Kreuzberger Chronik
Mai 2017 - Ausgabe 189

Geschäfte

Ein Stück Kreuzberg


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von Sybille Matuschek

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Die iranischen Frauen im Restaurant am Mehringdamm verstanden etwas von Couscous und Kichererbsen, gefüllten Teigtaschen und Reisgerichten. Im Berliner Zimmer, sechs knarrende Stufen hinauf, mit seinen alten Möbeln unter dem Kronleuchter und den Ölgemälden stand nur ein einziger, langer Tisch mit Kerzen, der stets den Eindruck erweckte, als würde gleich ein Familiengeburtstag gefeiert – und an dem die unterschiedlichsten Leute zusammenfanden. Das Hinterzimmer der Seerose war ein Wohnzimmer und damit auch ein authentisches Stück Kreuzberg.

Nachdem die Seerose schloss, weil die Hauseigentümer die Miete drastisch erhöhten, standen die schönen Räume hinter der großen Scheibe lange Zeit leer. Niemand war bereit, die schon legendären 8000 Euro Miete zu zahlen, von denen man in der Nachbarschaft sprach. Und jetzt ist aus dem authentischen Stück Kreuzberg »Ein Stück Berlin« geworden. So zumindest heißt der Laden, der vor zwei Jahren hier eingezogen ist und eines von jener vielen jungen Geschäfte zu sein scheint, die im lukrativ gewordenen »Bergmannstraßenkiez« mit dem Namen »Berlin« Geschäfte machen möchten. Zweisprachig wirbt die Internetseite für einen »Start-up Store« mit »Ladies Fashion« und einem eigenen Label.

Doch dann ist alles ganz anders. Am Mehringdamm stürmt keine quirlige junge Frau auf die Kundschaft zu, da quietschen keine englischen Teenies vor Vergnügen vor dem Spiegel. Da sitzt ein älterer Herr mit Bart still auf seinem Stuhl und mustert neugierig jeden, der zu ihm hereinkommt. Dieser ältere Herr ist Siegfried Elxnat.

»Als ick hier eröffnet hab, da kamen die alle hier rin und sagten: So viel Miete, wie willst´n dat wieder rinkriejen?« Aber Elxnat schüttelt den Kopf. Er hat ordentlich verhandelt. Siegfried Elxnat ist nicht das Söhnchen eines Londoner Staranwalts, dem der Vater einen Laden in Berlin spendiert. Siegfried ist in Neukölln zur Schule gegangen, Ende der Siebziger hat er seinen ersten Secondhandladen eröffnet, in der Hauptstraße in Schöneberg, gegenüber vom Andern Ufer. »Der Bowie hat´n altet Hawaii-Hemd bei mir jekooft, und der Günter Grass hat aus´m Krieg erzählt, der wollte so´n Koppelgürtel. Bezahlt hat er aus so einem kleinen Geldsäckchen, 19,50, warn noch D-Mark damals.«

Elxnat ist ein alter Berliner. Und ein alter Modehase. 1986 entwarf er seine erste Pulloverkollektion und ließ sie in der Kolonnenstraße, »da gabs nämlich noch ne kleene Strickfabrik im Hinterhof«, anfertigen. In den Achtzigern trugen Laden und Label den Namen Laufsteg. Und der Steg führte nach oben, er spielte genügend Geld ein, um eine weitere Filiale in Freiburg zu eröffnen. »Freiburg war super, der Bodensee, die Schweiz, das Elsass.« Aber Elxnat war gerade zwei Jahre fort, da fiel in Berlin die Mauer. »Meine Freunde haben in Mitte sofort ganz günstig Läden angemietet und so viel Geld verdient, dass sie bald das ganze Haus kaufen konnten.« Elxnat kam zu spät, um sein Glück zu machen. Auch er mietete sich in der Neuen Schönhauser ein, hängte ganz andere Kleider zu ganz anderen Preisen in den Laden, bis sie die Miete von 3000 auf 12.000 erhöhten. Elxnat ist Berliner, Siegfried ist in Neukölln zur Schule gegangen: Er holte noch einmal zwei Jahre heraus - bis ein Kollege aus Paris kam, ein gewisser Lagerfeld. »Der blätterte die 12.000 auf den Tisch.«

Foto: Dieter Peters
Nun also ist Elxnat am Mehringdamm. Mit Jacqueline, der Fremdsprachenkorrespondentin, die er in Italien auf der Messe kennenlernte. Freiburg ist jetzt Vergangenheit, Freiburg ist für echte Berliner »zu langweilig«. Auch der Laufsteg ist Vergangenheit, die Gegenwart ist Ein Stück Berlin. Elxnat weiß, dass sie gegenwärtig aus aller Welt kommen und Berlin aufs Logo schreiben, nur um Geld zu machen. »Aber ick darf dat!« Elxnat hatte auch in Freiburg immer ein Stück Berlin dabei, und »so´n T-Shirt, so´n Mantel, den du mitnimmst, wenn du die Stadt verlässt, ist irgendwie ein Stück Berlin.«

Es sind nicht viele Berlin-Stücke, und es sind nicht die üblichen Kapuzenpullover, die am Mehringdamm hängen. Fast alles – bis auf die Schuhe, »die kommen aus einem kleinen rumänischen Familienbetrieb« -stammt aus den Federn der hauseigenen Designer. Elxnat wählt die Entwürfe aus, »genäht wird in Italien, selten mehr als 500 Stück.« Die weit verbreitete weibliche Panik davor, das gleiche Kleid im Urlaub wiederzutreffen, ist bei Elxnat unbegründet. Auch im kühlen Norden Europas wird aus dem Stück Berlin kein Stück Helsinki, obwohl die Wintermäntel vom Mehringdamm mit dem hohen Wollanteil auch dort noch wärmen würden. Trotz der begrüßenswerten Funktionalität sind Elxnats Kleider so schick, dass sie sich auf der Titelseite der Vogue sehen lassen könnten. Auch die scheinbar dünnen und geschmeidigen Winterkleider sind fast komplett aus Wolle und Baumwolle, nur kleine Beigaben von Modal oder Viskose sorgen für Haltbarkeit. Trotzdem sieht das rote Kleid mit dem tiefen V-Ausschnitt schon auf dem Kleiderbügel so sexy aus, dass nicht nur Frauen ins Träumen kommen.

»Auch der schwarze Tulpenmantel mit dem Kragen ist ein Renner, und die Fledermauspullover mit ihren flatternden Ärmeln.« Klar, Mitte wäre besser, aber »das ist unbezahlbar«. Dafür sind hier »nette Leute. Nur Geld haben sie keins: lauter Studenten, Asylbewerber, arme Schlucker, die in Mülleimern nach Pfandflaschen suchen. Ich bräuchte eigentlich einen Investor, um noch einen Laden zu eröffnen. Aber jetzt muss ich erst mal mein Kind aus der Kita holen. Heute bin nämlich ich dran mit Abholen.« Sagt er, zieht den Mantel an und verschwindet im Regen. Denn irgenwie ist dieser Laden nicht nur ein Stück Berlin, sondern ein echtes Stück Kreuzberg.•


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