Kreuzberger Chronik
September 2001 - Ausgabe 30

Die Begegnung

Ein Kreuzberger am Reichstag


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von Michael Unfried

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An einem sonnigen Sommertag bestieg Herr K., deutscher Durschnittsbürger mit vier Wochen Urlaub im Jahr, von denen er zwei in Berlin verbrachte, sein Fahrrad, um von Kreuzberg nach Wedding zu radeln. Erklärtes Reiseziel war der Plötzensee mit den Sonnenschirmen und den nostalgischen Strandkörben. Eine idyllische Miniaturausgabe des Wannsees mit knappen Bikinis, Tretbötchen, Eis am Stiel, Bratwurst und Pommes. Hundert Meter Adriastrand in Berlin.

K. trat kräftig in die Pedale, schnellstmöglich wollte er Kreuzberg hinter sich lassen, am Reichstag vorbei, am Kanzleramt, dann war er der Erste in den braunen Wassern des Badesees. Die Straßen waren belebt wie immer um diese Zeit, doch anders als sonst gab man sich heute gemütlich. Cabriofahrer hatten die Radios aufgedreht und klopften mit den Fingern am Lenkrad den Takt, die Frauen trugen riesige Sonnenbrillen und lange, braune Beine. Gutgelaunte Taxifahrer ließen die Arme aus dem Fenster baumeln. Mountainbiker überholten K. rechts und links und gleichzeitig, Inline-Skater zogen in Zeitlupe an ihm vorüber, aus den Hauseingängen traten Berliner mit Lautsprechern im Ohr, in der Oranienstraße sprengte plötzlich eine Reiterin über die Kreuzung, und die junge Frau, die er beinahe umgefahren hätte, lächelte, anstatt ihn, wie sonst üblich, als »Alter Wichser!« zu beschimpfen.

K. dachte daran, den Reichstag mit seinen anarchistisch gelaunten Touristenhorden zu meiden, die sich benahmen, als sei Berlin von der Straßenverkehrsordnung befreit. Diese Menschen in kurzen Hosen, Sandalen und weißen Hemden, die das Brandenburger Tor für die Akropolis oder den Petersdom hielten. Aber K. hielt Kurs. Schon hatte er den Potsdamer Platz hinter sich und sah die Kuppel des Reichstags am Horizont aufragen, schon standen Fotografen mitten auf der Straße, Eisverkäufer, Souvenirverkäufer, freundliche Polizisten. Es herrschte der Ausnahmezustand. K. hielt sich am äußersten Rand der Fahrbahn, passierte unversehrt das legendäre Tor und folgte vorsichtig der Spur der Straße, die nun im rechten Winkel links abbog, um den öffentlichen Verkehr um das Gebäude des Reichstags zu leiten. Da passierte es. Er bremste noch ein wenig, dann bumste es. Der Reifen seines alten Herrenrades war an die Hintertür der Limousine gestoßen, die den Hintereingang des Reichstags ansteuerte.

Möglicherweise war sie schon eine Weile neben ihm hergefahren, hatte ihn beobachtet, wie er im Schrittempo am äußersten Rand jonglierte, und war zu der Auffassung gelangt, er würde dem schwarzen Mercedes die Vorfahrt überlassen, der die öffentliche Straße verlassen und geradeaus in die Privatstraße des Reichstages einfahren wollte. Aber da hatte sich der Chauffeur geirrt. Er sah verärgert aus.

Auch der Staatsschutzmann, der an dieser Stelle postiert war, um keine Unbefugten zum Hintereingang des Reichstags vordringen zu lassen, verzog keine Miene und unternahm keinen winzig kleinen Schritt, um sich dem Ort des Geschehens zu nähern. Die Angelegenheit war heikel. Zu ersichtlich war die Vorfahrt des Fahrradfahrers.

Der Abgeordnete im Fond des Wagens sah kurz zu K. herüber, dann besann er sich eines besseren und betrachtete linkerhand das Reichstagsgebäude. Der Chauffeur dagegen blickte in den Spiegel und wechselte einige Worte mit seinem Chef. Dann nickte er, stieg aus, lief, den Blick auf den Boden geworfen, einmal um die Kühlerhaube herum und inspizierte die Stelle, wo der Reifen des Herrenrades den Lack des Herrenautos hätte beschädigen können. Dann, ohne ein einziges Wort etwa des Grußes oder der Entschuldigung, ohne einen einzigen Blick in K.’s verdattertes Gesicht, nahm er wieder seinen Platz hinter dem Lenkrad ein und fuhr am grüßenden Polizisten vorüber.

K. grüßte nicht. Er stand noch immer am Straßenrand. Er hatte geglaubt, Politiker besäßen Anstand. Politiker trügen Sorge für Leib und Wohl ihrer Mitmenschen. Daß ihre einzige Sorge dem Lack der Limousine galt, enttäuschte ihn.

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