Kreuzberger Chronik
Oktober 2001 - Ausgabe 31

Der Monat

Parkbegehung


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von Anna Strewitz

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Sie rechen auf den Friedhöfen die Wege und sammeln das Laub, sie polieren als Putztruppe die Flure öffentlicher Verwaltungsgebäude, sie klauben die Papierschnipsel von den Bürgersteigen und »dürfen auch mal eine Bank im Park anstreichen – wenn sie etwas geschickter sind.« Die Rede ist von den sogenannten »Drei-Mark-Leuten«, Langzeitsozialhilfeempfängern, die man vor die Wahl gestellt hat, entweder ganz auf die Sozialhilfe zu verzichten, oder aber gegen drei oder fünf Mark Zuzahlung pro Arbeitsstunde ihre monatliche Finanzstütze durch »gemeinnützige Tätigkeiten« im öffentlichen Raum zu ergänzen. Da die Tätigkeit auf 60 Stunden im Monat begrenzt ist, können sie sich maximal bis zu 180 Mark hinzuverdienen – und sind damit auch nicht glücklicher als zuvor.

Deshalb machen die Ärmsten unter den Gärtnern und Papierschnipselsammlern meistens ein mürrisches Gesicht. Deshalb sitzen sie oft lustlos auf der Bank, den Rechen neben sich im Gebüsch, rauchen oder unterhalten sich. Sie warten darauf, daß die Zeit abläuft. Manchmal blicken sie hinüber zu den anderen frühzeitig aus dem Arbeitsleben Ausgeschiedenen, die ein paar Bänke weiter drüben Büchsen und Flaschen aus ihren Plastiktüten ziehen und von Mann zu Mann oder Frau weitergeben, bis der Tag vorüber ist. Und wenn sie denen so zusehen, dann ahnen sie, daß es nur noch ein kleiner Schritt ist bis da drüben. Denn wenn sich der ehemalige Bankkaufmann oder der gelernte Philosoph weigert, acht Stunden am Tag sinnlos auf einer Bank zu sitzen und zwei Päckchen Zigaretten zu rauchen, dann droht ihm der Abstieg in den Abgrund. Dann fällt er durchs Netz der sogenannten sozialen Marktwirtschaft.

Am Netz, so häßlich und ungerecht es sein mag – denn es ist längst kein eigenes Verschulden mehr, sondern der Zufall, der den einen ins Netz fallen läßt und den anderen daneben –, wird derzeit heftig gebastelt und geflickt. Obwohl das Netz umstritten ist, da gerade mit diesem Netz schon viele Arbeitsplätze vom Markt gefischt wurden. Doch das schien die von Sparzwängen unterdrückte Regierung wenig zu stören. So kam es, daß sie ihren Bürgern einerseits Arbeitsplätze versprach, andererseits jedoch Reinigungsfirmen und Gartenbaufirmen, die bis dahin in öffentlichen Gebäuden und Parkanlagen tätig waren, kündigte, um anschließend Sozialhilfeempfänger für wenige Mark die gleiche Arbeit verrichten zu lassen. Das erinnerte an böse Zeiten, als über den Werkbänken noch der segensreiche Spruch stand: Arbeit macht frei. Und tatsächlich argumentieren auch die Erfinder der modernen menschlichen Abstellgleise damit, die Ausführung solch sinnvoller, gemeinnütziger Tätigkeiten könne die Ausgeschiedenen wieder in die Gesellschaft eingliedern. Doch die zum Parkbanksitzen Verurteilten machen nicht den Eindruck, Integrierte zu sein. Im Gegenteil: Das Sitzen im Park ist kaum besser als das Sitzen im Knast. Man wartet auf bessere Zeiten. Selten wurde Ausbeutung so dreist als gute Tat verkauft wie bei den Arbeitsmaßnahmen für Sozialhilfeempfänger. Und noch nie wies man die Schuld für ein fehlerhaftes System so weit von sich.

Dennoch findet man immer neue Verwendungsmöglichkeiten für die sogenannten Langzeitarbeitslosen. Seit zwei Monaten stehen im Viktoriapark einige Männer und Frauen auf scheinbar verlorenem Posten. Sie sollen sich um das Wohl der Allgemeinheit kümmern. Sie gehen im Park spazieren, sitzen auf den Bänken in der Sonne, oder sie wandeln mit auf dem Rücken verschränkten Armen wie die Museumswärter vor einem Picasso vor den Liegewiesen auf und ab. Auf der Brust tragen sie, so wie die netten Hostessen aufwendiger Werbeveranstaltungen und die netten Verkäufer bei Mercedes Benz, ein Schildchen, das sie als »Parkbegehung« und darüber hinaus als Mensch etwa mit dem Namen Heinz Harald Fransen auszeichnet.

Der neue Service der »Parkbegehung« hat die Aufgabe, in den Kreuzberger Grünanlagen für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Er soll undisziplinierte Hundehalter auf die neuen deutschen Paragraphen hinweisen, Gefahrenzonen in Form von Fallgruben oder Glatteisbildung an die Gärtnerei melden, das Volk vor Handtaschenräubern und anderen Unholden bewahren. Für 20 Frauen und Männer, die im Görlitzer Park, am Mariannenplatz und im Viktoriapark nach dem Rechten sehen sollen, hat das Arbeitsamt bis Juli 2002 ABM-Stellen eingerichtet.

Parkbegeher
Das Konzept der Parkbegehung kommt von einer Firma namens ProAB-GmbH, die in Zusammenarbeit mit den Berliner Arbeitsämtern bereits einige ähnliche Projekte zur Wiedereingliederung Arbeitsloser und Sozialhilfeempfänger ins Arbeitsleben ausgetüftelt hat. Es ist womöglich ihre bislang beste Idee. Denn einerseits werden die 20 Mitarbeiter von ProAB nach den geltenden ABM-Tarifen bezahlt und nicht mit Almosen abgespeist wie die Sozialhilfeempfänger. Andererseits gefährden sie keine Arbeitsplätze des sogenannten 1. Arbeitsmarkts, da sich für diese Aufgaben weder die Gärtner noch die Polizeistreifen im Park wirklich verantwortlich fühlen. Einer Auseinandersetzung mit Dobermannbesitzern gehen alle Beteiligten gerne aus dem Weg.

Die Parkbegeher scheuen den Dialog nicht. Denn es ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, die ein Parkbegeher mitbringen muß, wenn er diesen Job haben möchte: Kommunikationsfreudigkeit. Außerdem braucht er eine Spur von Hartnäckigkeit, da Parkbegeher keinerlei Befugnisse haben, keinen Gummiknüppel und keinen Anzeigenblock. Sie müssen allein durch die Kraft des Wortes ihre Mitbürger von Recht und Ordnung überzeugen. Und sie scheuen sich auch nicht, es wieder und wieder zu sagen: »Legen Sie ihren Hund bitte an die Leine!« Vier, fünf Tage hintereinander, in immer dem gleichen, freundlichen Ton. »Spätestens nach einer Woche leinen die ihren Waldi freiwillig an, schon allein, weil sie diesen Spruch nicht mehr hören können! Und nach zwei Wochen grüßt man sich dann schon im Vorübergehen.« Im Grunde, sagt einer der Begeher, sei das wirklich mal eine ganz sinnvolle Einrichtung, insbesondere die älteren Leute und die Frauen auf den Spielplätzen hätten den neuen Service äußerst dankbar aufgenommen.

Die Idee des Einsatzes von Langzeitarbeitslosen als staatlich bezahlte Spaziergänger in Berliner Parkanlagen sei sogar in Brüssel positiv aufgefallen, erzählen die Parkbegeher. Das Projekt würde, zur Freude der Arbeitsämter, auch finanziell von dort unterstützt, da die Parkbegeher »keine Pflichtaufgaben der Kommune oder gemeinnützige Aufgaben« übernehmen, sondern eine zusätzliche Leistung erbringen würden. Hier wurden tatsächlich neue Arbeitsplätze geschaffen – und nicht bereits vorhandene durch Billigarbeitskräfte wie Sozialhilfeempfänger besetzt.

Und der Lohn stimme auch. Im Wesentlichen, schmunzelt einer der Geher, bestünde ihre Arbeit ja darin, »Präsenz zu zeigen«. Mit dem Schildchen auf der Brust umherzuwandern und zu demonstrieren: Hier ist jemand, der aufpaßt. Im Winter freilich sitzen die Parkbegeher oft in ihrem Bauwagen, schieben Briketts in den kleinen bullernden Ofen, trinken Kaffee und lesen ihre Zeitung. Es gibt schlechtere Jobs als diesen, und kaum einer von ihnen gibt ihn gerne wieder auf. Doch das werden sie im nächsten Sommer müssen. ABM-Projekte sind eben keine Arbeitsplätze auf Lebenszeit. Egal, wie sinnvoll die Tätigkeit auch gewesen sein mag. <br>

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