Kreuzberger Chronik
Juni 2001 - Ausgabe 28

Die Geschäfte

Die Schuhmacher (2):
Die Schuhmacher (2) - »Reißender Absatz«



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von Hans W. Korfmann

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Leider, leider sind ja die Stöckel an den Schuhen nicht mehr ganz alltäglich. Sie haben bequemeren und stabileren Absätzen Platz gemacht, mit denen das Gehen kein Kunststück mehr, sondern eine Banalität ist. Wurde einst der schlanke Fuß von einem elegant geschwungenen Sockel getragen, so ruht er heute auf breit ausladenden und klobigen Plateaus, die eher orthopädischen als ästhetischen Kriterien gerecht werden.

Doch nicht nur die Männer sind über das allmähliche Schwinden des Stöckelabsatzes betrübt, auch die Schuhmachermeisterinnen. Denn wie schnell brach doch der filigrane Stöckel vom Schuh. Das brachte echte Laufkundschaft, immer wieder kamen die Damen mit dem soeben verlorenen Stöckel in der Hand in die Werkstatt gehüpft. Obwohl man wegen so ein paar reißender Absätze noch immer nicht von einem reißendem Absatz hätte sprechen können.

Vorn in der Auslage steht ein Aquarium, ohne Wasser, ohne Fische, aber mit dem legendären Schuh, den erfolglose Charaktere wie Goofy aus dem Wasser ziehen, wenn der Hunger sie zur Angel greifen läßt. Hinten hängen die hölzernen Leisten, kleine, große, spitze, breite, helle und dunkle, zu Paaren gebündelt, bedecken sie die Wand bis unter die Decke.

Dazwischen sitzt, unter dem Kegel der Arbeitslampe, die Schuhmachermeisterin Brigitte Bachmeir an ihrem Arbeitstisch und streicht den Klebstoff auf die Sohlen. Das Leimbrett, das sie untergeschoben hat, um nicht den ganzen Tisch mit Klebstoff zu beschmieren, ist alt. Die vielen kleinen Kleckser, die danebentropften, haben es im Lauf der Jahre um einige Zentimeter anwachsen lassen. Die letzte Schicht stammt von ihr und ist neun Jahre alt. Die vielen Jahre zuvor tropfte dieser alte Schuster auf das Brett, der eines Tages auf ihre Anzeige geantwortet hatte: »Kaufe Schusterwerkstatt«. Der Mann, dessen Augen allmählich immer schwächer wurden und der nur noch ein winziges Zimmer in dem Haus bewohnte, das einst seines war, strahlte, als er noch 600 Mark für sein Werkzeug und seine Leisten bekam. Und Brigitte Bachmeir war glücklich, daß sie endlich anfangen konnte.

Rei?ender Absatz
Foto: Wolfgang Krolow
Denn die pharmazeutisch-technische Assistentin mußte jetzt ein ordentliches Handwerk lernen. Was sollte sie als Apothekerin in Portugal? Brauchte man in Portugal etwa eine deutsche Apothekerin? Und ihr geliebter Steinmetz, der diesen Laden in der Fidicinstraße besaß und Steine verkaufte, der hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, nach Portugal auszuwandern. Genaugenommen ist er »nicht so wahnsinnig weit gekommen«. Er wohnt jetzt wieder ein paar Meter weiter, in der Friesenstraße.

Brigitte Bachmeir jedenfalls machte aus dem Steinladen eine Schuhmacherwerkstatt. Obwohl ihr Vater in Schrobenhausen den Kopf schüttelte über die seltsamen Ambitionen seiner Tochter. Schon sein Bruder war so ein Schuhmacher geworden – und Schuhmacher, das war nicht nur in Bayern, das war auch im fernen Preußen das Letzte, was ein Mensch werden konnte. Aber das Kind hatte sich eines Tages auf und davon gemacht. Nicht etwa in die nächst größere Stadt. München etwa. Nein, München war ihr zu nah gewesen. »Da hätte ich ja jedes Wochenende zu Hause vorbeikommen müssen!« Frau Bachmeir rümpft die Nase, als hätte man ihr Spinat vorgesetzt. Also suchte sie im hohen Norden: In Hamburg zum Beispiel. Aber Berlin war billiger. Da brauchte man noch Mitbürger. Und Berlin war schon so eine Sache in den Achtzigern.

Inzwischen ist die Werkstatt um zwei große Nähmaschinen und eine Presse angewachsen, die ihr das Leben um einiges erleichtern. Zuvor hatte die zierliche Schuhmachermeisterin ihre Sohlen stundenlang mit dem Hammer bearbeitet. Allerdings ist dieses komplizierte Gerät der alten Dopplermaschine schwer durchschaubar und birgt noch seine Rätsel. Hundert Jahre ist das glanzlose Konstrukt aus Rädern und Hebeln alt, der Faden läuft zuerst durch ein Ölbad und ein beheizbares Fach mit flüssigem Pech, bevor er Brandsohle und Schaft miteinander vernäht. Eine schöne Maschine, eine Reminiszenz an Zeiten, als es noch Kunst war, eine Maschine bedienen zu können. Als die Maschinen noch im Dienst des Handwerkers standen und ihm den einen oder anderen Arbeitsgang erleichterten, anstatt ihm per Knopfdruck die gesamte Arbeit abzunehmen.

Die meisten Schuhmacher sind heute so alt wie diese Maschine. Die Meisterin in der Fidicinstraße ist ein halbes Jahrhundert jünger, und eine Frau dazu – aber sie fühlt sich nicht unwohl unter diesen alten Männern. Schuhmacher sind »immer für ein Schwätzchen zu haben«. Sitzen da den ganzen Tag und bohren mit der Aale Löcher ins Leder – und dann kommt jemand herein und sie fangen an zu plaudern wie ein Buch. Danach sitzen sie wieder allein da, grübeln zwei Stunden vor sich hin und werden allmählich zu Philosophen. Verdienen tun sie meistens auch nicht mehr als der alte Diogenes. Bis auf Frau Bachmeir. Denn die schustert tagsüber für die Deutsche Oper, zusammen mit noch »einem Mädel und einem richtigen Mann«. Da reißen sie ziemlich extravagante Modelle für die Damen und Herren vom Leder.

Auch in dem Laden in der Fidicinstraße versucht sie es mit dem Außergewöhnlichem. Gewöhnliches gibt es im Kaufhaus und im Schuhgeschäft. Wenn der ehrwürdige Beruf des Schuhmachers neben den vielen Mister Minits überleben will, dann muß er sich wie die Schneider auf Schnitt und Design konzentrieren. Deshalb spaziert dann am Abend schon einmal ein Modell bei der Schuhmacherin in der Fidicinstraße vorbei und läßt sich ein paar rote Schnürstiefel machen. Oder eine gutverdienende »weibliche Abendbegleitung«. Fetischisten, Künstler und andere schräge Gestalten. Die zeichnen dann ihren Traumschuh aufs Papier. Die Männer sind ihr da entschieden zu langweilig: Die kommen mit immer den gleichen Modellen, und immer sind die Schuhe schwarz. Sie rümpft die Nase: »Ich versuche dann, wenigstens im Detail eine Spur von meinem Stil einzuarbeiten. Und das klappt auch! Ohne daß sie’s merken!«

Seit sie in der Oper arbeitet, öffnet sie nach Feierabend zwischen fünf und acht. Sie dachte, ihre ausgefallenen Öffnungszeiten »seien ein besonderer Service. Da kann man auch nach der Arbeit noch mal vorbeischauen mit der losen Sohle. Aber die meisten Papis kommen abends nicht mehr aus dem Sessel hoch. Und wenn die Mamis ihre Kinder um vier vom Schülerladen holen, dann sind die auch erst mal beschäftigt.« Nur Brigitte Bachmeir wird irgendwie nicht müde. Und wenn abends mal keiner mehr vorbeikommt, und wenn sie schon genug philosophiert hat, dann nimmt sie sich ein Stück von der alten Rindshaut und fängt an. Und macht sich ein Paar Schuhe. Zum –

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