Kreuzberger Chronik
Oktober 2001 - Ausgabe 31

Die Begegnung

Drei am Mehringdamm


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von Johann von Lorenz

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Sie standen am Mehringdamm. Drei Männer. An der Bushaltestelle. Ein Dicker, ein Dünner, und ein ganz Unauffälliger. Über den Schultern trugen sie drei schwarze Tragetaschen aus billigem Kunstleder, in denen Arbeiter ihre Pausenbrote, ihre Zeitung und ihre Zigaretten haben. Alle drei rauchten, aber nur zwei von ihnen sprachen miteinander, auf Griechisch.

»Ich sage Dir, das hat keinen Sinn. So kommst Du nie zu Geld. Du mußt eine Idee haben, eine gute Idee. Die Zeiten, als Du mit ordentlicher Arbeit noch ordentliches Geld verdienen konntest, die sind vorbei. Auch in Deutschland!«, sagte der Dünne.

Der Empfänger des gutgemeinten Ratschlags klemmte den glühenden Rest des filterlosen Zigarettenstummels noch einmal zwischen Daumen und Zeigefinger und pumpte den Rauch in die Lungen, als handele es sich um den letzten Zug vor der Exekution. Dann hustete er, spuckte knapp am orangefarbenen Mülleimer vorbei auf die Straße und sagte:
»Eine gute Idee ist gut.« Der Dicke sagte nicht viel. Der Dünne war der Redner:
»Aber um aus einer guten Idee Geld zu machen, dazu brauchst Du auch schon wieder Geld. Du kannst ja nicht zu Siemens oder Mercedes gehen und sagen: Guten Tag, hier bin ich, ich hab eine gute Idee. Was zahlen Sie? Ich habe kürzlich einen getroffen, einen Österreicher, so einen Langhaarigen. Ein Verrückter. Aber sein Onkel, und das hab ich ihm geglaubt, sein Onkel ist der Erfinder des Scheibenwischers gewesen. Und was hat der dafür bekommen? Nichts. So gut wie nichts! Von der Firma eine kleine Prämie, mit der erst zwei Wochen Urlaub machen konnte, und später eine vierzig mal vierzig Zentimeter große Vitrine in einem Wiener Museum.«

»Stimmt genau«, sagte der Dicke, visierte den orangefarbenen Papierkorb an und spuckte knapp an ihm vorbei auf die Straße.

Jetzt sah es so aus, als wolle der Dritte, der noch gar nichts gesagt hatte, nicht einmal »Stimmt!«, sich in das Gespräch einmischen. Er lächelte den Griechen zu. Aber der Dünne riß die Rede erneut an sich: »Da erfindest Du so etwas Geniales wie den Scheibenwischer, ohne den ein Auto kein Auto mehr wäre, und bekommst am Ende soviel Rente wie ein blöder Pförtner.« Jetzt sah er den Dritten herausfordernd an, aber nun sah der Dritte wieder völlig unbeteiligt aus und machte keine Anstalten, etwas hinzuzufügen.

»Der versteht uns doch nicht!«, sagte der Dicke zum Dünnen.
»Sagst Du! Die Hälfte der Berliner spricht heute Griechisch!«, sagte der Dünne und sah den Dritten an, der wiederum seine Schuhbändel ansah.
»Stimmt! Aber der nicht! Das ist nur so ein verklemmter Deutscher!«
»Jedenfalls!«, fuhr der Dünne fort, »kommst Du mit Ehrlichkeit nicht mehr weit. Genauso bei den Frauen. Wenn Du ihnen erzählst, daß Du ein Haus auf Lesbos hast und gerade aus New York kommst, dann schaun sie dich vielleicht noch mal an! Aber sonst: Nichts.«
»Stimmt!«, sagte der Dicke und spuckte am Mülleimer vorbei.
Jetzt grinste der Dritte wieder, als hätte er alles verstanden. Als die beiden zu ihm hinübersahen, nickte er sogar ein wenig mit dem Kopf, so wie man auf der Straße einem guten Bekannten zunickt.

»Doof, diese Deutschen!«, sagte der Dünne. »Du kannst ihnen sagen, was Du willst: Immer lächeln sie! In Saloniki, da kamen mal zwei Touristen mit dem Wörterbuch in der Hand und fragten nach der Post. Wir haben sie in die falsche Richtung geschickt. Dreimal. Und dreimal sind sie wiedergekommen, und jedesmal haben sie uns geglaubt. Und immer gelächelt und sich bedankt.«
»Stimmt!«, sagte der Dicke. »Stimmt genau! Doof!«

Jetzt räusperte sich der Dritte, wartete, bis der Dicke ihn ansah, lächelte kurz und spuckte knapp am Papierkorb vorbei dem Dicken knapp am rechten Ohr vorbei.
»Rassisten!«, sagte er. »Lieber doof als rassistisch!«

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