Kreuzberger Chronik
Mai 2017 - Ausgabe 189

Kreuzberger
Hakan Aslan

Man braucht im Leben etwas Unvollendetes


linie

von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

1pixgif
Sein Vater, Zeki Aslan, hatte ihm oft davon erzählt, schon als kleiner Junge sah Hakan diese Szene so deutlich vor sich, als hätte er sie im Film oder im Theater gesehen: Wie sich die türkischen Männer vor einer Mauer aufstellen mussten, wie die deutschen Inspektoren an ihnen vorübergingen, sie betätschelten und ihre Zähne kontrollierten. Szenen wie vom Pferdemarkt.

Zeki Aslan kam aus Kars, aber als Hakan zwei oder drei Jahre alt war, zog die Familie nach Erzurum, wo der Vater in der Telefonzentrale die Leitungen, die aus allen Himmelsrichtungen auf seinem hölzernen Schaltpult zusammenliefen, miteinander verband, damit sich auch die Leute aus Erzurum und Kars unterhalten konnten. Trotzdem verstanden sich die Menschen dieser zwei Städte nicht, es herrschte eine Art Krieg zwischen dem liberalen Kars und dem konservativen Erzurum. Hakan erinnert sich, wie sie mit dem Bus nach Erzurum kamen, und wie man sie mit Steinen empfing, »alle Scheiben gingen zu Bruch, ich glaube, die machten das mit jedem Bus aus Kars so!« Es waren unruhige Zeiten, und deshalb bewarb sich eines Tages auch Zeki Aslan, um in Deutschland zu arbeiten.

Zeki Aslans Zähne waren in Ordnung, 1973 landete er mit der letzten türkischen Gastarbeiterwelle in Berlin. Neun Monate später setzte er seine Frau, Hakan und dessen Schwester in den Zug nach Berlin. Hakan war in der dritten Klasse, aber in Moabit musste er noch einmal ganz von vorn anfangen. Doch Hakan lernte schnell, sie waren »auch nur vier Türken in der Klasse!«, und ihm gefiel diese deutsche Kultur, insbesondere Stefans Leberwurstbrote mit Senf. In jeder Pause standen Stefan und er zusammen und tauschten die Schulbrote. »Diese deutschen Leberwurstbrote und die türkischen Salamibrötchen waren so etwas wie der erste Kulturaustausch!« Hakan Aslan und Stefan Ullrich wurden Freunde, Jahre später sahen sie sich im Theater wieder: Stefan saß mit seiner Mutter im Publikum. Sie hatte Tränen in den Augen, als Hakan nach der Vorstellung zu ihnen herunterkam und sie sah, was aus dem kleinen Jungen mit diesen komischen Salamibrötchen geworden war.

Hakan ging es gut in Berlin, er merkte nicht, das der Vater die Arbeit verlor. Er erfuhr nicht, dass sie kaum Geld hatten und dass ihre Kleider aus den blauen Säcken auf der Straße kamen. Von der Arbeit sprach der Vater erst wieder, als er schon »wie verrückt berlinerte« und bei der Morgenpost zum Leiter der Ausgabestelle befördert wurde. Hakan stand schon vor dem Abitur, als er für ihn einspringen musste, weil der Vater krank wurde. Nachts um eins fuhr er in die Pankstraße, um die Zeitungen, die Adressenlisten und die Haustürschlüssel an die Lieferanten zu verteilen. Dann fuhr er zum Putzen weiter in die Kaufhäuser. »Putzen war ein ziemlich gut bezahlter Job in Berlin, ich hab
Foto: Privat
immer nebenbei geputzt.« Um acht war Hakan dann in der Schule. Es fehlte ihm an Schlaf in diesen Jahren, das Abitur schaffte er trotzdem.

Als die Türkin aus dem Sekretariat der FU im Wedding das Café Selam Arkadash eröffnete, begann Hakan sich mit seinen türkischen Kommilitonen zum Saz-Spiel zu treffen. »Als uns das Trinken und Singen zu langweilig wurde, kam irgendwer auf die Idee, den Bär von Tschechow einzustudieren.« Dass Hakan die Hauptrolle in dem Einakter bekam, »lag wahrscheinlich eher an meiner Physis als an meiner schauspielerischen Begabung«. Hakan war kräftig, er hatte nicht nur Fenster und Kaufhäuser geputzt und Zeitungen verteilt, er war jahrelang bei den Turnern im Moabiter TSV GutsMuths 1861.

Hakan war ein guter Bär, und nachdem er einmal auf der Bühne gestanden und Applaus geerntet hatte, schien dem Studenten das Betriebswirtschaftsstudium, das er ohnehin nur halbherzig und den Eltern zuliebe begonnen hatte, nebensächlich. Er blieb inskribiert, wurde aber ein seltener Gast in den Hörsälen, was nichts Außergewöhnliches in jenen glücklichen Jahren war, in denen das Berliner Studentenleben ohnehin eher aus Nebentätigkeiten wie Demonstrieren, politischen Diskussionen und abendlichen Kneipenbesuchen bestand.

Berlins Hinterhof-Theater, in denen Hakan auftrat, waren zwar ein anerkannter Beitrag in der politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzung, aber Hakans Existenzgrundlage war das Putzen. Bis er eines Tages die erste Gage in der Hand hielt. WindSpieltheater nannte sich die internationale Truppe von Profis und Amateuren aus Polen, England, der Türkei und Deutschland, die einige Tage im Hof des Schöneberger Rathauses auftrat. Auch Otto Sander sollte mitspielen, aber dann »kam dummerweise irgendeine Fernsehgeschichte dazwischen, sonst stünde jetzt in meiner Vita: Spielte mit Otto Sanders...« Im WindSpieltheater war Hakan kein Bär mehr aus den Zeiten des Feudalismus, sondern ein Kriegsgewinner aus dem ersten Weltkrieg, der »halbnackt mit einem LKW in den Rathaushof« einfuhr. »Es regnete in Strömen, und nach den Vorstellungen war ich erst mal krank.«

Mit dem Geld in der Hand stand er plötzlich vor der Frage, ob er das Theaterspielen zu seinem Beruf machen sollte. Aber Hakan hatte das Gefühl, zu viele Sachen gleichzeitig und nichts fertig zu machen. »Jeder Mensch braucht etwas Unvollendetes!«, das weiß Hakan, aber er war bald dreißig und sein Leben schien noch immer aus lauter losen Enden zu bestehen, aus viel zu viel Unvollendetem. Er hatte das Gefühl, »mal einiges ins Reine bringen zu müssen«: Da war die Engländerin, mit der er nicht mehr glücklich war; da war das Theater, das Spaß machte, aber kein Brot einbrachte; da war die Offerte der Putzfirma, die ihm einen Firmenwagen und ein gutes Gehalt anbot; und da war die Freie Universität, an der er die Betriebswirtschaft aufgegeben hatte, um sich der englischsprachigen Li
Foto: Privat
teratur zuzuwenden.

Hakan grübelte zwei Tage, verließ die Frau und das Theater, meldete seine Magisterarbeit an der FU an, zog sich ein paar Monate zurück und legte dem überraschten Professor seine Studienresultate nicht Monat für Monat und Kapitel für Kapitel vor, sondern als fertige Arbeit mit dem Titel Das Orientbild in der viktorianischen Reiseliteratur. »Was soll ich denn damit anfangen!?«, rief der Professor und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, verlieh aber dem Studenten letztendlich doch den Titel eines Magisters. Nur kurz tauchte am Horizont die Vision von einer komfortablen C3-Professur auf, aber Hakan war klar, dass die akademische Laufbahn eher zu den unvollendeten Kapiteln seines Lebens gehören würde. Es gab zu viele andere lose Enden, denen er noch nachzugehen hatte, andere Träume, wie den vom eigenen Roman, vom Schreiben, von solch unvergesslichen Sätzen wie dem Nâz1m Hikmets: »Zu leben wie ein Baum, einzeln und frei, und brüderlich wie ein Wald – das ist unsere Sehnsucht.«

Die Magisterarbeit hatte ihn motiviert. Er begann, Theaterstücke ins Türkische übersetzen, darunter Stücke von Heiner Müller und vom Grips-Theater, und er publizierte in Theaterzeitschriften. Geld verdiente er damit immer noch keines, aber Hakan Aslan hat sowieso nie ans Geld gedacht. »ich hatte ja immer irgendeinen Putzjob.« Und wäre er wirklich einmal in Not geraden, dann gab es immer noch den Döner-Imbiss seines Vaters am Frankfurter Tor. »Mein Vater war einer der ersten, der sich nach dem Mauerfall in den Osten traute.«

Zeki Aslan verkaufte »den besten Döner der Stadt«. Er kannte sich aus mit Fleisch. Schon als Kind musste Hakan durch halb Berlin bis nach Kreuzberg fahren, wo es eine türkische Fleischerei gab. »Sie packten das blutige Fleisch einfach in eine löchrige Plastiktüte, die Blutspur führte durch halb Berlin, ich hab mich so geschämt!«

Kreuzberg war eine türkische Exklave, die Hakan kaum kannte. Erst als ihn ein Freund, der im Deutsch-Türkischen-Kindertreff in der Friesenstraße arbeitete, fragte, ob er mitarbeiten wolle, fand Hakan seinen Platz in jenem Stadtviertel, das einmal die Heimat so vieler türkischer Einwanderer gewesen war. Als der Kindertreff in den Wasserturm umzog, zog Hakan Aslan mit. Heute leitet er zusammen mit Jochem Griese, der sich seit mehr als 30 Jahren im Wasserturm um die Kinder der Ureinwohner und der Einwanderer kümmert, das Jugend-, Kultur- und Kommunikationszentrum an der Kopischstraße.

Mit so viel Erfolg, dass man glauben könnte, die vielen losen Enden in Hakans Biographie sollten von Anfang an hier zusammenlaufen, und die Erfahrungen als Kind eines Einwanderers, als Student, als Arbeiter, als Theaterschauspieler seien nichts anderes als eine Lehrzeit gewesen, um eines Tages erfolgreich mit Jugendlichen zu arbeiten. Es ist kein schneller Erfolg, manchmal vergehen Jahre, bis die, die früher im Wasserturm Tischtennis spielten, am Kicker standen, in den Ecken rauchten, plötzlich vor der Tür stehen und sagen: »Ihr glaubt nicht, wie wichtig der Turm für uns war!« Sie sind in der Zwischenzeit im Gefängnis gewesen, haben Lehren abgebrochen, Jobs angefangen und wieder aufgegeben, harte Typen darunter, denen kein Lehrer irgendeine Chance gegeben hätte. »Und irgendwann kommen die zurück, ein Baby im Wickeltuch vor dem Bauch!« Solche Märchen gibt es immer wieder hier im Turm. Aber es gibt auch die anderen Geschichten von denen, die es nicht schaffen. »Wir haben hier die komplette Palette von Werdegängen. Es gibt Leute, die gehen hier raus und machen Karriere als Krimineller, und andere kommen als Künstler oder erfolgreiche Unternehmer zurück.«

Der Wasserturm ist keine Insel der Glückseligkeit, er ist das Abbild und der Durchschnitt der Gesellschaft. Alles, was Hakan und Jochem machen können, ist: im entscheidenden Momente vielleicht das Zünglein an der Waage zu sein. Die Richtung zu weisen. Mit Sätzen wie: »Probiers doch mal!« oder »Du hast Talent. Aber du kannst es auch in die Tonne haun!«

Hakan sagt: »Wir sind hier die Ersatzväter.« Dazu muss man die Sprache der Jugend verstehen. Und sprechen. »Ich bilde mir ein, dass ich da ein gewisses Talent habe«, sagt Hakan. Vielleicht denkt er, wenn er das sagt, auch ein bisschen an den Roman über seinen Vater, den er schreiben möchte. Und an das Theaterstück, das er mit Jugendlichen aus dem Turm aufgeführt hat. Drei Monate haben sie gearbeitet, Szenen gespielt, in denen sie beleidigt und angegriffen wurden, nur weil sie keine Deutschen waren. Das ganze Stück über, in dem sich Menschen mit Glatzen, mit Kopftüchern, Turbanen und Fezen begegnen, liegt unbeachtet auf einer Bank eine Tasche, aber erst in der letzten Szene, in der sich alle irgendwie finden, sieht sie jemand und öffnet sie. Darin liegt ein Zettel, auf dem steht: »Zu leben einzeln und frei wie ein Baum, und brüderlich wie ein Wald: das ist unsere Sehnsucht.«

Eines der schönsten Wasserturmmärchen ist das von Ilhan. Als die Rapper von i,Slam wegen eines Auftritts anfragten, fragte Hakan, ob sie das nicht mit einem Workshop im Turm kombinieren könnten. Ilhan, der Gangsterrapper vom Wasserturm, war beim Workshop so gut, dass sie fragte, ob er nicht bei der Vorstellung am Abend mitmachen wolle. Inzwischen tourt er mit der Truppe durch ganz Deutschland. »Darauf«, sagt Hakan, »bin ich schon ein bisschen stolz!« Er war das Zünglein an der Waage, und sie neigte sich zur richtigen Seite.

Kultur ist eine der wichtigsten Stützen des Turms. Und seiner Bewohner. Kürzlich fragte Mustafa Akça von der Selam Opera, einem Projekt der Komischen Oper, ob sie mit dem Operndolmus im Turm Station machen könnten. Das Ensemble von der Behrenstraße tingelt durch verschiedenste Einrichtungen der Stadt und führt ein Programm mit einer Mischung aus Oper und Folklore auf. Kostenlos, aus Idealismus. Weil Theater Teil der politischen Auseinandersetzung ist.

Hakan ist bald fünfzig, es wäre an der Zeit, mit dem Roman anzufangen. Aber vielleicht ist ja das Märchen von Ilhan noch nicht fertig geschrieben. Ilhan und Hakan denken an eine Hip-Hop-Oper. Keine andere Musik eignet sich besser für eine Oper als Hip-Hop. Und Mustafa Akça hat bereits zugesagt, dass die Rapper vom Wasserturm mit ihrer komischen Oper auch an die Komische Oper kommen könnten.

»Das geht jetzt erst einmal vor!«, sagt Hakan. Und irgendwann kommt dann das erste Kapitel des Romans. Über Zeki Aslan, dem man eigentlich den Namen Aydin gegeben hatte: »Aydin, das ist der Intellektuelle, der Fortschrittliche.« Aber aus Aydin wurde Zeki, der Zeitungsverteiler und Dönerverkäufer. Vielleicht wird ja aus Hakan noch der Schriftsteller, von dem der Großvater träumte. Irgendwann jedenfalls wird er anfangen zu schreiben. Anfänge sind immer wunderbar. Und vielleicht muss so ein Roman ja auch gar nicht fertig werden. Es gibt schließlich auch Schuberts Unvollendete. •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2017, Berlin-Kreuzberg