Kreuzberger Chronik
Mai 2017 - Ausgabe 189

Geschichten & Geschichte

Zucker aus Kreuzberg


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von Werner von Westhafen

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Die Geschichte eines fast vergessenen Entdeckers.


Als die Stadt über die alte Zollmauer hinauswuchs, gehörten die Ufer der Spree vor dem Schlesischen Tor noch den Gärtnern und Bauern, Schiffern, Färbern und Kattunwebern, die auf den Uferwiesen ihre Stoffe bleichten. Später kamen die Vorstadtvillen erfolgreicher Gründerzeitunternehmer hinzu. Auch Ferdinand und Wilhelm Habel, die in der Schlesischen Straße eine Zuckersiederei eröffneten und auf dem Höhepunkt ihres Erfolges gleich mehrere Grundstücke zwischen der Schlesischen Straße und der Spree besaßen, gehörten zu den Gewinnern.

Die Brüder Habel hatten auf eine Entdeckung gesetzt, die schon einige Jahrzehnte alt war, deren Bedeutung jedoch niemand einzuschätzen wusste. Vielleicht lag es an der hässlichen Physiognomie der Feldfrucht, die als Viehfutter bekannt war, und die auch kein sonderlich wohlklingender Name schmückte, wenn die Nachricht vom Zuckergehalt der Runkelrübe schon kurz nach ihrer Bekanntgabe wieder vergessen wurde. Auch die Entdecker des begehrten Kristalls waren schnell wieder vergessen.

Zwanzig Jahre dauerte es, bis der Vortrag, den Andreas Sigismund Marggraf über die »Experimenta Chymika, rerum Sacharum«, die chemischen Versuche in Sachen Zucker, gehalten hatte, und der schon ins Englische übersetzt worden war, 1767 auch in Berlin und auf Deutsch erschien. Marggraf, der Sohn des königlichen Hofapothekers und »Direktor der physikalischen Klasse« an der Akademie der Wissenschaften, hatte aus der weißen Runkelrübe ein »schönes, hartes, kristallinisiertes Salz« extrahiert, »welches alle Eigenschaften des Zuckers besaß.« Die Entdeckung hätte aufhorchen lassen müssen in einer Zeit, »in der es kein Weib, namentlich unter den Begüterten, gibt, das nicht mehr Geld für seinn Zucker als für Brot ausgibt.«

Noch im 19. Jahrhundert ist Zucker ein Luxusartikel, das Siedegeheimnis wird von den drei Berliner Zuckersiedereien strengstens geheim gehalten. Sie gehören dem Zuckerbaron Splittgerber, der allein in Berlin »in einem Jahre gegen eine Million Thaler Zucker gekocht« hat und »das ganze Land mit Zucker versorgt«. An die tausend Menschen in der Stadt sollen damit beschäftigt gewesen sein, Zuckerrohr zu sieden. Hinzu kamen Lieferanten, die Besitzer der Kolonialwarenläden und die Techniker, die sich alle auf Zuckerrohr konzentriert hatten. Niemand hatte das geringste Interesse daran, das blühende Geschäft mit dem exotischen Gewächs aus Übersee durch eine Runkelrübe zu gefährden. Auch wenn diese vor der Haustür angebaut werden konnte.

Als Marggraf 1782 starb, übernahm sein Schüler Franz Carl Achard dessen Stelle und machte sich augenblicklich daran, die Entdeckung seines Lehrers zumindest posthum zu würdigen, indem er bei Kaulsdorf ein Landgut kaufte, aus der alten Schnapsbrennerei eine
»Sirupkocherei« machte und mit der Züchtung von zuckerhaltigen Rüben begann. Seinem König schrieb er, dass die Entdeckung Marggrafs »fünf Jahrzehnte ungenutzt« in den Schubladen gelegen habe.

Zwölf Jahre experimentiert er, am Ende gelingt es ihm, den Zuckergehalt der Rübe von 1,6% auf 5% zu erhöhen. Dann vernichtet ein Brand das Gut und sämtliche chemischen Anlagen. Dennoch kann Achard 1796 den ersten aus Rüben gewonnenen Zucker der Welt herstellen. Das Verfahren ist noch nicht ausgereift, doch 1799 geht Achard mit seiner Erfindung an die Öffentlichkeit und erhält ein Darlehen von 50.000 Thalern, um ein Gut im schlesischen Cunern zu kaufen, wo er 1802 die erste Zuckerrübenfabrik der Welt in Betrieb nimmt.

Der Zeitpunkt ist günstig. Als Napoleon 1806 eine Kontinentalsperre verhängt, der Rohrzucker wird zur Mangelware, Achard könnte mit seiner Rübe endlich Geld verdienen. Doch der Wissenschaftler ist kein Geschäftsmann, er investiert in weiter in die Entwicklung, bis noch einmal ein Feuer die Früchte jahrelanger Arbeit in Asche verwandelt, und als Napoleon die Sperre 1811 wieder aufhebt, greifen die Preußen wieder auf den Rohrzucker zurück.

Die Franzosen aber haben die deutsche Erfindung nicht aus den Augen verloren, den Rübenanbau ausgebaut und die Destillation weiterentwickelt. Vierzig Jahre später, Achard ist längst gestorben, erinnern sich auch die Deutschen wieder, entsenden Spione und Studenten nach Frankreich und beginnen, auch auf Brandenburger Äckern die runzelige Rübe anzubauen, die inzwischen einen neuen, viel hübscher klingenden Namen erhalten hat: »Zuckerrübe«. An den Namen Achard erinnern sich Konditoren und Hausfrauen erst am Ende des Jahrhunderts, als der Rübenzucker so billig geworden ist, dass der Sonntagskuchen nicht mehr allein Großgrundbesitzer dick macht.

Achard hat diese Kuchen nicht mehr erlebt. 1818 schreibt er resigniert, er sei »drey Winter hindurch an höchst gefährlichen Brustentzündungen« erkrankt, die er sich durch »Erkältungen, Dämpfe und schnelle Wechseltemperatur« bei der Zuckerfabrikation »zugezogen habe«. Er sieht ein, dass der »Eifer«, mit dem er seine Forschungen vorantrieb, über kurz oder lang ein »frühes physisches Alter herbeiführen« musste. Drei Jahre später stirbt er verarmt und vergessen im schlesischen Cunern.

Während der Erfinder ablebt, lebt das Zuckergeschäft auf. 1837 gibt es bereits 15 große Zuckersiedereien in Berlin. Auch vor dem Schlesischen Tor wurden einige Zuckersieder reich. Insgesamt produzierte die »Berliner Zuckersiederei-Compagnie« in den wenigen Jahren von 1832 bis 1859 mehr als 60 Millionen Kilogramm Zucker aus der Runkelrübe und machte Berlin damit sozusagen zur Metropole der preußischen Zuckerbarone.•


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