Kreuzberger Chronik
September 2001 - Ausgabe 30

Die Literatur

Christoph Bauer: »Jetzt stillen wir unseren Hunger«


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von Christoph Bauer

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Wir gingen still nebeneinander her, die Uferpromenade entlang. Alle meine Sinne waren auf sie gerichtet, ich glaubte, eine Wärme von ihr ausgehend zu spüren, obwohl wir uns nicht berührten, natürlich nicht, ich glaubte, sie zu riechen, ein sehr angenehmer, anziehender, frischer und doch warmer Geruch, von Zeit zu Zeit sah ich sie von der Seite an, sie ging ruhig und gleichmäßig und, wie mir schien, in vollendetem Gleichtakt mit meinen Schritten, eine warme Vertrautheit lag in unserem gemeinsamen Vorwärtsgehen. Eine ideale Spaziergefährtin, das ist eine Weggefährtin, dachte ich. Als wir die Waterloobrücke erreicht hatten, wandte ich mich ihr zu und sagte, schau, diese schmucklose und unbedeutende Brücke nennt man Waterloobrücke, ist das nicht lustig? Sie sagte, auf die schäbigen Nachkriegshäuser in der Johanniterstraße deutend, vielleicht sind wir ja hier im Waterlooviertel. So ist es, sagte ich, hier haben die alliierten Flieger alles gründlich weggeputzt, die Brücke eingeschlossen, hier haben die Kreuzberger eines ihrer Waterloos erlebt, von hier bis zum Blücherplatz und hinunter bis zur Blücherstraße und hinauf bis zur Hochbahn, dem Waterlooufer, ist nichts stehen geblieben. Ich fragte sie, wohin sie jetzt gehen wolle, zurück am Ufer entlang vielleicht, und sie sagte, nein, ich will mit dir deinen Weg gehen, und du gehst nie am Ufer entlang zurück, das weiß ich. Ich lachte und sagte, du bist eine sehr aufmerksame Beobachterin, aber ich muß dich warnen, meine Runde führt jetzt über so manche donnernde Straße und Kreuzung, es ist kein sonderliches Vergnügen, den Mehringdamm nachmittags im Verkehrsterror zu überqueren, zum Beispiel. (…)

Ich erzähle immer nur wahre Begebenheiten und Geschichten, ich berichte Tatsachen, und trotzdem ist es eine seltene Ausnahme, wenn mir einer glaubt. Es glaubt mir zum Beispiel nie jemand, wenn ich sage, daß noch bis vor kurzem Pein und Elend das Friedhofswärterhäuschen eines abgelegenen und von mir nur zu besonderen Anlässen aufgesuchten Friedhofs bewohnt haben. Ich ernte immer nur ungläubiges Stirnrunzeln, wenn ich mit dieser Behauptung anrücke, und ich könnte genausogut sagen, Pech und Schwefel seien die Hausmeister der Chemiefabrik im Wedding, so sehen die Leute mich an, wenn ich mit Pein und Elend ankomme, dabei ist es die reine Wahrheit, und jeder hätte sich davon anhand der Namensschilder überzeugen können. Beide hatte ihre Klingel, Pein unten im Erdgeschoß, Elend oben im ersten Stock. Irgendwann müssen sie sich dann zerstritten haben, und Elend hat Pein vertrieben, vielleicht ist Pein auch gestorben oder verrückt geworden, jedenfalls ist er verschwunden. Halt, ich weiß gar nicht, ob er verschwunden ist, ich weiß nur, daß sein Namensschild nicht mehr da ist. Vielleicht war Pein der ständigen Klingelstreiche überdrüssig, und da hat er, trickreich wie er wahrscheinlich ist, einfach sein Namensschild von der Klingel entfernt. Es ist ja naheliegend, daß man Pein oder Elend oder beide gleichzeitig gerne herausklingelt, um sich ein Bild von ihnen zu machen, und Pein und Elend mußten alle Augenblicke ihre Köpfe zum Fenster oder zur Tür herausstrecken, mal der eine, mal der andere, dann wieder beide gleichzeitig, und niemand war für sie zu sehen, denn der neugierige Klingler hat sich natürlich hinter einem Baum versteckt, von wo aus er Pein und Elend in aller Ruhe studieren konnte. Ich werde der Sache nachgehen. Wenn sich herausstellt, daß Pein doch noch das Erdgeschoß des Friedhofswärterhäuschens bewohnt, werde ich eigenhändig seinen Namen wieder dort an der Klingel anbringen.

Entnommen aus Christoph Bauer, »Jetzt stillen wir unseren Hunger«, S. Fischer Verlag, 2001

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