Kreuzberger Chronik
März 2017 - Ausgabe 187

Geschäfte

Im Reich der Farben


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von Horst Unsold

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Der Laden heißt Farben Kacza. Seit 1946. Weil Heinz Kacza so eine Ahnung hatte und noch inmitten der Trümmerstadt im Souterrain der Oranienstraße ein Farbengeschäft eröffnete. Farben waren nicht das Allerwichtigste in der hungernden Stadt, aber sobald die Fenster dicht waren, kamen Wände und Türen an die Reihe, und mit ein bisschen Farbe sah alles schon wieder ganz anders aus, Risse und Löcher in rußgeschwärzten Wänden verschwanden unter Kaczas strahlendem Weiß.

Und nach den Fünfzigern kamen die Sechziger, Studenten malten ihr komplettes Wohnungsinventar rot an, Künstler zogen ins billige Kreuzberg und brauchten Pinsel und Farben. In einer Ecke des Ladens hängt eine kleine Galerie jener Maler, für die das Souterrain ein sprudelnder Farbenquell zu sein scheint. Sie schaufeln sich Pigmente in kleine Tütchen und mischen sich mit Leinöl, Knochenleim, Hasenleim, Hautleim oder Carnaubawachs - »Da hat jeder echte Künstler so seine eigene Rezeptur!« – die Farben selbst. Oder sie kommen und sagen: Ich hätte gern diesen, diesen und diesen Farbton, und dann gehen Christoph oder Nicolas Wirth, zur Maschine, geben den Zahlencode ein und lassen die Maschine den Farbton mischen, den sich der Maler vorgestellt hat. Bei Bildern wie denen des Holländers Ronald de Bloeme, der zwölf Quadratmeter große Flächen färbt, kommen einige Euro zusammen. Auch wenn die Wirths am liebsten die Preise erhöhen würden, wenn sie hören, was Künstler mit ihren Farben verdienen.

»Aber die Künstler sind angenehme Kunden. Die Kreuzberger dagegen...« – Einen Moment lang sieht es so aus, als würde Christoph die Augen bis zum Himmel verdrehen, dann siegt der Geschäftssinn. Vielleicht dachte er an die Frau, die einen Pinsel angewidert beiseite legte, nur weil der Holzgriff aus Tropenholz zu sein schien. Aber dann erzählt er von dem Bärenhaarformer. »Also, unser Vater hatte einen Kunden, der kaufte ständig diese dicke Quaste aus Bärenhaar für 160 Euro, mit der er nichts anderes tat, als ab und zu ein paar Kleckse auf die Leinwand zu tupfen. Als Christoph und Nicolas ihre Ausbildung abgeschlossen hatten und im Geschäft des Vaters zu arbeiten begannen, gab es noch ein einziges Exemplar mit echtem Bärenhaar. »Wenn ihr das verkauft, kündige ich Euch auf der Stelle!« , sagte der Vater.

Farben Kacza könnte auch Pinsel Kacza heißen. »Unser Vater war ein Pinselfetischist! Wir haben 2000 verschiedene Pinsel im Sortiment, und fast alle kommen aus Bechhofen, einem kleinen Ort in Bay-ern. Neun der letzten elf Pinselmacher leben in diesem Dorf.« Kaczas Pinselsammlung ist einzigartig in Berlin: Es gibt den Dachshaarvertreiber zum Marmorieren, den Birkenmodler, um eine Holzmaserung vorzutäuschen, und es gibt den Schwertschlepper mit der Form eines Schwertes, den die Motorradfahrer brauchen, wenn sie ihre Benzintanks bemalen. Natürlich benutzen die phantasiebegabten Kreuzberger Pinsel nicht nur zum Malen. Sie benutzen sie zum Rasieren, zum Bestreichen von Kuchenblechen, zum Staubwischen oder um die Espressomaschine zu säubern. »Erfahrene Gastronomen nehmen dazu den Schablonierpinsel, weil die Haare dicht und nicht zu weich sind, da kommen sie in jedes Loch. Die sind alle begeistert! Nur unser türkischer Nachbar nicht. Weil das Haar vom Schwein kommt.«

Rindshaar ist zu weich für die Kaffeemaschine, erst recht Dachshaar und Ziegenhaar. Am weichsten sind die so genannten Fehhaare aus dem Winterfell der Eichhörnchen. Die Söhne des Axel Wirth, der in den frühen Sechzigern bei Kacza in die Lehre ging, wissen alles über Pinsel. Aber Maler malen nicht nur mit Pinseln, sie malen mit allem möglichen, mit Schwämmen zum Beispiel. Auch die gibt es bei Kacza körbeweise, und auch die werden nicht nur zum Malen, sondern zum Waschen oder zur Autopolitur benutzt. »So eine Ökodame gestand mir nach ein paar Jahren, dass sie Tampons daraus machte. Ökotampons!«

Es sind also nicht nur Maler, die ins Reich der Farben hinabsteigen, es sind wagemutige Bergsteiger, die einen »NASA-Weltraumkleber« suchen, um ihr Kletterseil zu reparieren, oder Zahnschmerzpatienten, die eine Zahnfüllung mit Lack ersetzen wollen. Über einen Mangel an Kundschaft können sich die Brüder jedenfalls nicht beklagen: Um 8.15 Uhr kommen die Malermeister, die bei Kacza finden, was der Großhandel nicht hat: Farbpigmente zum Abtönen, einen besonderen Pinsel, Knochenleim. Kurz vor der Mittagspause kommen dann die, die gerade hier eingezogen sind und einen Eimer Wandfarbe brauchen. Und am Nachmittag kommen die Künstler, um aus dem alten Apothekerschrank mit seinen 80 Schubladen eine Farbtube fürs Kunstwerk zu kaufen. Und dann schneien vielleicht noch amerikanische Filmleute herein, die einen Hubschrauber oder ein Pferd in Rosa brauchen. »Oder sie kaufen in aller Eile ein paar Rollen Tapeten für 1300 Euro und verschwinden wieder.« Um am nächsten Tag wiederzukommen und ein paar Rollen von einer ganz anderen Tapete zu kaufen. Weil dem Oberrequisiteur die erste nicht gefallen hat.

Es muss sich irgendwie herumgesprochen haben, dass Farben-Kacza nicht nur Farben, Pinsel, Schrauben, Leinwand, Bohrer, Wasserwaagen, Fensterleder, Naturtampons und Kaffeemaschinenreiniger und vieles mehr im Sortiment hat, sondern auch 100 dicke Mappen mit etwa 30.000 Tapetenmustern. »Da kam kürzlich eine Familie aus Brasilien, der man in Abu Dhabi geraten hatte, Tapeten am besten in Kreuzberg, in der Oranienstraße zu kaufen.« Woraufhin die Brasilianer kurz einmal nach Berlin flogen. »So Leute gibt´s jetzt hier!«

Dass man mit Farben sein Glück machen kann, hatte Heinz Kacza auch vor 80 Jahren schon ahnen können. Aber dass man einmal solche verrücken Geschichten von seinem Laden würde erzählen können, damit hatte er wahrscheinlich nicht gerechnet.•



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