Kreuzberger Chronik
März 2017 - Ausgabe 187

Reportagen, Gespräche, Interviews

Stadtoasen (2):
Die Gärten am See



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von Hans W. Korfmann

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Als der Flughafen von Tempelhof schloss, hängten die Gärtner jenseits des Damms die ersten Transparente auf. Denn die Entwürfe der Stadtplaner sahen nicht nur auf dem Flughafen, sondern auch dort Neubauten vor, wo gerade ihre Gärten blühten.


Foto: Dieter Peters
Klaus-Ulrich Kurpiers steht vor einer Weide am Rand des Sees. Kurpiers ist ein Naturfreund, der armdicke Weinstock in seinem Garten, der schon da war, als er 1976 seinen Garten umzugraben begann, trägt in guten Jahren »30 Pfund Trauben vom Feinsten«. Und die drei großen Aprikosenbäume haben Früchte, so süß wie in Frankreich. Aber nicht nur die Flora, auch die Fauna liebt der Gärtner, besonders die Vögel. An dem Baum über Kurpiers hängen gleich drei Vogelhäuser. Die letzte Brutstätte hat der Rentner aus den Brettern eines ausgemusterten Hasenstalles zusammengezimmert, ein regelrechtes Baumhaus, gut fünf Meter über der Erde. Kurpiers ist 73 Jahre alt, letztes Jahr war er noch einmal oben, um nach dem Rechten zu sehen. »Aber das war das letzte Mal, ich bin langsam zu alt für diese Klettereien«, sagt der Vogelfreund. Aber so richtig glauben kann er sich das nicht.

»Ich hab hier rund fünfzig Vogelhäuser aufgehängt, davon zehn Nistplätze für Stare, und die brüten gleich zweimal, jedes Mal vier, das sind acht Jungvögel im Jahr. Wenn ich mir ausrechne, wie viele Vögel hier geschlüpft sind, und wie viele Nachkommen die inzwischen haben, dann sind das Zig-Tausende.« Vor 40 Jahren hat Kurpiers sein erstes Vogelhaus am See aufgehängt, der im Innern der alten Radrennbahn entstand, als man das viele Regenwasser des Flugfeldes in die ehemalige Sportstätte jenseits des Columbiadamms leitete.

Seit dem Krieg diente das so genannte »Regenwasserauffangbecken« vor allem den Gärtnern am Columbiadamm zur Bewässerung. Sie hatten im Juli 1946, als die Alliierten zur Linderung des Hungers in der Stadt sämtliche Grün- und Brachflächen zu »Grabeland« erklärten und zur gärtnerischen Nutzung freigaben, am Columbiadamm die »Grabelandkolonie am Flughafen« gegründet. Da sich jeder ein beliebig großes Stück Grund abstecken durfte, kam es schnell zu Streit in der Gärtnergemeinschaft, weshalb schon im Herbst desselben Jahres das Gartenbauamt Obmänner einsetzte, die für eine gerechte Aufteilung des städtischen Bodens sorgen und einen Pachtzins von 0,03 Reichsmark pro Quadratmeter einnehmen sollten. Das war der Anfang der Schrebergartenkolonie am Flughafen.

In den Zeiten des Wirtschaftswunders verschwanden Kohl, Kartoffel und der nächtliche Wachschutz zur Abwehr von Mundräubern. Blumen, Erdbeeren und Liegestühle machten sich breit, und die ehemaligen Kolonisten, die einst täglich im Garten waren, kamen nur noch am Wochenende. Die Gärten am See wurden zur Großstadtoase, zu einer »Insel der grünen Ruhe« .

Doch 2010 sorgten die Bebauungspläne für das Tempelhofer Feld für Unruhe inmitten der grünen Idylle: Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte Architekten zu einem Wettbewerb eingeladen, bei dem sie nicht nur Pläne für das so genannte Columbiaquartier auf dem eigens dafür stillgelegten Flughafen, sondern auch für die Tempelhofer Terrassen und das Lilienthalquartier jenseits des Columbiadamms entwerfen sollten. So kam es, dass dort, wo einst bunte Blumen und duftende Obstbäume die Aufmerksamkeit vorüberfliegender Bienen und Hummeln auf sich zogen, plötzlich schwarzweiße Transparente die Aufmerksamkeit passierender Fußgänger auf sich lenkten.

Aus friedlich zurückgezogenen Kleingärtnern wurden großstädtische Revoluzzer, die »Hände weg vom Gartengrün!« und »Senat will Beton statt Garten!« plakatierten. Eher sachlich teilte der diplomatische Vorstand der Kolonie, Wolfgang Hahn, seinen Vereinsmitgliedern mit, dass bereits »ein Flächennutzungsänderungsverfahren eingeleitet« worden sei, »das erhebliche Konsequenzen für unsere Kolonie hat. Danach soll die bisherige Nutzung als Grün- und Erholungsfläche zum Bauerwartungsland geändert werden«.

Die Vereinsmitglieder zeigten weniger Diplomatieverständnis und schimpften über Stadtplaner, »deren Hirne von kurzfristigen Verkaufserlösen oder eitlen Bauklötzern vernagelt« seien. Sie beklagten, dass »immer mehr solcher innerstädtischen grünen und soziokulturellen Oasen geschlossen und überbaut« werden, und dass man »als innerstädtische Familie geradezu ins Auto gedrängt« werde, um ins Grüne zu gelangen. Das Protestschreiben schloss mit dem Fazit: Wer davon träume, »dass Einwohner von Wohnquartieren zu Bürgern werden, die ein Gemeinwesen mit sozial verträglichem Leben erfüllen sollen, müsse in seinen Planungen hierfür auch einen Platz vorsehen«. Das Tempelhofer Feld mit seinen angrenzenden Schrebergärten sei ein solcher Freiraum.

Die Argumente der Gärtner machen deutlich: Der Streit um Tomatenstauden, Apfelbäume und Rosenbeete am Columbiadamm ist kein Kreuzberger Lokalproblem, er ist Teil einer stadtweiten Diskussion. 22 Gartenkolonien sind derzeit von Bebauung bedroht, da ihr Bestandsschutz bereits ausgelaufen ist. Sie heißen Kuckucksheim, Rübezahl oder Treptows Ruh und haben sich in mehr als 60 Jahren von öden Nachkriegsbrachen zu respektablen Gartenanlagen entwickelt. Die Kolonie am Flughafen ist eine der idyllischsten, selbst die einstige Stadtsenatorin Junge-Reyer musste eingestehen: »Sie haben es wunderschön hier, wie in einer kleinen Rückzugsoase.«

Im Nachbarschaftsheim an der Urbanstraße kam es zur Aussprache zwischen Gärtnern und Politikern. Vielleicht hatte der Vorstand der Kolonie am Flughafen einen gewissen Heimvorteil, viele Jahre stand Wolfgang Hahn dem Haus an der Urbanstraße als Leiter vor. Er hatte Erfahrung in der Kommunikation mit Ämtern, und es gelang, den Verantwortlichen zumindest die mündliche Zusicherung abzuringen, dass eine Änderung des Flächennutzungsplanes und eine Umwidmung von Grünland in Bauland nicht in Frage käme.

Doch damit ist die Gefahr noch nicht gebannt. Alle vier Jahre, bei jedem Regierungswechsel, müssen sich die Schrebergärtner mit ihrem Anliegen bei den neuen Amtsinhabern im Rathaus Friedrichshain-Kreuzberg vorstellen und »zeigen, dass wir noch da sind!« Und in jedem Wahlkampf versuchen sie, auch im Senat Verbündete für ihr Anliegen zu finden, die mit der Rettung der Schrebergärten auf Stimmenfang gehen möchten. Die Gärtner sind nicht ungeschickt, immer wieder haben sie Politiker auf ihre Seite ziehen können. Doch das

Damoklesschwert über der Siedlung ist nicht der Bezirk, sondern der Bund, dem der grüne Uferstreifen des Sees bis heute gehört. Und der möchte nur eines: Geld! 2013 gründeten die Gärtner deshalb in ausgedehnten Vereinssitzungen eine Genossenschaft, um das Grundstück selbst zu kaufen und vor fremden Investoren und der Bebauung zu retten. Sie ließen ein Verkehrswertgutachten erstellen, hinterlegten das notwendige Kapital auf einem Treuhandkonto und machten sich auf den Weg in die Fasanenstraße, wo man das Kaufanliegen der Schrebergärtner »eher gnädig zur Kenntnis« als ernst nahm. Seit Jahren erhalten die Kolonisten auf ihre Anfragen bei der Bundesananstalt für Immobilienaufgaben die Antwort, das »Grundstück stehe momentan noch nicht im Verkaufskatalog«. 2018 aber soll es so weit sein. Dann wird es zur Entscheidung kommen.

Weil sich jedoch bis dahin vielleicht wirklich noch der vom Bund ersehnte Investor findet, der finanzkräftig und mutig genug ist, es mit den Gärtnern aufzunehmen, haben die Kolonisten kürzlich sogar den Plänen der SPD zugestimmt, die im alten Regenauffangbecken, das kurioserweise dem Bezirk und nicht dem Bund gehört, zwei Sportplätze bauen möchte. Obwohl so ein Fußballmatch den Gartenfrieden erheblich stören könnte. »Aber die beiden Sportplätze würden das Gebiet für andere Interessenten unbrauchbar machen«, sie wären ein Bollwerk gegen die Spekulanten des Bundes.

»Und was« , fragte kürzlich ein verschmitzter Kritiker die Gärtner, »macht ihr eigentlich, wenn ihr dieses Filetstück tatsächlich bekommt?« - »Wir bauen natürlich sofort fünfstöckige Luxusapartments« , zwinkerte Hahn und verwies auf eine Klausel in den Statuten der Genossenschaft. Dort ist festgeschrieben, dass im unwahrscheinlichen Falle eines Verkaufes der Gewinn dem Bezirk »zur Förderung des urbanen Gärtnerns in Kreuzberg-Friedrichshain« zufließt.


Auch Klaus-Ulrich Kurpiers war nicht untätig. Er hat die Zeit des Wartens auf die Ausschreibung des Bundes genutzt und schon einmal eine Liste der 150 Tierarten zusammengestellt, die neben den 97 menschlichen Familien hier beheimatet sind. Dabei hat er zur Stärkung seiner Argumentation auch nicht auf die Schützenhilfe der Roten Wald- und der Gelben Wiesenameise, der Feuerwanze und der Stinkwanze, des Gemeinen Regenwurms und des beliebten Kompostwurms, der Braunen Mosaikjungfer oder des Grünen Heupferds verzichten können. Allein über fünfzig Vogelarten hat der Hobbyornithologe ausfindig gemacht, darunter Nachtigallen, Zaunkönige, Eulen und Käuzchen. Sogar der seltene Pirol nistete einige Jahre in der Nachkriegskolonie. Kurpiers ist überzeugt, dass jeder Quadratmeter dieser Gärten noch heute so lebenswichtig ist wie damals, als man den Berlinern in der Not das Grünland überantwortete. •



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