Kreuzberger Chronik
Juni 2001 - Ausgabe 28

Die Geschichte

Seifenkistenrennen in Kreuzberg


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von Hans W. Korfmann

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Viele Möglichkeiten, etwas den Berg hinunterkullern zu lassen, gibt es nicht in Berlin. Und wo sonst, wenn nicht am 68 Meter hohen Kreuzberg, der höchsten Erhebung inmitten des Berliner Urstromtals, könnte ein Seifenkistenrennen stattfinden. Ende der vierziger Jahre ließen die Berliner, begleitet von einer amerikanischen Army-Band, ihre soliden Sperrholzboliden den Mehringdamm hinunterrollen und, in Ermangelung der Bremsen, in einen gigantischen Strohberg tauchen. Monatelang hatten sie in den Höfen und Garagen nach dem Vorbild der amerikanischen Seifenkisten ihre Karossen zusammengenagelt, Räder von ausgedienten Kinderwagen anmontiert, am Schluß einen teuren Topf Ölfarbe gekauft und dem Wunderwerk einen glanzvollen Anstrich verliehen. Am Start standen ausnahmslos Unikate.

Wenn am 24. Juni das 42. Berliner Seifenkisten-Derby gestartet wird, gleichen die Seifenkisten einander wie der BMW dem Audi. Ihre Konstrukteure sind keine kleinen Jungs mehr, sondern gestandene Männer, die meist selbst einmal am Steuer einer Sperrholzkiste saßen und nun Kinder und Enkelkinder an den Kreuzberg schicken, um vielleicht doch noch einmal Deutscher Meister zu werden – wenn auch nur als Konstrukteur eines Seifenkistenrennstalls. In Reih und Glied stehen im abgegrenzten Fahrerlager Serienprodukte stromlinienförmiger Kunstfasergüsse, in denen die Fahrer nicht mehr sitzen, sondern liegen, und auf denen der Name des Sponsors ebensowenig fehlen darf wie auf dem Nürburgring. Die Zeit des Tüftelns in den Hinterhöfen und der Siege genialer Eigenbrötler ist abgelaufen.

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Auferstanden aus Ruinen: tollkühne Männer ... Foto: Kreuzberg Museum

Schulen, Kitas und Jugendzentren bauen mit vereinten Kräften unter sachkundiger Anweisung und mit finanzieller Unterstützung. Schon sind viele der Jungen und Mädchen, die am Kreuzberg an den Start gehen, unmerklich zum Werksfahrer und Werbeträger geworden: Sie bekommen ihr Mobil von der Deutschen Bank, DeTeWe, Dekra oder Radio Hundert,6. Über alledem weht seit 1982 die Fahne des ADAC, welcher darauf stolz ist, »diesen Jugendsport von Anfang an in besonderem Maße gefördert zu haben« und die Gelegenheit nutzt, seine Umweltverträglichkeit unter Beweis zu stellen: »Die schmucken Flitzer der Marke Seifenkiste dürfen heute auch ohne geregelte Katalysatoren den Mehringdamm unter ihre Räder nehmen. Umweltfreundlicher geht’s sowieso nicht.« Als wolle der ADAC in Zukunft der Club der Seifenkistenfahrer werden.

Auch die 5. Kompanie des 1. Jägerbatallions unter Oberleutnant Mott ist in friedlicher Mission unterwegs. Zehn Stiefelträger in Urwaldtarnung stehen am Ende der 300 Meter langen Rennstrecke und erwarten die weniger kistenähnlichen als raketenförmigen Geschosse. Die Aufgabe dieses zehnköpfigen Raketenabwehrsystems besteht darin, das heransausende Rollobjekt beim Versagen des Bremsmechanismus möglichst noch vor dem Einschlag in die Styroporabsperrung aufzufangen, um größere Katastrophen zu verhindern. Dabei sollen die Fahrer schon des öfteren den einen oder anderen Soldat »unter die Räder genommen haben«, was zu besonderer Belustigung im Zielraum führte. Teil 2 der friedlichen Mission besteht im Entfernen der nicht ganz federleichten Rennraketen von der Fahrbahn.

Wenn am Sonntag die etwa 170 kleinen Jungs oder auch größeren Mädchen an den Start gehen, dann interessiert es wenig, woher die 60000 Mark an Sponsorengeldern kommen. Sie interessiert nur eines: das Rennen. Schon um 7.45 Uhr werden sie ihre Fahrzeuge aus der Technischen Abnahme in der Adolf-Glasbrenner-Schule abholen und zur Strecke bringen müssen. Zwei Tage haben sie auf Schokolade und Currywurst verzichtet, denn auch bei den Seifenkisten reichen 100 Gramm Übergewicht zur Disqualifikation. Ausschlaggebend werden am Ende Hundertstelsekunden sein, gemessen mit jener Hightechanlage, die auch beim BerlinMarathon über Sieg und Niederlage entscheidet.

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... die Verfolger im Blick Foto: Kreuzberg Museum

Um 8.30 Uhr beginnen die Trainingsläufe, dann folgen die Vorläufe. Pünktlich um drei steigt das Finale, egal, ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Das Rennen ist kein Spaß, und der Renntag am Kreuzberg ist so lang wie der in der Eifel. Alles, was zählt für jene, die dort an den Start gehen, sind die wenigen Sekunden vom Start bis ins Ziel. In denen ihnen der Fahrtwind ins Gesicht bläst, als rauschten sie mit irrsinniger Geschwindigkeit die Strecke hinunter. Angefeuert vom Lautsprecher, der ständig »eine tolle Stimmung hier unten im Zieleinlauf« heraufbeschwört und dem in Führung liegenden Werksfahrer von »DeTeWe die schnellste Verbindung« garantiert. Im konsequenten Fünfminutenrhythmus weist er die Zuschauermassen hinter die Streckenabsperrung zurück und warnt vor dem nicht zu unterschätzenden Tempo der Nachwuchsrennfahrer. Da treten diese natürlich erst recht aufs imaginäre Gaspedal, blicken nach der Zeit, lächeln in die blitzenden Kameras der Pressefotografen, geben der Dame mit dem Bleistift und dem Block in der Hand ein exklusives Interview – so cool wie der oft zitierte Schumi aus dem Fernsehen.

Angespornt wird die sausende Jugend auch von Eberhard Diepgen, der seinen großen Herrschaftsschirm über das Ganze spannt und dem Sieger mit dem »Ehrenteller des Regierenden Bürgermeisters von Berlin« winkt. Nur kurz allerdings, dann versteckt er ihn wieder hinter dem Rücken und erhebt den Zeigefinger. In seinem pädagogisch wertvollen Geleitwort zum letztjährigen Rennen erinnerte er die deutsche Jugend gleich im ersten Satz daran: »Vor den Preis ist bekanntlich der Fleiß gesetzt.«

Ein Sprüchlein, das noch aus jener Zeit stammen könnte, als die ersten Bastler im Hinterhof ihre Kisten zusammenschraubten – aus einer Zeit, als aus einem Mechaniker noch ein Formel-Eins-Weltmeister werden konnte. Und aus einem Seifenkistensieger ein späterer deutscher Ralleymeister. Ob ihm die heutige Jugend dieses Märchen vom gerechten Erfolg noch glauben wird? <br>

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