Kreuzberger Chronik
Juni 2017 - Ausgabe 190

Reportagen, Gespräche, Interviews

Baum Nummer 25


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von Hans W. Korfmann

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Sie kämpfen um jeden einzelnen Baum: Nicht aus Sentimentalität, sondern aus der Gewissheit: Wenn sie nicht ständig Präsenz zeigen, kommt bald der Kahlschlag.

Vielleicht wäre der Herr Scholz beim 8. Treffen mit der Bürgerinitiative vom Fraenkelufer nicht so nett gewesen, wenn nicht auch Ulli Zelle, Berlins prominentester Fernsehreporter, im Saal gewesen wäre. So aber sprach der Mann mit der roten Krawatte in versöhnlichem, wenn auch etwas herablassendem Ton zu den ergrauten Alt-Achtundsechzigern, die mit Argusaugen das Schicksal jedes Baumes im Viertel verfolgen. Scholz kennt die meisten schon mit den Familiennamen. Seit fünf Jahren trifft er sich mit ihnen. Schon fünf Minuten lang bemüht sich eine ältere Frau wie nach Schulmädchenmanier mit gestrecktem Arm ums Wort. Scholz lenkt endlich ein: »Frau Kleimeier! Ist es denn wirklich so dringend?« Es klingt, als müsse das Mädchen alle fünf Minuten auf Toilette.

»Aber Frau Kleimeier, wir planen doch, um die historischen Mauern zu erhalten, nicht um sie zu zerstören...« Es geht um die Sanierung der Uferstreifen am Landwehrkanal, über die schon der grüne Bezirksstadtrat Panhoff mit den Bewohnern in Streit geraten war. Sechs Jahre lang hatte der Bezirk in einem kostspieligen Mediationsverfahren die Wogen des Kanalwassers zu glätten versucht. Als Panhoff, der seine Vision eines 3,5 km langen Uferradweges zwischen Patentamt und Ratiborstraße verwirklichen wollte, trotz vieler Proteste am Ende seine Umbaupläne durchsetzte, indem er sagte: »Ich finde unsere Planung gut, ich werde daran festhalten!« (Vgl. Kreuzberger Nr. 168), initiierten die Kreuzberger tatsächlich einen Volksentscheid zur »Rettung des Fraenkelufers«.

Immerhin 14.000 Bürger und 75% der Beteiligten sprachen sich für eine behutsame Sanierung und gegen einen Neubau aus. Doch die geringe Wahlbeteiligung ließ das Volksbegehren scheitern. Die Kreuzberger jedoch lauern weiter hinter jedem Baum, und es entging ihnen nicht, als am Böcklerpark fälschlicherweise die Weide mit der Nummer 25 unter die Kette kam. Sie wurde zum Politikum, Kreuzbergs neuer Bau- und Umweltstadtrat musste auf eine Dienstaufsichtsbeschwerde reagieren und sich offiziell entschuldigen. Florian Schmidt versprach Ersatz. Doch der drei Meter hohe und ärmchendicke Ersatz sieht ziemlich mickrig aus gegenüber der Trauerweide, die ein Jahrhundert lang ihre Zweige so malerisch ins Wasser tauchte. Schmidt allerdings »betrachtet den Vorgang damit als erledigt.«

Für Michael Scholz hat sich noch nichts erledigt. Der Mann mit dem weißen Kragen und der roten Krawatte ist auch kein Politiker. Er ist ein Techniker vom Wasser- und Schifffahrtsamt und eher mit Unterwasserarbeiten als mit Bäumen beschäftigt. Aber er weiß, dass man besser nichts über die Kreuzberger Köpfe hinweg entscheidet. Schon 2002 brachten die ewigen Widerständler sein Amt deutschlandweit in die Schlagzeilen, indem sie telegene Menschenketten um die Bäume bildeten, die gefällt werden sollten, weil ihre Wurzeln angeblich die Uferbefestigungen zum Einsturz brächten. 2000 Bäume
Der Baum des Anstoßes: Die Nummer 25
Der Baum des Anstoßes: Die Nummer 25 Foto: Dieter Peters
entlang des Landwehrkanals waren bedroht, viele in Kreuzberg. Am Ende fielen lediglich 38. Es ist ein Verdienst der Kreuzberger, wenn noch heute stattliche Bäume die Wege entlang der Ufer beschatten.

Das alles weiß Herr Scholz, der nicht nur der Gesprächsleiter des 8. Treffens, sondern auch der Leiter eines relativ autonomen Amtes ist, das bis heute fest in DDR-Hand zu sein scheint. Schon zu Mauerzeiten oblag die Wartung der 400 Kilometer langen Wasserwege den »Wasserbauern« aus dem Osten der Stadt, die ihre Posten »regelrecht zu vererben scheinen. Das WSA«, sagt Gisela Bosse, die seit fünf Jahren für die Erhaltung des Fraenkelufers und seiner Bäume kämpft, »ist eine ziemlich geschlossene Gesellschaft.«

Während Scholz und seine Ingenieure in Fachvorträgen die Baumaßnahmen erläutern, mit denen die Uferwände stabilisiert werden sollen, schreiben die Zuhörer auf DIN-A4-Blättern mit, als säßen sie im Auditorium der TU. Sie notieren, dass unterhalb des Wasserspiegels ein neuer Sockel für die historischen Kanalmauern aus Beton, Schotter und Metall entstehen soll, halten Begriffe wie »Kampfstofferkundung«, »Sedimentproben« und »Drucksondierungen« fest, notieren »30 Jahre voraussichtliche Bauzeit« und ein geschätztes Verfallsdatum von »ca. 80 Jahren«. Niemand hat Einwände, niemand unterbricht die Vortragenden. Kreuzberger interessieren sich weniger für technische Abenteuer unter Wasser als für Bäume über Wasser.

»Frau Kleimeier, bitte schön!« – »Ich möchte doch wenigstens einmal anmerken, dass die Informationspolitik Ihres Amtes sehr zu wünschen übrig lässt. Mich würde eigentlich interessieren, was in den letzten 3 Jahren überhaupt alles am Kanal passiert ist.« Sie erhält Rückendeckung von Achim Appel, einem Mann mit langem, grauem Bart und langem, grauem Haar. Er kritisiert, dass die Website des Amtes, die über die Sanierungsarbeiten am Kanal informieren sollte, vollkommen veraltet sei, und dass der verabredete Newsletter nur zwei Mal im Jahr erscheine. »Das ist alles unerfreulich. Eine zentrale Anlaufstelle für die Öffentlichkeit stellen wir uns anders vor.« Scholz hebt für alle sichtbar seinen Stift. »Ich habe mir das notiert. Ich kümmere mich darum!«, sagt er, nicht ohne Seitenblick zum Reporter.

Nach den Ingenieuren darf Gisela Bosse, eine Vertreterin der Bürgerinitiative, ans Mikrofon. Sie zeigt keine Grafiken vom Abenteuer unter Wasser, sondern vom bunten Leben am Ufer: Menschen, die an sonnigen Tagen am Urbanhafen auf den Wiesen und den alten Mauern liegen – »nicht auf den neuen Betonsockeln«. Sie zeigt den Stumpf der Weide Nummer 25, die nicht hätte fallen dürfen, und sie zeigt die Fliederbüsche, die demnächst Parkplätzen weichen. Sie zeigt auch – ein wunderbares Symbol ebenso für die Sinnlosigkeit neuzeitlicher Städteplanung wie für die gesunde Gesinnung der Kreuzberger! - die neuen Treppen am Böcklerpark, neben denen schon nach wenigen Wochen ein Trampelpfad über den Rasen zum Ufer führt, weil niemand diese Treppen nutzen möchte. Bosse verdeutlicht in Wort und Bild, was an Unsinnigem geschehen ist, und was zwischen Admiralbrücke und Baerwaldbrücke in den nächsten Monaten noch an Unsinnigem passieren könnte.

Gisela Bosse kennt die meisten der Anwesenden mit Vornamen: Ursula Kleimeier, Doris, Achim, Helmut, Gerhard, und natürlich Michael Barsig, den offiziellen Baumgutachter, der auch der Weide Nr. 25 am Urbanhafen eine volle Gesundheit attestiert hat. Die Fällung, so der grüne Stadtrat Florian Schmidt, sei »ein Missverständnis« und kein »von langer Hand geplanter« Willkürakt des Bezirksamtes gewesen. Doch die Kreuzberger wittern Verrat. Gisela Bosse zeigte zwei alte Entwürfe zur Ufergestaltung, einen mit und einen ohne die Weide Nr. 25. »Ganz offensichtlich hat man sich dann doch für die baumlose Variante entschieden!«

Die Kreuzberger sind keine Träumer mehr. Sie wissen: Sie werden vielleicht den einen oder anderen Baum vor der Säge retten, aber die Betonklötze werden kommen, so wie an der Spree also auch am Kanal. Aber sie wissen auch, dass es ohne sie noch schlimmer käme. Dass sie um jeden einzelnen Baum kämpfen müssen, damit die Politik weiß: Die sind noch da! Die passen auf! Die machen uns Ärger! Ohne diese kleinlichen, von vielen belächelten Grabenkämpfe sähe es heute auch in Kreuzberg schon so kahl und steril aus wie am Hauptbahnhof.

Während die Podiumsteilnehmer Papiere und Computer einpacken, stehen die Kreuzberger am Fenster und blicken auf den Mehringdamm, wo kürzlich drei große Linden aus dem Stadtbild verschwanden. Ihre Wurzeln hatten den Radweg um etwa 4 Zentimeter angehoben. Das reichte dem Bezirk, die Hundertjährigen zur Fällung freizugeben. »Dafür verstellt jetzt nichts mehr den Blick auf diese hübsche 60er-Jahre-Fassade des Columbia Hotels!«, scherzt Bosse.

209 Bäume in Parkanlagen und an Straßen sind in diesem Jahr allein in Kreuzberg zur Fällung freigegeben worden. Fast immer mit dem gleichen Argument: »Gefährdete Bruch- und Standsicherheit.« Hinzu kommen 140 Bäume auf Privatland, die, so wie an der Hasenheide Nr. 74, gigantischen Betonklötzen zum Opfer fallen. Das sind die offiziellen Zahlen des Bezirksamtes. Zwar soll ein Großteil von ihnen ersetzt werden, doch außerparlamentarische Beobachter wie Bürgerinitiativen oder der BUND sprechen von 4000 Fällungen jährlich in Berlin, denen gegenüber nur 1000 Neupflanzungen stehen. »Das war einmal eine grüne Stadt, aber wenn es so weiter geht, leben wir bald in einer Betonwüste.« - »Die haben nur Angst vor Sturmschäden. Das ist ihnen zu teuer, wenn so ein Ferrari verbeult wird!« - »Am liebsten hätten die gar keine Bäume mehr in der Stadt!« - »Ich hätte am liebsten keine Ferraris mehr!« - »Ich habe kürzlich gesehen, wie sie in der Gneisenaustraße eine Hecke radikal runtergeschnitten haben. Die mussten so schneiden, dass sie fünf Jahre nicht mehr kommen brauchen!« - »Diese Stadt wird sich noch zu Tode sparen!« - »Manchmal wird einfach schon mal vorsorglich gefällt. Jahre später, wenn sich keiner mehr erinnert, steht dann plötzlich ein Haus da.«

Die Kreuzberger glauben, unter sich zu sein. Aber Michael Barsig, der Baumgutachter aus dem Wedding, hat zugehört. Nur seine Miene verrät, dass er ihnen Recht gibt. Zur Nummer 25 schrieb er dem Bezirk, er halte »mindestens drei Neupflanzungen« als Ersatz für die Weide als angemessen. Doch das Amt betrachtet den Vorgang als erledigt.•


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