Kreuzberger Chronik
Juli / August 2001 - Ausgabe 29

Die Kritik

Spaziergang durch die »Weltstadt Kreuzberg«


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von Stephanie Jaeckel

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Sie kommen dienstags. Sammeln sich am Kottbusser Tor, spazieren gemächlich zum Fraenkelufer hinunter, biegen links ab, gehen ein Stück am Kanal entlang, dann sehr zügig über den Kottbusser Damm zurück, wo sie Richtung Oranienstraße verschwinden. Sie tragen Rucksäcke über wetterfesten Jacken und bequeme Schuhe und könnten genausogut über ein mexikanisches Hochplateau wandern: Touristen auf einer Erkundungstour durch Kreuzberg. Und man möchte, wenn man sie da so staunend entlanglaufen sieht, die Einkaufstüten im nächsten Hauseingang abstellen und einfach mitgehen – den Alltag vergessen und auch einmal zu Besuch sein im eigenen Kiez.

Zumal SO 36 auch für Einheimische noch Überraschungen parat hat. Und für die von weiter her Angereisten ist es sowieso und nach wie vor das exotischste Aussteigerrefugium der Republik. Sie tuscheln vom legendären Nachtleben, von Multikulti und natürlich von den Maikrawallen. Die meisten sind um die vierzig und kommen aus den jetzt so genannten »alten« Bundesländern. Für sie erzählt man noch einmal die Geschichte von der Kreuzberger Randlage, und wie daraus im Lauf der Zeit das »Laboratorium der Lebensstile« wurde. Und weil der Stadtführer ein junger Architekt ist, erklärt er das alles am Straßenbild. Und da ist dann auch so eine der Überraschungen für die Alteingesessenen: Daß nämlich ausgerechnet die eher langweilige Admiralsstraße einen Querschnitt durch die gesamte Kreuzberger Nachkriegsgeschichte liefert.

Kreuzberg-Touristen
Zeichnung: Nikolaos Topp
Am Fraenkelufer angekommen läuten die Glocken zu Mittag. Ein warmer Wind treibt die Wolken über den Himmel und schaukelt die Spatzen auf den Ästen. Im Kanal tanzen die Wellen und die ersten Kreuzbergwanderer packen ihre Brote aus. Dabei erfahren sie, wie SO 36 in den achtziger Jahren zum neureichen Szeneviertel zu werden drohte und wie die Maueröffnung diese Gefahr wieder abwendete, indem sie den Zuzug der Schickeria nach Mitte und in den Prenzlauer Berg umleitete. Fotos werden gemacht, wie bestellt trottet ein Punk mit Bierdose in der Hand vorbei. Zwei Polizisten lehnen gelangweilt an ihrem Dienstwagen, der vor der Synagoge parkt. Jüdische Zuwanderer, so hören wir im Vorbeigehen, kamen in zwei großen Schüben nach Berlin. Daß ansonsten viele Menschen aus dem Osten auf Arbeitssuche in Kreuzberg landeten, weil ihre Endstation Görlitzer Bahnhof hieß. Für die türkischen »Gastarbeiter« hieß die Endstation Bahnhof Zoo, aber sie kamen gerne wegen der preiswerten Mieten. Oder weil schon Verwandte oder Freunde hier wohnten. Eine ihrer Moscheen auf dem Dach von »Kaisers« an der Skalitzer Straße ist eine weitere Überraschung. Und daß aus türkischer Sicht ausgerechnet Kreuzberg ein stockkonservativer Bezirk ist! Allem Nachtleben, Multikulti und Randalespektakel am 1. Mai zum Trotz.

Die Tour »Weltstadt Kreuzberg, von Zuwanderern und Einwohnern« wird von StattReisen Berlin angeboten. Telefon: (030) 445 30 28. <br>

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