Kreuzberger Chronik
November 2017 - Ausgabe 194

Geschäfte

Der Duft von Linoleum


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von Hans W. Korfmann

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In den Sechzigerjahren erkannte man öffentliche Gebäude schon am Geruch. In Korridoren und Wartesälen städtischer Ämter, in Klassenzimmern und Krankenzimmern, überall roch es nach Linoleum. Grauem oder grünem Linoleum. Der unverkennbare Duft, der sich im Winter, wenn die dickrippigen Heizkörper glühten, im gesamten Haus ausbreitete, wurde zur olfaktorischen Metapher deutscher Nachkriegsordnung und Sauberkeit. Heute findet man ihn nur noch in Kindergärten und in Altersheimen. Schon in den Siebzigern wurde das Linoleum wieder abgelöst. Durch PVC.

Foto: Dieter Peters
»Polyvinylchlorid. Wenn man das in seine drei Bestandteile aufteilt, dann ist jeder einzelne davon hochgiftig! Linoleum dagegen besteht zu 98% aus Naturstoffen.« Sagt Bernd Dost, der letzte echte Linoleumhändler Berlins.

Wenn Bernd Dost von Linoleum erzählt, kommt er ins Schwärmen. Er hat nicht nur 320 verschiedene Farbtöne des Kindergartenduftes in seinem Laden, sondern auch vier Farben davon in der eigenen Wohnung: Der Boden im Wohnzimmer ist schwarz, in der Küche holzfarben, im Schlafzimmer orange und im Kinderzimmer blau. »Fischgrätenparkett im Kinderzimmer muss ja nicht sein!« So ein Linoleumboden aber sei genau das richtige für ein Kind. Wenn es dann sechzehn ist und genug gemalt und Limonade verkleckert hat, dann holt man eine Bohnermaschine und einen Eimer Wasser, und dann sieht der Boden aus wie neu!«

Bernd Drost versteht etwas vom Linoleum! Er ist gelernter Bodenleger. Ein Schwabe. »Aber nicht aus Prenzlberg!« Das ist ihm suspekt. SO 36 ist ihm lieber. »Obwohl - auch in der Glogauer hat sich einiges verändert. Ein ständiges Kommen und Gehen.« Wo sich früher brotlose Künstler mit Linoleumresten für 20 Mark den ganzen Laden ausgelegt haben, sitzen sie heute vor ihren Computern auf Designerböden für 40 Euro den Meter. Auf Lino-Art-Metallic zum Beispiel. Oder auf Graffito. Oder auf Linoleum mit Holzstruktur, das aussieht wie Parkett. »Aber so was«, sagt Dost und dämpft die Stimme ein wenig, »geht eigentlich nur nach Zehlendorf oder Wilmersdorf.«

Manchmal, wenn der Bernd Dost eine dieser neuen Eigentumswohnungen mit seinen bunten Rollen belegen soll, denkt er sich, dass er eigentlich das Doppelte verlangen sollte für seine Arbeit. Aber er kann »schlecht zwei Preise machen«, einen für die Prenzlberger oder die Wilmersdorfer. Als er anfing mit dem Linoleum, in Stuttgart, da ging es nicht um Wohnungen, da ging es um Krankenhäuser oder Büros. Jetzt, im Biozeitalter, sind es vor allem Wohnungen, die er einrichten soll. Wobei die in der Regel schon komplett eingerichtet sind, zumindest auf dem Papier. Beratung wird kaum noch gewünscht, »die haben schon einen langen Findungsprozess hinter sich, wenn sie hier her kommen.« Aber egal, wie lange sie auch vor dem Computer recherchiert haben: Am Ende landen sie doch in der Glogauer Straße. »Hier kann man das Linoleum ja noch richtig ansehen und anfassen!«

Es gibt noch andere Bodenleger in Berlin, die ein paar Rollen in der Ecke stehen haben. Aber diese Auswahl an Linoleumrollen mit Farbpaletten, Katalogen und Mustern gibt es nirgendwo sonst in der Stadt. Und nirgendwo duftete es so intensiv nach Knete und Kindergarten. Das spricht sich herum: »Ein Freund von mir hat bei Ihnen....«

Dost ist zu lange hier, um unbemerkt zu bleiben. 2004 hat er in der Glogauer Straße 17 sein Lager eingerichtet, wenig später wurde in der Nummer 3 die Ladenwohnung frei. Sie war bezahlbar, dafür gab es keinen »Putz an den Wänden, keine Heizung, keine Elektrik. Aber wir waren so eine bunte Truppe damals, einer war Elektriker, der andere Installateur, also haben wir uns hier langsam eingerichtet. Und abends waren wir Fußballgucken in den Kneipen.«

Foto: Dieter Peters
Eine Zeit lang liefen die Geschäfte nicht. Da saßen sie nur noch zweit in dem schmucklosen Laden in der schmucklosen Straße mit dem verstaubten Schaufenster, über dem »Linoleum« stand. Jetzt aber scheint das Naturprodukt aus Leinöl und Korkmehl seine zweite Renaissance zu erleben. Warum die Erfindung aus dem 19. Jahrhundert, deren Produktion einst Monate in Anspruch nahm, heute wieder so gefragt ist, ob es die Ökofreaks sind, die das Geschäft wieder ankurbeln, oder ob es nicht doch vielleicht dieser biedere Geruch der Sechzigerjahre war, der sich aus dem kollektiven Gedächtnis verflüchtigt hat, sei dahingestellt. Jedenfalls sind sie jetzt zu zehnt, und die Zeit, als Bernd Dost es sich leisten konnte, mit seinem Auto auf Geratewohl drei Stunden kreuz und quer durch die gerade mauerlos gewordene Stadt zu fahren, wenn er von Pankow nach Britz musste – »ohne Karte! Ich wollte ja was sehen von der Stadt!« - die ist vorbei.

Und dann nervt es, wenn eine Dame partout darauf besteht, dass der frisch verlegte Fußboden im Büro noch einmal abgedeckt wird, weil danach die Maler kommen. Das wäre nicht nötig, »nichts lässt sich so gut reinigen wie Linoleum«. Doch die Dame bestand darauf. Als sie am Tag der Abnahme die Schutzfolien entfernte, waren die Stellen darunter grün, der Rest grau. »Das ist der Reifeschleier!«, beruhigte Dost und erklärt, was er der Dame schon einmal erklärt hatte. In zwei Wochen sei alles wieder gleichmäßig grau. Das Linoleum sei ein Chamäleon. Es verändere seine Farbe bei Lichteinfluss. »Wir mussten mal den Boden in einem Zahnlabor am Kotti grundreinigen! Überall, wo 13 Jahre lang die Geräte gestanden hatten, hatte sich die Farbe verändert. Nach zwei Wochen sah alles aus wie neu!« Bei Linoleum kommt Dost eben ins Schwärmen. •

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