Kreuzberger Chronik
Juni 2001 - Ausgabe 28

Der Monat

Streit um eine Brache - das RAW-Gelände


linie

von Frank Scheerer

1pixgif
Auch in der Deutschland AG des Anchorman Schröder gibt es noch soziale Utopien. Kreuzberger Initiativen und einige Künstlergruppen aus dem Kiez an der Revaler Straße haben sich auf der Brache des ehemaligen Reichsbahngeländes in Friedrichshain angesiedelt und einen Verein gegründet, um, wenn nicht eine Utopie, so doch immerhin einige zukunftsweisende Ideen zu verwirklichen. Der RAW Tempel e.V. wird von der im Fusionsbezirk regierenden Bezirksbürgermeisterin Bärbel Grygier und dem einstigen Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz unterstützt. Denn dieser Zusammenschluß Kreuzberger und Friedrichshainer Alternativer an der ehemaligen Grenze zwischen den beiden Bezirken ist eines der wenigen realen und vorzeigbaren Ost-West-Projekte im neuen Friedrichshain-Kreuzberg.

Der RAW Tempel e.V. ist eine Dachorganisation für über 30 bunte Gruppen, die für die notdürftig instandgesetzten Häuser an der Revaler Straße vor knapp zwei Jahren einen dreijährigen Zwischenutzungsvertrag des Bezirksamtes erhielten. Der Name, wenn man ihn denn Englisch liest, bedeutet soviel wie »roher Tempel«. Er steht für ein geistiges ebenso wie materiell noch unfertiges Gebäude. Und er steht für eine neue Nutzung des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes und der überdimensionalen Werkhallen aus wilhelminischer Zeit, die auch zu DDR-Zeiten noch Platz für 1000 Arbeitsplätze boten und eine feste kulturelle Größe im Arbeiterbezirk darstellten. Noch heute erinnert vieles daran, wie sich Arbeiter und Bewohner aus dem Kiez hier mit Puhdys und Karat zu bunten Abenden im Sozialismus trafen. Doch diese Zeiten sind vergangen, und erneut stellt sich die Frage, was aus den Fabrikhallen werden soll. Deshalb haben der RAW Tempel e.V. und das Bezirksamt die betroffenen Anwohner zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen.

»Bürger gestalten, Konzerne verwalten« – so das Motto. Doch die Zusammenarbeit von Bürgern und Konzernen gestaltet sich in der Regel kompliziert, und die Debatte um die Nutzung des RAW-Geländes zeigt ähnliche Symptome auf wie der Streit um die Nutzung des Geländes am Gleisdreieck. Am Ende steht die Frage: Ist der öffentliche Raum noch Gemeingut, oder ist er den kommerziellen Interessen einiger Weniger unterworfen?

Derzeit befindet sich das 8 ha große Gelände in Friedrichshain im Besitz der Vivico Management GmbH, Nachfolger des Eisenbahn Immobilien Managements (EIM). Die Makler der Deutschen Bahn AG haben Schwierigkeiten, das Gelände zu vermarkten. Einerseits stehen die Gebäude unter Denkmalschutz, andererseits sind etliche der Reichsbahnhallen abbruchreif. Pikanterweise wird die Verwaltung des Grundstücks von der Allianz Immobilien GmbH übernommen, die von den Treptowers mit kühnem Blick über die Stadt eigene Interessen verfolgen könnte. Die Bahn ihrerseits denkt an ein spreebogenartiges Projekt mit Penthousewohnungen und Shopping Center. Allerdings hat »die Vivico die Pflicht, für die Stadt zu planen«, wie der Baustadtrat Franz Schulz im Mai auf dem 26. Stadtforum deutlich machte. Doch von den Nadelstreifenträgern wird ein Verein wie der RAW Tempel, der ein »Paralleluniversum« ausruft, mit Skepsis, wenn nicht als unberechenbares Risiko wahrgenommen.

Deshalb patrouillieren seit einiger Zeit Sicherheitskräfte auf dem Gelände mit den kultigen Hallen, in denen schon mancher Film gedreht worden ist. »Jetzt streifen Angehörige des Sicherheitsdienstes mit der Digitalkamera auch über das vom Verein genutzten Areal und dokumentieren alles, was sich als Verstoß gegen vertragliche Vereinbarungen nutzen ließe«, klagt die Hausmeisterin Frauke Hehl. Denn der Verein darf nur geringfügige bauliche Veränderungen vornehmen, und die beobachtet man mit Argusaugen. Nicht einmal Wasserleitungen dürfen sich die Alternativen in ihre Räume legen, obwohl Wasser und Strom Mangelware ist in den Hallen. Für den Gang zur Toilette muß der Nutzer noch immer einen Eimer mitschleppen.

Doch nicht nur Künstler und Futuristen, auch die Talgo Deutschland GmbH, die mit 74 Mitarbeitern auf dem RAW-Gelände Fern- und Nachtzüge in einer der Hallen reinigt, steht unter Beobachtung. Am 24. April besuchten die vereinten Kräfte aus Polizei, Bewag-Beamten und sachkundigen Feuerwehrleuten das Gelände. Ein Richter hatte »Gefahr im Verzuge« erkannt. Bei der zweitägigen Begehung wurden denn auch die erwartungsgemäßen Sicherheitsmängel festgestellt und amtlich verbucht. Die ständige Observierung und die kleinlichen Beanstandungen lassen die einst hoffnungsfrohen Mieter des RAW-Geländes nun skeptischer in die Zukunft blicken. Dabei sind Projekte, die wie dieses gesellschaftliche Alternativen aufzeigen und letzte verbliebene Freiräume nutzen, dringend von Nöten. Immerhin gibt das Statistische Landesamt die Zahlen für Erwerbslose im Dezember 2000 für Friedrichhain mit 17,8% und für Kreuzberg mit 25,9% an.

Frauke Hehl hat es sich mit der auf dem RAW-Gelände stationierten »workstation – Ideenwerkstatt Berlin e.V.« zur Aufgabe gemacht, arbeitslose junge Menschen zu betreuen. Das Projekt entstand 1998 aus der Wiener Künstlergruppe »Wochenklausur« und versucht, den magischen Zyklus von Erwerbslosigkeit, Überarbeitung, Langeweile und Angst zu durchbrechen. Die »workstation« geht davon aus, daß die herkömmliche Erwerbstätigkeit nicht das Maß aller Dinge ist, und motiviert Menschen, sich mit anderen Formen der Arbeit auseinanderzusetzen. In Beratungsgesprächen, Seminaren und Workshops leistet der Verein Hilfestellung vor allem für Menschen im kreativ-künstlerischen Bereich.

Zur Zeit werden bei »workstation« Praktikanten und Freiwilligendienste betreut. Das Entwickeln von Beschäftigungskonzepten, von Stellenprofilen und von ABM-Anträgen über ein bezirkliches Beschäftigungsbündnis gehört ebenso zu den Aufgaben wie die Beschäftigung Jugendlicher nach dem Prinzip »Arbeit statt Strafe«.

Zu den Initiativen von RAW Tempel e.V. gehören Gruppen mit klingenden Namen. In den ehemaligen Verwaltungsräumen der Reichsbahn befinden sich das Atelier Kuschel, das wolfgang neuss archiv, eine Sambaschule, verschiedene Künstlerprojekte und das raw-internet Projekt. Bereits ein fester Bestandteil der Off-Kultur sind »Die Ratten« vom Obdachlosentheater der Volksbühne, die hier ihr Stück »2000« probten. So wird ein Spaziergang über das Fabrikgelände zu einer abenteuerlichen Odyssee: Aus einem Trommelraum, dem offenen Forum für experimentelle Musik und Geräuschkollagen, schwebt den Besuchern in den Fabrikhallen ein Klangteppich entgegen, und die »Illusionisten der Kulturen« präsentieren »die Wahrheiten der Schöpfung als Zaubertricks«. Doch nicht nur Ausstellungen und Happenings kultureller Art finden in den neuen Werkstätten statt, auch politische Schwerpunkte werden gesetzt. Anläßlich des Kosovokrieges veranstaltete man einen Aktionstag unter dem Motto »Mach Dir ein Bild vom Frieden«. Ferner gehört zur illustren Gästerunde auf dem Gelände der »Hängematten e.V.«, der hier seine »1. Armutskonferenz von unten« veranstaltete.

Ein solches »Paralleluniversum« zu konstruieren und dabei die Belange von Bürgern und Bezirk mit denen der verwaltenden Konzerne und interessierten Investoren zu vereinbaren, ist keine leichte Aufgabe. Ein solches Unternehmen setzt die Kooperation aller Beteiligten voraus. »Bürger gestalten – Konzerne verwalten« – das muß nicht konfrontativ verstanden werden. Lösungsansätze bietet zum Beispiel eine Studie von Dagmar Everding, die anhand der Rekultivierung von Industriebrachen im Ruhrgebiet Ideen entworfen hat, die nun von den Nutzern des RAW-Geländes aufgegriffen werden. Auch für die Landschaftsarchitektin ist der Ideenwettbewerb ein Hoffnungsschimmer vor dem düsterem Industriegrund.

So ließen sich vielleicht doch noch alle unter einen Hut bringen. Sogar Kunst und Kommerz, Anwohner und Konzernchefs, Stadtentwickler und Politiker könnten sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen. Der Ideenwettbewerb ist eine Chance, und der Aufruf geht an alle, sich Gedanken zu machen und der Phantasie freien Lauf zu lassen. Das Gelände an der Spree böte einen attraktiven Platz für vieles. Für ein Museum der Arbeit, einen Skaterpark, Disneyland Berlin, ein Gruselkabinett mit ehemaligen SED-Größen und ihren inoffiziellen westlichen Pendants. Ein mit Sonnenkollektoren ausgestattetes Multimediazentrum für Schüler und Jugendliche, eine Kletterburg für Berliner Alpinisten. Ein ökologisch orientierter Taubenzuchtverein, Gewächshäuser zum Anbau biologischer Lebensmittel …

All diese phantastischen Wünsche und Ideen der Kiezbewohner sollen bis Ende Juni zusammengetragen werden. Dann werden die realisierbaren Utopien aussortiert und in das laufende Planungsverfahren dieses städtebaulichen Wettbewerbs eingebracht. Und dann könnte sich zeigen, daß auch basisdemokratische Prozesse in die Zukunft führen können. <br>

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg