Kreuzberger Chronik
Oktober 2001 - Ausgabe 31

Essen, Trinken, Rauchen

Im orientalischen Café


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von Achim Fried

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In der Katzbachstraße ist jeder auf der Durchreise. Hier hält kein Taxi am Straßenrand und hier parkt kein Lieferwagen, hier rasen selbst die Radfahrer mit überhöhter Geschwindigkeit den Berg herunter.

Auch am »Orientalischen Café« würde alles vorübergehen. Doch da sitzen am Nachmittag einige Männer im Schatten der Häuser an den Tischen und spielen Karten oder Tavli. Sie trinken Tee oder Mokka mit Kardamon, und sie ziehen aus bunten, langen Schläuchen Rauch ein und pusten dicke, weiße, duftende Wolken wieder aus. Während auf dem Asphalt die Stadt in unaufhaltsamer Bewegung ist, blubbern in der Katzbachstraße Nr. 30 die Wasserpfeifen. Die aromatisierten Tabake verbreiten den Duft von Apfel, Blumen, Yasmin oder Trauben, einen Hauch des Orients in der benzolreichen Berliner Luft.

Doch vom Kartenspiel und vom Rauch allein leben auch die Bescheidensten nicht. Deshalb gibt es Couscous, einfach, traditionell und für wenig Geld. Couscous, abwechselnd mit Huhn oder Lamm. Es gibt Fatousch, den orientalischen Salat, und exotische Nachspeisen. Zur Erfrischung serviert man Tee in winzigen Tassen oder Gläser mit Guavensaft und anderen durststillenden Flüssigkeiten namens Jalab, Tamer Hindi oder Laban. Um dem westlichen Geschmack wenigstens ein kleines Stück entgegenzukommen, findet sich Cola, Mineralwasser und Apfelsaft auf der einseitigen Speisekarte. Sogar ein Becks gibt es – alkoholfrei.

Da die »familiäre Atmosphäre« im orientalischen Café großgeschrieben wird, sitzen Wirt und Kellner am Tisch und spielen oder rauchen. Betritt ein Fremder das Haus, huscht ein leiser Ausdruck des Bedauerns über ihr Gesicht – das Blatt war gut, der Tabak hatte soeben seinen vollen Geschmack entfaltet. Doch sie zögern keine Sekunde, freundlich erscheinen sie am Gästetisch, nehmen mit der Andeutung einer Verbeugung die Bestellung entgegen und treten pflichtbewußt ihren Weg in die Küche an. Zurück bleibt der Freund mit den Karten in der Hand, nuckelt am Schlauch, wartet geduldig darauf, daß der Spielkamerad zurückkäme. Doch das Couscous dauert. Ab und zu blickt der Sitzengebliebene zum Fernseher hinauf, der Jerusalem ganz nah erscheinen läßt – sehr scharf ist das Bild aus der fernen Heimat, oder zumindest dessen, was einmal Heimat war. Er sieht die Gewehre der Grenzsoldaten und er hört die Nachrichtensprecherin, die arabisch spricht und blond und selbstbewußt ist wie Sabine Christiansen. Auch die Werbung aus den Wüstenstaaten wirbt mit demselben blauen Himmel, denselben lächelnden Gesichtern, denselben Heilsbringern. Und doch ist dort alles anders.

Orientalisches Cafe
Foto: Nikolaos Topp
Am Abend kommt von nebenan der Schreiner mit der großen Brille und dem freundlichen Gesicht. Er spielt, nach getaner Arbeit oder während der Leim trocknet, eine Partie Rommé mit dem Chef vom Café. »Aber dieser Mann macht mich fertig!«, sagt er. »Der macht mich ganz verrückt mit seinen vielen Geschichten, die er erzählt. Wir sind hier doch nicht in Beirut!«

Natürlich hat man etwas zu erzählen, wenn man, so wie der Chef, aus Palästina kommt und in der Katzbachstraße ein Café aufmacht. Aber er hat keine Lust zum Erzählen. Es gibt nicht viele schöne Geschichten jetzt aus der Heimat. Er spielt lieber. Da gewinnt er. Jedesmal. Und der Schreiner ärgert sich dann leidenschaftlich. Aber hinter seinen dicken Brillen, da sieht es manchmal aus, als grinste er ein bißchen. Und hätte irgendwie eine Freude daran, daß der andere immer gewinnt. <br>

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