Kreuzberger Chronik
November 2017 - Ausgabe 194

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Kreuzberg ist krank


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von Petra Steinbach

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Kreuzberg ist krank. Deshalb ist Kreuzberg das Eldorado der alternativen Heilpraktiken. Kreuzberg ist voller Shiatsu-, Yoga- Tai-Chi und Zumba-Lehrer. Voller Eheberater, Kids-Coaches, Mediatoren und Psychologen.

Aber das ist auch kein Wunder. Denn das ist doch kein Leben mehr: Tagsüber im Büro, abends vor dem Fernseher. Samstags Einkaufen, sonntags in die Kneipe bis zum Umfallen. Das hat doch mit dem traditionellen Kreuzberger Lebensstil nichts mehr zu tun.

Und montags wieder neun Stunden. Und vier Wochen Urlaub im Jahr, und fünfzehn Feiertage im Jahr. Drei Jahre Urlaub in sechsunddreißig Arbeitsjahren. Das ist doch kein Leben! Das hält doch kein Mensch aus! Kein Kreuzberger jedenfalls, und wenn er noch so ein dickes Fell hat.

Aber, aber, sagt dann der Psychologe, es geht Ihnen doch nicht schlecht, Sie verdienen doch überdurchschnittlich gut, Sie haben einen super Job in einem sicheren Unternehmen. Werfen Sie doch einmal einen Blick auf die Menschen, die mit einem Pappkarton auf der Bergmannstraße sitzen, jeden Tag sitzen die da, im Regen, im Winter, und haben krumme Beine, sonst nichts. Sie haben eine schöne Wohnung, ein geregeltes Einkommen, Sie machen auf den Malediven Urlaub, gehen Segeln und Fallschirmspringen. Sie gehen abends in restaurierten Ballsälen zum Tanzkurs und sind am Wochenende beim Brotbackworkshop.

Und dafür, dass so ein aus Westdeutschland daher gelaufener Seelenklempner einem Kreuzberger so was erzählt, zahlt der ihm dann hundertfünfzig Euro die Stunde. Jahrelang, ohne Erfolg. Dafür, dass sich der Kreuzberger sechzig Minuten alles von der Seele reden kann, während der Zuglaufene gelangweilt zuhört, aus dem Fenster schaut und am Ende sagt: Aber sehen Sie, es geht Ihnen doch gut. Sie haben doch alles, was Sie zum Leben brauchen.

Eben nicht! Eben genau das nicht. Der Kreuzberger hat nicht alles, was er braucht, er hat in der Regel keine Frau, keine Kinder, er kommt abends nachhause, und da steht immer noch das Geschirr und ein voller Aschenbecher, die Bierflasche und der Fernseher! Das ist doch nicht alles, das kann doch nicht alles sein, was ein Mensch zum Leben braucht! Oder sieht das so ein Psychologe aus Köln oder Dusseldorf vielleicht anders?

Dann schaut der Psychologe aus dem Fenster, überlegt und sagt, mit besonders ruhiger Stimme: Wenn jeder, der keine Frau hat, zum Psychologen rennen würde, dann könnte er allein in dieser Straße zwanzig Filialen eröffnen. - Aber das könnte ihm so passen! •

Die Open Page ist unsere journalistisch-literarische #Open Stage. Sie bietet Platz für jeneTexte, die aus dem üblichen Rahmen fallen. Schreiben Sie uns!


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