Kreuzberger Chronik
Juni 2017 - Ausgabe 190

Kanzlei Hilfreich

Otto Stader


linie

Autor unbekannt

1pixgif
Hilfreich war gern auf der Seite der Schwachen, insbesondere der Frauen. In diesem Fall aber stand er ganz hinter seinem Klienten

Meistens hat, wenn zwei sich scheiden, einer etwas mehr zu leiden - wusste schon Wilhelm Busch. Und der Anwalt Jens Hilfreich war sicher, dass es diesmal sein Mandant Otto Stader war.

Otto Stader liebte seine Frau, auch wenn er sie kaum sah. Schon in der Nacht musste er hinaus zu seinem Stand auf dem Blumenmarkt in der Beusselstraße, und wenn er nach Hause kam, musste er schlafen. So kam eines Tages aus heiterem Himmel die Scheidungsklage, gestützt auf § 1565 BGB: Seit einem Jahr getrennt in der Ehewohnung, jeder kocht und wäscht für sich allein, zwei Schlafzimmer.

Otto Stader wusste auch nicht genau, wann das angefangen hatte, aufzuhören. Schon seit Ewigkeiten hatte sie seine vom Blumendraht zerstochenen Hände abgewiesen. Seit sie diese Umschulung gemacht hatte von der Friseurin zur Steuergehilfin. Irgendwann begann sie, auf ihn herabzuschauen, obwohl sie auch vorher schon »zwei Köppe größer war« als er. Aber sie hatte ihn jahrelang gemocht. War ja auch nicht schwer gewesen! Er hatte ihr immer frische Blumen mitgebracht; die hielten zwar nicht sehr lange, aber er brachte ja immer neue mit. Wie diese Blumen fühlte er sich jetzt. Verwelkt! Doch er wollte nicht aufgeben und beauftragte den Anwalt, einen Klageabweisungsantrag zu stellen.

Der Gerichtstermin war um elf. Er hatte Zeit, seinen Stand abzuräumen, ein kurzes ungarisches Frühstück zu sich zu nehmen - eine Tomate, zwei Slibowitz - und erschien nahezu pünktlich vor Gericht, wo die Anwälte, die Frau und der Chef der Frau, einer mit so einem grinsenden Schmierlappengesicht, warteten. Da verstand Otto Stader.

Der Richter fragte: »Frau Stader, Sie halten die Ehe für unheilbar zerrüttet?« Frau Stader nickte. »Obwohl sie noch in einer Wohnung wohnen?« Sie nickte. »Und Sie, Herr Stader?« - »Ick liebe meine Frau.«

-»Sie können sich also vorstellen, mit Ihrer Frau die Ehe fortzusetzen?« - »Ick glaub, die hat nen Neuen, und der sitzt da draußen.«

Der Richter sah Frau Stader an: »Davon steht aber nichts in den Akten. Stimmt das denn, dass Sie einen andern haben?« Frau Stader nickte. Wie durch einen Nebel vernahm Otto Stader die Stimme des Richters: »Herr Beklagtenanwalt, was sagen Sie dazu? Hält Ihr Mandant den Klageabweisungsantrag aufrecht?« Da ging ein Ruck durch Otto Stader. Er stand auf und sprach trotz Slibowitz klar und deutlich: »Herr Anwalt, lassen se mal!« Und zum Richter sagte er: »Jebrauchten Schrott nehm ich nicht zurück.« Veronika Stader begann zu weinen.

Der Richter sah zu Hilfreich: »Ich glaube, das können wir als Einverständnis mit der Scheidung werten...« Jens Hilfreich hatte das Gefühl, dass jedes weitere Wort überflüssig war. »Dann bitte ich die Beteiligten, sich zu erheben und verkünde folgendes Urteil ...« •

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2017, Berlin-Kreuzberg