Kreuzberger Chronik
Juli / August 2001 - Ausgabe 29

Der Monat

Du sollst dir kein Bildnis machen von Kreuzberg


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von Gerald Karlowsky

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Es war einmal eine Zeit, da traten die Pfarrer, die Politiker, die Künstler an das Rednerpult und sprachen. Sie ergriffen nicht selten spontan das Wort und waren in ständigem Kontakt zu ihrem Publikum. Es war ein Dialog.

Heute ist die »Gabe der Rede« eine Ausnahme. Immer seltener sind jene, die eine Rede noch als Beitrag zur Diskussion betrachten. Die Redner sind zu Sprechern geworden, und an den runden Tischen sitzen gutgeschminkte Schauspieler und täuschen eine Diskussion vor. Das große Gespräch, Keimzelle jeder Zukunft, ist zur Small-Talk-Show verkommen. Und die Zukunft liegt nicht mehr in den Händen von philosophisch-moralisch Denkenden, sondern in den Händen von Regisseuren und Werbestrategen. Das öffentliche Wort steht nicht mehr am Anfang, es steht am Ende eines Entscheidungsprozesses, und seine Aufgabe ist es, das längst Eingetretene schönzureden.

Auch die Stadt mit der Berliner Schnauze nimmt längst ein großes Feigenblatt vor den Mund. Seit Jahren unternimmt sie gewaltige Anstrengungen, um ihre Schmuddelecken zu beschönigen und schönzureden. Eine der berühmtesten Problemzonen ist Kreuzberg. Ein Viertel, das nach dem Krieg wegen der Nähe zur Ost-Grenze nur ganz allmählich aus den Ruinen wieder auferstand. Jahrzehntelang boten die desolaten Häuser und Höfe Kreuzbergs Gaunern, Künstlern, linksideologischen Studenten und den zugereisten türkischen Arbeitern des Wirtschaftswunders günstigen Unterschlupf. Erst nach dem Fall der Mauer begannen die Mieten in Kreuzberg wieder anzusteigen. Das verrufene Kreuzberg trat endlich aus dem Schatten der Mauer.

Nun soll der Stadtteil ein neues Image bekommen. Nicht mehr der 1. Mai und brennende Barrikaden, nicht der gefangene Lorenz im Keller der Schenkendorfstraße, nicht das besetzte Bethanien und die »Scherben« sollen auf dem Etikett stehen, sondern das vielzitierte Multikulti. Denn selten sonst in der Stadt treffen so viele Nationen aufeinander wie im Zuwanderungsgebiet Kreuzbergs, dem Mekka der Nonkonformisten aus aller Welt. Heute präsentieren die Städteplaner das Berliner Schattengewächs mit einem gewissen Stolz. Als hätten sie hier ganz bewußt ein soziales Biotop geschaffen und eine gesellschaftliche Vision verwirklicht, die ihre eigene gewesen wäre.

Gern gesehen sind also Projekte wie der Karneval der Kulturen (die politisch korrekte Alternative zum alljährlichen Technoumzug in der Mitte der Stadt), das Kreuzberger Jazzfest (kein internationales, aber längst traditionelles Musikereignis) oder die Kreuzberger Festlichen Tage mit der Bühne unterm Freiheitsdenkmal, auf der man zur deutschen Bratwurst amerikanischen Dixie, Latinjazz und schwedische Folklore hört. Gern gesehen auch deshalb, weil es die Stadtväter verhältnismäßig wenig kostet. Die Bereitschaft zur Eigeninitiative, so hat auch der Senat erkannt, ist in Kreuzberg größer als in Marzahn oder Wilmersdorf.

Vielleicht spielte das eine Rolle, als man sich entschloß, die Berlinische Galerie in der neuen Kreuzberger Teilstadt auf dem Gelände der ehemaligen Schultheiss-Brauerei anzusiedeln. Auch andere Bezirke hatten sich um dieses Kulturzentrum beworben, denn der staatliche Bildersaal könnte eine Adresse sein, die bald fettgedruckt in jedem Reiseführer stehen wird, gleich neben der Museumsinsel und dem Checkpoint Charlie. Nun hofft man, daß sich auch andere Kulturinstitutionen im zugkräftigen Windschatten der Berlinischen Galerie im Viktoria-Quartier am Kreuzberg versammeln. »Tammen und Busch« hat den legendären Hinterhof des Vorzeigekünstlers »Kurtchen« Mühlenhaupt schon verlassen und Räumlichkeiten in unmittelbarer Nähe der Berlinischen Galerie angemietet. Auch der ehemalige Bürgermeister Kreuzbergs, selbst ein großer Liebhaber und Sammler der Kreuzberger Szene, war froh, daß man die Galerie nach Kreuzberg bringen und damit vielleicht verhindern konnte, daß alle Kunst und Kultur nach Prenzlberg und Mitte abwandert. Davor nämlich fürchteten sich alle.

Kreuzberg-Heft
Cover der neuen Kreuzberger Reklame-Broschüre

Auch die Gastronomen, und sogar die an der Bergmannstraße. Glücklich war man deshalb über einen Film, der vor einigen Monaten die Idylle der Bergmannstraße beschrieb. Eine Hommage war es, ein 45-minütiger Reklamestreifen des Senders SFB, der den Chamissokiez in den romantischsten Farben ausmalte. Ein Kreuzberg voller glücklicher und genialer Menschen. Ein Kreuzberg, in dem die Musiker ihre Klaviere über’s Kopfsteinpflaster schieben, um abends in der Kneipe ein kostenloses Ständchen zu geben. Eine Bergmannstraße, in der die Besitzer der Boutiquen und Kneipen alle glücklich sind. Ein Atelier voller sprudelnder Brunnen gleich gegenüber der grünen Oase eines Friedhofes, der im Film aussieht wie ein immergrüner, immer sonnenbeschienener Dschungel mitten in der grauen Stadt. Schon wirbt eine Immobiliengesellschaft mit dem schönen Streifen aus Kreuzberg Käufer von Eigentumswohnungen.

Daß auch die Geschäfte in der Bergmannstraße längst von Schutzgelderpressern heimgesucht werden, daß sich abends Männer in die Türen drängen und gar nicht mehr freundlich sind, daß auch im Chamissokiez Zeitungsläden überfallen werden, daß Türken und Deutsche auch hier am Abend meist getrennte Wege gehen und es mit dem Multikulti nicht so weit her ist, wie es der Karneval und andere Vorzeigeprojekte suggerieren, das blieb im Film nicht nur unterbelichtet, sondern vollkommen ausgeblendet.

Auch in dem gerade erschienenen Stadtteilführer des Kunstamtes präsentieren bunte Bilder ein lebensfrohes Kreuzberg. Ein Bilderbuch, nichts anderes sollte es werden. Christa Tebbe, Herausgeberin der kleinformatigen Reklame-Broschüre, gesteht das in ihrem nüchtern schwarzweißen Vorwort auch gerne ein. Auf den einführenden Seiten komprimiert sie die Probleme des Viertels auf wenige Zeilen, erwähnt Fakten, Zahlen, Mißstände. Sie weist auch auf die Schattenseiten hin und weiß: »Dieses Buch zeigt das nicht. Es zeigt den Reichtum.« Denn Kreuzberg ist beides: »ganz arm, sehr reich«.

Auch die Jungfilmer des internationalen Film-Sommer-Workcamp’s, die demnächst aus sechs Ländern anreisen, um mit der Videokamera »Kreuzberger Visionen« einzufangen, werden weniger die Schattenseiten Kreuzbergs belichten als sein multikulturelles Image. Gemeinsam mit dem Stadtteilausschuß hat die internationale Jugendorganisation »Service Civil International« dazu aufgerufen, einen Kurzfilm zu drehen »über den bunten Berliner Bezirk, der das Zusammenleben verschiedenster Kulturen auf engem Raum beleuchtet«. Dabei sollen die Bürger Kreuzbergs in Interviews selbst zu Wort kommen. Täglich werden dann zwischen dem 23. Juli und dem 8. August jeweils um 18 Uhr zehn Minuten der Spaziergänge im offenen Kanal ausgestrahlt. Am Ende werden die »Visionen« zu einem Film zusammengeschnitten.

Ähnlich wie in dem Video der international besetzten 6d von der Lenau-Schule. Mit ihrem 1999 gedrehten »Welcome to Kreuzberg« hatte das Projekt der 12-13jährigen Schüler sogar einen internationalen Filmpreis gewonnen. Auch hier fingen Schüler freundliche Bilder ein, interviewten gut gelaunte Passanten und rappten mit dem Mikro auf dem Spielplatz. Nach dem unerwarteten Erfolg sah der künstlerisch und sozial ambitionierte Klassenleiter das Video bereits bei sämtlichen Berlin-Flügen über die kleinen Bildschirme flimmern: als Berlin-Reklame.

Denn im Vergleich zu den professionellen Werbespots der eigens zur Imagepflege Berlins ins Leben gerufenen »Berlin Tourismus Marketing GmbH« hatte das Video mit seinen verwegenen Einstellungen und schüchtern grinsenden Gesichtern immerhin den Touch des Dokumentarischen und Realistischen. Die Versuche dieser Tourismus GmbH mit ihren Werbekampagnen dagegen erinnerten in ihrer Perfektion und ihrem Glanz zu deutlich an die strahlend weiße Wäsche der Dauerwellenblondinen aus den ersten Stunden des Fernsehens. Auch von offizieller Kreuzberger Seite äußerte man Kritik an der Arbeit des Werbesenators Hassemer, der im Stil jener Plakate arbeitete, die in deutschen Provinzen eine Zeitlang die Ortseingänge zierten: »Unser Dorf soll schöner werden.« Zu sehr beschwor die in »Berlin Tourismus Marketing GmbH« umgetaufte Senatsabteilung die überlieferten Klischees von der friedlichen Symbiose der Kulturen. Und nie fragte man bei der Kreuzberger Lokalpolitik nach, was man außer dem hübschen Multikulti noch als richtungsweisend an den Horizont der Reklametafeln malen könnte.

Etwas verärgert darüber, wie man auf dem Rücken des ärmsten Bezirks Berlins Werbung für eine Stadt mit internationalem Flair machte, wie man einerseits in Kreuzberg jeden Pfennig umdrehte und wenige hundert Meter weiter Milliarden in den Potsdamer Platz investierte, gründete man unter Beteiligung der Bezirkspolitik und des damaligen Bürgermeisters Schulz den »Tourismusverein Kreuzberg«. Ziel der Selbsthilfegruppe war eine Imagekorrektur und die Befreiung vom Mythos einer Insel der multikulturellen Glückseligkeit.

Die junge Gemeinde gab die Rettung Kreuzbergs jedoch in den hoch schlagenden Wellen der Fusionsunwetter bald wieder auf. Allerdings formierte sich wenig später ein zweiter Krisenstab und gründete die »Arbeitsgemeinschaft lebendige Stadt e.V«. Mit dabei sind die Verfasserin des Kreuzbergprospektes, Christa Tebbe, und der Geschäftsführer der Bundesdruckerei, Ernst Theodor Menke. Werner Tammen von der Galerie Tammen und Busch ebenso wie Abu Dubai, der Trödler von der Bergmannstraße. Eine bunte Mannschaft, die vor allem auf das kulturelle und infrastrukturelle Potential des Bezirks Kreuzbergs – und auch Friedrichhains – aufmerksam machen möchte. Allerdings hat man auch jenseits der Spree schon eine ähnliche Initiative zur Imagepolitur ins Leben gerufen.

Die erste Aktion der Kreuzberger wendet sich gegen das weitverbreitete Vorurteil, daß die hiesige Gastronomie vor allem aus Bierhähnen und Imbißständen bestünde. Am 1. und 2. September wird unter dem Slogan »Kreuzberg kocht« zwischen Großbeerenstraße und Mehringdamm die kulinarische Vielfalt Kreuzbergs aufgefahren: vom unausbleiblichen Döner bis hin zu Tim Raues fleischlichen Kreationen aus dem E.T.A. Hoffmann soll das Spektrum reichen.

So versucht man es mit allen Mitteln: Man besticht mit gutem Essen, Stadtteilzeitungen, Festen und Umzügen. Mit Kunst und Politik, Quartiersmanagement, Bürgerinitiativen und neugegründeten GmbH’s. Alle wollen eines: Kreuzberg in der Öffentlichkeit ins rechte Licht rücken. Vorbei sollen sie sein, die Jahre, als das Viertel ein Trümmerhaufen war, als es Streit gab mit der Obrigkeit, als die Künstler mit ein paar Mark zufrieden waren und der Canabis sariva so gut gedieh wie nie. Endlich, leider vorbei.

Kreuzberg ist älter geworden, »ruhiger, auch ein bißchen bürgerlicher«, schreibt Elisabeth Binder im Kreuzbergprospekt des Kunstamtes. Doch noch immer ist es »besetzt von lächerlichen Klischees«, schreibt Michael Wildenhain an gleicher Stelle. Kreuzberg selbst kümmert das alles wenig. Es macht ohnehin, was es will. Ganz egal, was die anderen sagen oder schreiben, und welches Bild sie sich von ihm zurechtlegen. »Es ist, wie es ist.« Und das macht es sympathisch. <br>

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