Kreuzberger Chronik
November 2017 - Ausgabe 194

Geschichten & Geschichte

Spielen auf dem Anhalter


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von Lothar Emmerich

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Foto: Kreuzberger Chronik












Spielplätze gab es noch keine. Kinder spielten in Parkanlagen, in Haus- und Schulhöfen und auf den kaum befahrenen Straßen. Und die Kriegsruinen zwischen den Wohnhäusern waren ihre Abenteuerspielplätze, in denen sie nach Geld oder nach Schmuck und dem großen Glück im großen Unglück suchten. Der beliebteste und spektakulärste dieser Abenteuerspielplätze lag für die Schöneberger und die Kreuzberger Kinder zwischen dem Landwehrkanal im Norden und der Yorckstraße im Süden, sowie zwischen der Flottwellstraße im Westen und der Möckernstraße im Osten. Und immer, wenn es den Kindern von der Wartenburgstraße oder Hornstraße oder der Obentrautstraße zu langweilig wurde, fragte einer: »Und wat machen wa jetze?« Und immer sagte irgendeiner: »Uffs Bahnen!«

Das »Bahnen« war das verbotene Gelände des Anhalter Güterbahnhofs mit seinen verlassenen Lagerhallen und Wirtschaftsgebäuden. Mit seinen Gleissträngen und den vier Drehscheiben; mit dem Wasserturm, den Lokschuppen und den alten Stellwärterhäuschen voller Hebel und Schalter. Der Anhalter war ein Paradies und voller Mutproben. Besonders für die Obentrautclique. Sie bestand aus neun Jungen und einem Mädchen, das schneller über die Mauern klettern konnte als die Jungs. Weshalb es von allen heimlich verehrt, wenn nicht heimlich geliebt wurde. Fast wäre sie den Schornstein des Kesselhauses hinaufgeklettert, den die Druckwelle einer Bombe beinahe zum Einsturz gebracht hatte, und der seitdem auf halber Höhe abzuknicken drohte. Es war einer der Kleinsten aus der Obentrautclique gewesen, der sich als erster über die eingemauerten Stufen den Rand des Turmes bis zu dem Knick hinauf traute, um in gut zwanzig Meter Höhe eine Fahne zu hissen. Jahre lang kündete ein Handtuch im Wind von dem heldenhaften Aufstieg der Obentrauter, heute erinnert noch die Nahtstelle zwischen den alten und den neuen Klinkern des wieder aufgerichteten Schlotes an die Waghalsigkeit der einstigen Kletterer.

Es war jedoch nicht nur die Sehnsucht nach dem Abenteuer, nach Geheimverstecken, Höhlen und Aktenordnern voller Hieroglyphen. Es war nicht nur die Sage von Goldringen und Edelsteinen, nicht allein die unsterbliche Legende vom plötzlichen Glück im großen Unglück, die sie antrieb. Es war auch der Kampf ums Überleben in einer vom Krieg zerstörten Stadt. Es war die tief sitzende Angst vor Hunger und Kälte, und noch immer fuhren Züge über die Yorckbrücken auf den Rangierbahnhof und brachten Koks und Kohle. Gleich mehrere Kohlenhändler hatten sich an der Möckernstraße niedergelassen, die Kinder kannten sie alle, den Tussi und »Albrecht, den Bär«, ein Monster von einem Mann, vor dem auch die Mutigsten aus der Obentraut höllischen Respekt hatten. Ebenso wie vor der »Schwarzen Garde«, die die

Kohlenlager auf dem Anhalter Tag und Nacht bewachten. Tagelang zogen die Kinder zwischen den Geleisen umher, immer auf der Suche nach einem Stück vom Waggon gefallener Kohle, nach Metall und irgendwelchem Schrott, der sich noch in Geld umsetzen ließ. Sie suchten nach Stahlhelmen, Gasmasken, Kupferkabeln, allem, was irgendwie noch verwertbar war in diesem Trümmerhaufen.

Sogar Granaten suchten und fanden sie. Aber sie mussten aufpassen, dass die Schrotthändler sie ihnen nicht einfach wieder abnahmen und behaupteten, dass es sich um Kriegsmaterial handle, das wieder abgeliefert werden müsse. »Die haben natürlich nichts abgegeben, die haben das Kupfer rausgeholt, und wir bekamen nichts davon!« Es ist mehr als sechzig Jahre her, aber Klaus Kurpiers, der längste aus der Obentrautclique, ärgert sich heute noch darüber, als wäre es gestern gewesen.

Ebenso deutlich erinnert er sich an die Zelle 21. Noch immer stehen die mit schwarzer Ölfarbe auf die Backsteinmauern gemalten Nummern über den alten Bahnschuppen am Güterbahnhof, und hinter dem kleinen Gitterfenster der 21 saß der Lagermeister, der sofort herausgestürmt kam, wenn wieder einmal irgendwelche Gören auf dem Gelände herumstreiften. Es war nur wenige Meter von seiner Zelle entfernt, wo sie das große Stahlrohr entdeckten, mindestens 30 Kilo schwer, »richtig fette Beute!« - Als sie das meterlange Ding endlich ausgegraben hatten, mussten sie feststellen, dass das Rohr komplett verschlossen war. Wütend warfen sie mit Backsteinen danach, bis die Nummer 21 fluchend aus der Zelle stürmte. »Am nächsten Tag war das gesamte Gelände großräumig abgesperrt, ich glaube, von den Schuppen wäre nicht viel stehen geblieben, wenn die hochgegangen wäre.«

Doch die Kinder suchten nicht nur nach Abenteuern und nach Kupfer, Messing, Gold und Silber. »Wir kannten jeden Stein und jeden Baum auf dem Gelände, jedes Vogelnest und jeden Fuchsbau. Wir wussten, wo der Birnbaum stand und wo die Pfirsichbäume.« Auch die Himbeeren, die auf der Böschung hinter der Mauer an der Flottwellstraße wuchsen, blieben ihnen nicht verborgen. Im Juli, wenn sie reif waren, zogen sie mit Milchkannen durch das Gebüsch und pflückten sich die Finger rot und wund, um die süßen Beeren zu ernten und in bare Münzen zu verwandeln.

Sie wussten auch, wo die Weidenkätzchen wuchsen, und dass man die kleinen Hauben ganz leicht mit zwei Fingern abknipsen konnte, damit darunter die flauschigen silbernen Büschel zum Vorschein kamen. Wenn sie genug zusammen hatten, gingen sie von Tür und zu Tür und verkauften die kleinen Büschel für fünf Pfennige das Stück. Die wirklich großen Schätze fanden sie nie. •

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