Kreuzberger Chronik
Mai 2017 - Ausgabe 189

Kanzlei Hilfreich

Väter, Töchter und Uhren


linie

von Kajo Frings

1pixgif
Weshalb Jens Hilfreich beim Anblick seiner nassen Nachbarin an eine ehemalige Klientin denken musste. Jens Hilfreich fuhr nach Gropiusstadt. Eine junge Frau hatte ihn um einen Hausbesuch bei ihrem gehbehinderten Großvater gebeten, der sein Testament machen wolle. Hilfreich schaute vom Balkon des 23. Stocks über die weiten Felder, die Mauer und den Todesstreifen, während der alte Herr im Rollstuhl erzählte: »Ich war hier der erste Mieter, als sie uns aus Kreuzberg vertrieben, um die Autobahn entlang der Mauer zu bauen. Das war 1970, kurz nach dem Tod meiner Frau, da war hier überall noch Baustelle. Seitdem schau ich hier runter. Das letzte Mal hab ich die Wohnung verlassen, als Bundesgartenschau in Britz war. Mein Bein ist steif, wissen Sie, ich war doch Reiterstaffel. Schlacht um Kolberg.« Jens unterbrach: »1807? So alt sehen Sie gar nicht aus!« - Der Mann lachte. »Nee, 1945. Mein Pferd ging im Granatenhagel durch, stürzte, ich lag drunter. Frontuntauglich. Ich sag heut noch: ‚Lieber mit eenem Been leb’n als mit zween dood. Aber einsam ist es schon. Meinen Sohn hab ich vor dreißig Jahren das letzte Mal gesehen. Nur Julia, meine Enkelin, kommt manchmal. Und die will ich als Erbin einsetzen. Viel ist es ja nicht, nur die Eheringe und die Uhr. Mehr so Erinnerung.« Jens hatte das Gefühl, den Mann nie wiederzusehen, und setzte das Testament auf.

Zwei Wochen später erschien die Enkelin, um einen Antrag auf Erteilung eines Erbscheins zu stellen. »Ich hab ne anonyme Urnenbestattung machen lassen. Dafür reicht der Nachlass noch. Ich hab noch Papa auf Mallorca angerufen und ihm von Opas Tod erzählt. Aber der meinte nur: Und wegen sowas störst du mich im Urlaub?

Daran musste Jens denken, als kürzlich im Januar die Nachbarin Jutta bei ihm klingelte und fragte, ob Jens ihr mit einer Schnorchelmaske aushelfen könne. Sie habe auf der Admiralbrücke gestanden und an ihren Vater gedacht, der vor einem Jahr verstorben war. Aus Rührseligkeit hatte sie die geerbte Uhr in der Hand gehalten, irgend jemand hatte sie versehentlich angerempelt, und da war ihr das Erbstück aus der Hand gefallen. Und die müsse sie jetzt aus dem Landwehrkanal holen. »Was? Bei dem Wetter in diese Brühe? Tickst du noch sauber?« - »Ja, ich tick noch sauber. Die Uhr auch noch. Außerdem ist sie ein Andenken an meinen Vater. Und das geht dich auch nichts an. Ich habe nur gefragt, ob du eine Maske hast.« Jens holte die Schnorchelutensilien aus dem Keller. Eine Stunde später stand Jutta in matschiger Unterwäsche vor der Tür, brachte die Maske zurück und zeigte stolz die Uhr ihres Vaters. Jens hatte selbstverständlich schon das heiße Badewasser eingelassen und den DVD-Player hingestellt mit der Szene aus Armageddon, in der Bruce Willis noch mit seiner Tochter ein interstellares Telefonat führt, bevor er zur Rettung der Erde einen Asteroiden und sich selbst in die Luft sprengt. Töchter lieben es, wenn Väter Helden sind. •

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2017, Berlin-Kreuzberg