Kreuzberger Chronik
September 2001 - Ausgabe 30

Lobito Fischer Kreuzberger
Lobito Fischer, Erfinder




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von Hans W. Korfmann

Fotos: Wolfgang Krolow

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Im Mai des Jahres 1986 klingelten in einer Parterrewohnung im Hinterhof der Kreuzberger Arndtstraße zwei Männer der städtischen Strombetriebe, klemmten die Leitungen ab, demontierten den Stromzähler, packten den schwarzen Kasten in ihren VW-Bus und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Sie verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren: Nur einen Tag zuvor hatte Lobito Fischer telefonisch seinen Verzicht auf weitere Dienste der Berliner Stromversorger erklärt.

Sie beeilten sich, weil wenige Tage zuvor 1000 Kilometer von Kreuzberg entfernt das Kühlaggregat eines Atomreaktors ausgefallen war, worauf ein Feuer ausbrach, eine giftige Wolke in den Himmel stieg und Kurs auf Europa nahm. Daraufhin boykottierten viele umweltbewußte und ohnehin nicht besonders wohlhabende Kreuzberger den tödlichen »Atomstrom«, der da aus ihren Steckdosen floß, indem sie auf die Zahlungen der Rechnungen verzichteten. Lobito Fischer allerdings ist ein Mensch mit Prinzipien, der sich sagte: »Wenn ich den Strom bestellt habe, dann bezahle ich ihn auch!« – Also bestellte er ihn ab. Und brachte von da an mit Kerzen Licht ins Dunkel.

Lobito Fischer
Foto: Wolfgang Krolow
Nun aber ist Lobito Fischer ein einfallsreicher und erfindungsreicher Mensch, und als er nach einem dunklen Winter zu dem Schluß kam, daß die Erfindung der Kerze durchaus ein Segen für Menschheit, jedoch Kreuzberger Hinterhofparterredomizilen nicht gewachsen sei, entschloß er sich zur Tat. Zuerst stellte er die erstaunliche Symbiose von einem Fernsehsessel und einem Heimtrainer in seinem Zimmer auf. In zehn Minuten hatte er den Strom für eine ganze Stunde zusammengeradelt. Doch die zehn Minuten summierten sich im Lauf der Wochen zu Stunden. Also kreierte er einen Beleuchtungskörper, bestehend aus einer Kerze und zwei Lampen, wobei die Kerze den Strom für die zwei Glühbirnen lieferte. Dann begann er, mit selbstkonstruierten »Heißluftmaschinen« und Aggregaten zu experimentieren, die es am Ende auf immerhin 400 Umdrehungen pro Minute brachten – angetrieben von der kleinen, unscheinbaren Flamme einer einzigen Kerze. Noch heute experimentiert der Tüftler an einer Membran, die eines Tages den energieverschlingenden Kolben ersetzen und den Kerzenmotor effektiver machen soll.

Eines schönen Tages hatte Lobito Fischer seine Wohnung komplett auf einen sparsamen Zwölf-Volt-Betrieb umgestellt. Und er war autark – abhängig nur noch von der Sonne, deren Lebenserwartung beruhigend viel größer ist als die eines jeden Atomkraftwerks. Vor dem Fenster, über seinem vier Quadratmeter großen Innenhofkräutergarten mit 97 verschiedenen Pflanzenarten, sammelt ein Kollektor ihre Strahlen ein und speist damit zwei Solarbatterien, von denen verschiedenste Drähte in alle Richtungen und Zimmer der Wohnung laufen. Letztes Relikt aus der 240-Volt-Periode im Haushalt ist das Innenleben eines handelsüblichen Durchlauferhitzers im Badezimmer, dessen alte Kupferleitungen der Bastler immerhin noch gebrauchen konnte, um sein ökologisches Warmwasser in die Badewanne fließen zu lassen. Die Stromleitungen jedoch sind längst gekappt.

Warmes Wasser produziert Lobito Fischer in dem alten »Küppersbusch«, den er einmal von der Straße mitgenommen hat: ein emailliertes, verchromtes, hundert Kilo schweres Schmuckstück eines genialen Kochherdes aus den Zwanzigern, zu betreiben im Winter mit Holz und im Sommer mit Gas. An den Seiten der kleinen Brennkammer hat er eine Kupferspirale und damit die einfachste Form eines Durchlauferhitzers installiert. Inzwischen winden sich sechs verschiedene Leitungen aus Schläuchen und Kupfer die Wand hinauf, kreuzen einander, teilen sich, laufen hinüber ins Badezimmer, zum Waschbecken in der Küche, oder in den großen, dick verpackten Speicher. Fischers Warmwassersystem ist derart ausgeklügelt, daß vier Holzscheite und eine halbe Stunde für die Produktion von 60 Liter heißem Wasser reichen, das im Speicher drei Tage lang seine Duschtemperatur konserviert. Auch den 12-Volt-Kühlschrank hat er dezimeterdick mit Styropor eingepackt und ein kompliziertes Kühlaggregat dazu entwickelt, doch ähnlich wie Fischers Heißluftmaschinen ist die Kühlmaschine noch nicht ganz ausgereift und einige kleine Schritte von der Serienproduktion entfernt. Immerhin hat die Erfindung zwei Berliner Sommer lang funktionstüchtig überstanden.

Es gibt kaum ein Utensil in der Welt des Lobito Fischer, das seine Existenz nicht einer Idee des Hausherrn verdankte und nicht die unverkennbaren Züge des Lobito Fischer trüge. Die Brille, die er trägt, ist ebenso ein Produkt seiner Phantasie wie dieser geniale Schmuckkoffer, mit dem er manchmal abends durch die Kneipen zieht. Und wie diese silberne Unterwasserwelt, die sich da den trägen Bierberauschten plötzlich eröffnet, wenn Fischer mit seinem schüchternen Lächeln den Deckel seines glitzernden Zauberkastens öffnet und seine Schmuckfische zeigt: Zackenbarsche, Kugelfische, Piranhas, Seepferdchen, Schmetterlingsfische … – die ganze phantastische Unterwasserwelt des Lobito Fischer in Form von Ohrringen, Amuletten, Manschettenknöpfen …

Lobito Fischer
Foto: Wolfgang Krolow
»Das war schon irre, diese Versuchstation, die sie da in Chile ins Meer hinein gebaut hatten, halb auf Stelzen, halb auf den Felsen, mit den riesigen Aquarien und den riesigen Fischen. Mein Vater arbeitete dort als Meeresbiologe. Erst später, als ich zehn war, sind wir dann nach Rom gezogen. Aber da gab es schließlich auch ein Meer.«

Das eroberten sie mit dem Schlauchboot, er und seine Freunde. Zehn, fünfzehn Jahre waren sie damals, und schnorchelten und tauchten nach der Welt unter Wasser. Deshalb auch war das erste, was der Sohn des Meeresbiologen erfinden wollte, nicht eine Lampe, sondern ein Boot. »Es hatte unter dem Boden am Bug ein Stöckchen, und daran war ein Stück Styropor befestigt. Wenn man das nun untertauchte, trieb es das Boot voran. Und ich glaubte natürlich sofort, ich hätte einen Motor erfunden.«

Das Wasser war des jungen Fischers Element. Und er konnte nicht genug bekommen davon, das Meer vor der Haustür reichte ihm nicht aus, er mußte es noch mit nach Hause nehmen, das Meer, in einem großen Aquarium. Einem Meeresaquarium. Der Vater versuchte ihm das komplizierte Gerät auszureden, aber er ließ sich nicht beirren, grübelte tagelang über der Konstruktion eines billigen Filters und baute sich alles zusammen, daß der Vater staunte. Die teuren Fische fing sich Lobito aus dem Meer, mit speziellen, eigens für den Fang von Seepferdchen konstruierten Netzen zum Beispiel.

Oder mit diesem Schlitten. Denn eines Tages bemerkten die jungen Fischer, daß die Fische sie längst bemerkt und sich schleunigst ins Seegras verkrochen hatten, wenn die Burschen mit ihrem Schlauchboot anruderten. Also bastelten sie sich diesen Schlitten aus Plexiglas, unten offen und am Ende mit einem Netz versehen. Den zogen sie über den Meeresgrund, die Bewegung scheuchte die Fische auf und durch den gläsernen Käfig ins Netz.

Mit diesem erfolgreichen System verdiente sich Lobito noch als Abiturient ein ziemlich gutes Taschengeld. Aus dem Sohn des Meeresbiologen war ein Zierfischspezialist geworden, den einige Aquarianer Roms zu schätzen wußten. Der junge Mann schien jeden Fisch im Pazifik persönlich zu kennen und nannte sie alle mit lateinischen Namen. Im Thyrennischen Meer tauchten er und seine Freunde mit ihren Flaschen tiefer als die Fische selbst. Als Lobito eines Tages davon erzählte, daß er in den Ferien gerne nach Brasilien fahren würde, legten die Fischhändler zusammen, spendierten ihm den Flug und gaben eine Bestellung auf.

»Ich habe höchstens drei Tage gebraucht, dann hatte ich die vierzig Fische zusammengetaucht. Und dann also in Plastiktüten und zum Flughafen. Ein Drittel Wasser, zwei Drittel Luft. Das war eine ziemlich heikle Angelegenheit, denn wir hatten ja zwei Tage Aufenthalt in London. Der Kammerdiener hat vielleicht geguckt, als er eines Tages hochkam und die Badewanne voller tropischer Fische sah! Und dann noch von Genua nach Rom, 8 Stunden im Zug. Ich dachte, ich schaff’s nicht mit meinen Plastiktüten im Rucksack. Aber ich hab sie alle gesund nach Rom gebracht. Und die Zierfischhändler waren echt begeistert! Die hätten mich am liebsten gleich wieder weggeschickt.«

Sie hatten schon eine Firma gegründet, Lobito Fischer und seine Freunde, »Cobimar«, was so viel heißen sollte wie »Meeresbiologische Kooperative«. Sie belieferten Zoos, Forschungsreinrichtungen und Aquarien in Italien, Deutschland und einmal sogar bis in die USA. Sie lieferten Fische, Pflanzen, »lebende Steine« und »lebenden Meeressand«, den sie trickreich aus der Tiefe des Mittelmeeres baggerten, und der den Aquarien zu neuem, unerwarteten Leben verhalf, wenn nach einigen Tagen aus dem scheinbar toten Sand plötzlich Fische, Krebse, Wasserspinnen schlüpften. Sie lieferten den teuren Sand schon LKW-weise. »Das war das einzige Mal in meinem Leben, daß ich wirklich Geld verdiente!«, sagt Lobito und nickt ernst. Seine Freunde verdienen noch heute damit.

Lobito aber entschloß sich, zu studieren. Meeresbiologie natürlich. Aber ausgerechnet am Fuß der Alpen, in München! Denn Lobito hatte ein deutschsprachiges Abitur in der Tasche. Aber nach zwei Semestern reklamierten die Bayern den chilenischen Vater des Studenten und forderten Lobito auf, das Land zu verlassen. Der junge Mann mit dem Namen Fischer mußte zuerst einen deutschstämmigen Großvater nachweisen, bevor man ihm einen deutschen Paß anvertrauen wollte. Doch der Preis für das Bleiberecht war hoch: Schon wenige Tage später sollte der Meeresbiologe bei der Bundeswehr einrücken. Da tat er das, was damals so viele taten: Lobito Fischer flüchtete in den Freistaat an der Spree.

Lobito Fischer
Foto: Wolfgang Krolow
Das ist jetzt 18 Jahre her. Manchmal, im Sommer, fährt er zum Tauchen nach Italien, und manchmal nimmt er die Harpune mit. Aber ein richtiger Fischer ist Fischer nicht mehr. Auch das Studium hat er längst aufgegeben. Lieber feilt er an seinen kleinen, silbernen Schmuckfischen. Es sind geniale Fische. Sie haben so ihre Art, jeder von ihnen ist anders: die Muräne, der Drückerfisch, der Papageienfisch, die Lederjacke … – Kein Mensch sieht Fische so wie dieser Fischer. Deshalb haben andere schon heimlich Güsse angefertigt – Raubkopien von Lobitos Originalen.

Nebenbei feilt er weiter an seinen Lampen. Nicht mehr die für die Wohnung. Da ist es hell genug jetzt. Nein, jetzt sind es die Taschenlampen, die ihm Kopfzerbrechen bereiten. Schon in Italien, als er für eine der Höhlenexpeditionen der drei Freunde eine wasserdichte Taschenlampe bauen wollte, hatte er sich mit diesem Problem beschäftigt. Jetzt hat er es gelöst. Vor einigen Wochen ist er auf dem Patentamt in der Gitschinerstraße gewesen und hat seinen Brief in einen dieser sieben Briefkästen geworfen, »für jeden Wochentag einen. Damit man hinterher weiß, wer zuerst auf die Idee kam. Falls zwei beinahe gleichzeitig die gleiche Idee haben!« Jetzt hat er ein Patent in der Tasche. Er ist der Erfinder einer Lampe.

Sie steht da wie eine Rakete in der Abschußrampe: eine elegante, langgestreckte, Metallröhre in dem filigranen Gestell mit dem Solarmodul. Ausgestattet mit 7 kräftigen Leuchtdioden, einer Brenndauer von 20 Stunden, aufladbar auf jedem sonnigen Fensterbrett. Zu benutzen als Taschenlampe auf nächtlichen Exkursionen und als Tischlampe – ein ausziehbarer Spiegel wirft das Licht auf den Tisch zurück. Ein kleines Schmuckstück und eine gelungene Synthese zwischen Kunst und Technik.

»Und die ist wasserdicht. Bis zu 100 Meter Tiefe!« – Sagt Lobito, zieht die Augenbrauen hoch und nickt bedeutungsvoll. <br>

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