen Männern (und Frauen! – die Setzerin) – so die Legende – finden sich die unwahrscheinlichsten Ideen. Das wissen auch die »Spione«, denen das Patentamt kostenlose Einsicht in über 40 Millionen Patentschriften gewährt. »Jeder kann in den Ordnern des Amtes nach der Lösung für ein Problem forschen, wobei für 95% dieser Lösungen der Schutz des Patentbriefes längst abgelaufen ist!«, sagt der Bibliotheksamtsrat Dr. Zimdars. Und jeder, der Lust und Kapital dazu hat, ist berechtigt, diese Ideen in die Tat umsetzen.

So erging es einst jenem Otto Lilienthal, der sich in der Gitschinerstraße nicht nur seinen Flugapparat sichern ließ, sondern auch die Idee mit den Spielzeugsteinen. Als das Patent für den Baukasten abgelaufen war, begann ein Mann namens Richter mit der serienmäßigen Fabrikation der Lilienthalschen Spielzeugsandsteine und gründete ein Unternehmen, das bis 1963 existierte. »Ich habe mir die Richtervilla in Rudolfstadt angesehen«, sagt Zimdars, »das ist schon ein gewaltiges Gebäude …« – Errichtet auf einer gestohlenen Idee.

Heute geht es den Erfindern weniger um Flugapparate oder Spielzeugbaukästen, sondern schlicht ums Überleben. Die meisten kommen, um den Namen des Geschäftes schützen zu lassen, mit dem sie in Zukunft ihre Brötchen verdienen wollen. Sie müssen überprüfen, ob schon jemand vor ihnen auf die Idee kam, den gewitzten Namen zu Geld zu machen. Schließlich zeigen sich gerade in Kreuzberg die Geschäftsgründer immer erfinderischer: Reißender Absatz heißt ein Schuhgeschäft, VorSatz ein Satz- und Grafikbüro, Hair Affair ein Frisör. »Hier bleibt einem doch gar nichts anderes übrig«, sagt ein junger Mann und schraubt das neue Schild an die Wand, »als ein Geschäft zu eröffnen, auf Gedeih und Verderb!« – Andere Arbeit gibt es in Kreuzberg kaum noch.

Im Juni dieses Jahres waren es trotz vielversprechender SPD-Regierung noch 18923 Kreuzberger, die auf die Almosen des Staates angewiesen waren. Das waren 661 Bürger weniger als im vergangenen Sommer. Rechnet man jene 5,2 Prozent von Freiberuflern, Künstlern, Ärzten mit, die sich arbeitslos gemeldet haben, dann kommt man in Kreuzberg auf eine Arbeitslosenquote von 29,4 Prozent.

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Ausverkauf in der Katzbachstraße Foto: Horst Peter

Ähnlich wie den Freiberuflern geht es den Selbständigen. Trotz guter Geschäftsideen und klingender Namen können sich nur wenige im Überlebenskampf durchsetzen. In der Katzbachstraße am Viktoriapark ziehen die Geschäftsbesitzer mit erstaunlicher Pünktlichkeit genau ein Jahr nach Eröffnung wieder aus. Wo ein Jahr lang ein sizilianisches Restaurant war, ist jetzt ein orientalisches Café, gegenüber der Gemüseladen und ein Bäcker weiter oben wechselten den Besitzer, und sogar der neue Trödler macht schlicht »Schicht« und lockt Kunden mit »Ab sofort Verkauf zu jedem akzeptablen Preis«. Die Idee mit den Vogelspinnen und Heuschrecken war originell, aber inzwischen sitzen die beiden Zoohändler vor ihrem Laden in der Sonne und warten darauf, daß der Mietvertrag ausläuft. Nur einige wenige – die unsterblichen Zigarettenhändler, Rudis Resterampe an der Ecke und dieser kleine Laden in der Katzbachstraße Nummer 17, der sich mit einem Kopierer, dem Fotoservice, ökologischen Waschmitteln, Postkarten, Disketten, Jeans und wunderbar weichen Rasierpinseln seine Stammkunden hält – haben die letzten Jahre in der Katzbachstraße überleben können.

Aber auch auf Kreuzbergs Vorzeigemeile wechseln die Läden ihre Besitzer, versuchen es Mutige mit einer Sushi-Bar und Hot Dogs, einer Boutique mit Strickmoden, einem Antiquariat mit auserlesenem Ausgelesenen. Ob die Geschäftsgründer Erfolg haben werden, ist angesichts der hohen Mieten in der Bergmannstraße und steigender Lebenshaltungskosten schwer vorauszusagen. Die Statistik jedenfalls gibt wenig Grund zur Hoffnung. 1999 zählte man in Kreuzberg 1678 Gewerbeanmeldungen. 1623 wurden wieder abgemeldet. Stellt man diese Zahlen vergleichbaren Eintragungen und Löschungen im Gesamtberliner Register gegenüber, sieht es noch ungünstiger aus für die Kreuzberger. Denn in Groß-Berlin stehen 5317 vergleichbaren Anmeldungen nur 3389 Abmeldungen gegenüber. Auch der Blick vier Jahre zurück scheint den Trend zu bestätigen: Wenn sich 1999 in Kreuzberg Anmeldungen und Abmeldungen gerade noch die Waage halten, überlebte 1997 statistisch gesehen immerhin noch jeder 5. Geschäftsgründer das Jahr.

Unternehmensgründungen aber sind die letzte Chance für den Bürger und die einzige für die neue Regierung. Anders wird sie diese Arbeitslosenzahlen nicht mehr los. Deshalb fördert sie unternehmensbildende Maßnahmen. Allein 1999 wurden in Berlin existenzgründende oder existenzerhaltende »Kredite an Nichtbanken« in Höhe von 257855 Millionen Mark vergeben. Doch obwohl die eine oder andere Mark davon auch nach Kreuzberg geflossen sein wird, meldeten im vergangenen Jahr 108 Kreuzberger Unternehmer den Konkurs an. Um nun nach den Angestellten und Arbeitern nicht auch unter den Selbständigen eine Endzeitstimmung aufkommen zu lassen, unternehmen verschiedenste Institutionen und Aktionsgruppen die verschiedensten Anstrengungen. Und ob von rechts oder links, sie zielen alle in dieselbe Richtung: nach Amerika. Dort hat sich doch jeder noch irgendwie seine eigene Existenz aufgebaut, ohne gleich die Hand aufzuhalten. »Und warum soll denn das nicht auch bei uns funktionieren!« So reden die Politiker und loben jeden, der den Sprung in die Selbständigkeit wagt. Den Regierenden, egal ob sie nun sozialen oder unsozialen Parteien angehören, geht es schließlich darum, Steuern einzunehmen, anstatt Steuern – etwa für Arbeitslose – wieder auszugeben.

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Foto: Horst Peter
Wenn es EU-Gelder gibt, dann sind die lokalen Politiker sogar bereit, sich persönlich für die Sache zu engagieren. Aktiv wurde zum Beispiel Peter Strieder, als er vom Projekt »Soziale Stadt« erfuhr, das Maßnahmen gegen die Verslumung in europäischen Großstädten unterstützt. Seitdem hilft Brüssel bei der Finanzierung der auf die Schnelle ins Leben gerufenen Kreuzberger Quartiersmanagments und schaffte mit diesem Projekt Arbeitsplätze für SPD-Mitglieder und andere von senatsverschriebenen Sparmaßnahmen bedrohte Beamte. Auch der in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindende »Ideen- und Gründerwettbewerb« von Friedrichshain-Kreuzberg hat interessante Ideen hervorgebracht. Eine Internetsuchmaschine für Musiktitel wurde erfunden und der Prototyp eines kameratragenden Modellhubschraubers entworfen, aus einigen Schulabgängern wurden Jungunternehmer. Doch für die meisten Erfinder geht das Leben weiter wie bisher.

Denn die Konkurrenz ist groß. 1999 hat die Mannesmann Sachs AG 221 ausgeklügelte Erfindungen angemeldet. Doch Mannesmann rangiert lediglich auf dem 50. Platz der Top Fifty unter den Patentanmeldern. Ganz oben auf dem Siegertreppchen im Kampf um Innovation und Erfindungsreichtum stehen drei große deutschen Namen: Siemens, Bosch und BASF. Allein Siemens brachte es im Siegesjahr auf 3743 angemeldete Patente.

Der Jahresbericht des Patentamtes vermerkt zufrieden, daß das Erfinden Konjunktur habe und »die in den letzten Jahren zu beobachtende positive Entwicklung« anhalte. Auf 100000 Einwohner kommen statistisch schon 62 kreative Erfinder. Doch von diesen 62 sogenannten Erfindern arbeiten 61 in Versuchslaboren. Auch den freien Markt der freien Ideen beherrschen längst einige wenige Konzerne. Und den gerechten Lohn für eine gute Idee gibt es heute ebenso selten wie den gerechten Lohn für jenen, der noch seine Arbeit hat. <br>

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