Kreuzberger Chronik
Juli 2017 - Ausgabe 191

Kreuzberger
Klaus Ulrich Kurpiers

Ich war schon immer ein Draufgänger


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Holger Groß

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Er muss nicht mehr bis ans Ende der Welt. »Mir reicht es, mit dem Auto nach Bayern zu fahren. Ein Schnitzel, ein Glas Wein, ein bequemes Sofa – mehr brauch ich nicht!« Klaus Ulrich Kurpiers sitzt in seiner Gartenlaube, Vögel zwitschern, die Sonne scheint. Vor ihm auf dem Tisch mit der karierten Plastiktischdecke stehen eine Tasse Kaffee und ein Teller mit Kuchen, daneben zwei dicke Fotoalben und ein Gorillaschädel, groß genug, um die Mädchen in der Geisterbahn vor Vergnügen kreischen zu lassen.

Es sieht aus, als hätte er sich zur Ruhe gesetzt. Er ist jetzt 74 Jahre alt und hat die halbe Welt bereist. Mit dem Seefahrtsbuch im Rucksack fuhr er in den Sechzigern nach Südamerika, in den Nahen und Fernen Osten, nach Afrika. In Dubai standen erst ein paar Wellblechhütten, auf seinen Fotografien kommen die Einheimischen noch halbnackt durchs Wasser zu den Booten gewatet. »Und heute ist das die reichste Stadt der Welt, Hochhäuser und allet...«

In den Siebzigern legten die Charterflugzeuge den Touristen die Welt zu Füßen. Kurpiers war einer der ersten an Bord, Kenia, Ghana, Senegal. Die Maschinen landeten auf Rasenpisten mitten im Urwald, es krachte furchtbar, wenn sie aufsetzten, und es war ein Wunder, »dass die nicht gegen die Felsen und die Bäume stießen. Das Flughafengebäude bestand aus vier Holzpfählen und einem Wellblechdach.« Einmal war eine Reise nach Kamerun im Katalog. Die Geschichte, die Kurpiers von dort mitbrachte, könnte von Jack London sein.

Zu seinen allerersten Reisen aber startete er nicht vom Rollfeld, sondern von der AVUS, Anfang der Sechzigerjahre. »Wir Berliner mussten ja weg. In jeder freien Minute. Wir waren doch wie eingeknastet mit der Mauer.« Die Berliner nahmen Tramper auch gerne mit nach Westdeutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland. 1963 trampte Kurpiers nach Korsika, 1964 nach Marokko, 1965 nach Indien. Als er ein halbes Jahr später heimkehrte, setzte die Zeitung den Weltenbummler auf eine Seite mit Sonny und Cher, die mit »I Got You Babe« gerade weltberühmt wurden. Während man den Stars nur zwei Spalten auf der Zeitungsseite einräumte, war die Geschichte über den Indienreisenden damals noch drei Spalten wert. Denn Kurpiers hat etwas zu erzählen. Von überall hat er Souvenirs mit gebracht, wie einst sein Großvater, der Afrikaveteran: Pfeil und Bogen, eine fünf Meter lange Python, ein Krokodil, den Mungo. Aber die wahren Schätze sind seine Geschichten.

Auch von Berlin könnte Kurpiers erzählen. Diese Lebensgeschichte, die mitten im Krieg beginnt und auch gleich wieder hätte enden können. Wenn der Vetter Achim pünktlich gewesen wäre, wäre von den Kurpiers keiner mehr am Leben. Dabei wohnte Achim nur ein paar Meter entfernt. Eine halbe Stunde warteten sie auf ihn, Wurst und
Holger auf der Schulwaage Foto: Privatarchiv
Brot von der Tante aus Schwerin auf dem Tisch, so etwas hatten sie lange nicht mehr gesehen an jenem 3. Februar 1945. Erst, als das Heulen der Sirenen unerträglich wurde, liefen sie los, aber sie kamen zu spät, die Tür zum Luftschutzraum in der Alexandrinenstraße war schon geschlossen. Eine Tür weiter fanden sie Unterschlupf. Die Tante schrieb später in ihr Tagebuch, wie sie an den Kellerfenstern kauerten und nach Luft schnappten, während das Inferno draußen kein Ende nahm. Wie sie herauskrochen, und wie von dem Nachbarhaus nichts übrig war. Kein Mensch war dort lebend wieder herausgekommen. Auch ihre Wohnung in der Gitschiner Straße blieb verschont, während das Nebenhaus völlig zerstört worden wurde.

So blieben die Kurpiers am Leben und wohnten bis 1948 im Seitenflügel der Gitschiner Straße 17. Später zogen sie mit drei anderen Familien in eine Wohnung in der Zossener Straße. Klaus war ein Schlüsselkind, »immer´n Strick um den Hals« und den ganzen Tag auf der Straße. Der Vater war als »Treppenterrier« für Radio Stark unterwegs, ging von Tür zu Tür, um Radios zu verkaufen, damit sie nicht hungerten. In der Schule bekam Klaus täglich einen Löffel Lebertran und einen Teller Mehlsuppe, einmal die Woche musste er auf die Waage. Er klaute Brot vom Lieferwagen und Würste aus der Räucherei in der Obentrautstraße, »da, wo heute Reifenmüller ist«. Nur die Flucht über die Mauer des Bahnhofs verhinderte, dass der dicke Metzger ihn erwischte. »Der Anhalter war unser Spielplatz, da standen noch die Lokomotiven drinne. Ick kannte da jedes Vogelnest.«

Irgendwann war es mit dem Spielen vorbei. Er kam in die Lehre und fing bei Kaminski & Brendel in der Gneisenaustraße als Maler an. Aber er war ein unruhiger Geist, wechselte die Arbeitsplätze so oft wie die Wohnungen, allein in Kreuzberg hatte er »sechs möblierte Buden«, in der Zossener, in der Wartenburg, in der Baruther und der Fürbringer. Und dann »die Kochbude gegenüber von Curry 36: Eene Steckdose, eene Tür, een Fenster, die Toilette im Keller und Wasser im 3. Stock. So dunkel, dass man tagsüber Licht machen musste, um zu lesen!«

Aber Kurpiers ist bescheiden. Seine Vorfahren waren Hugenotten. Aber wenn er seinen Namen nennt, wählt er nicht die französische Variante wie Cartier oder Croupier, sondern Kur-piers, so wie Kur in Kurtaxe und Piers in Hafenpiers. »Det hört sich sonst so überheblich an, det mögen die Berliner nich! Ick bin reiner Lokalpatriot!« Wenn auch ein Lokalpatriot mit Fernweh. Seit er Jack London gelesen hat. Und »Die grünen Hügel Afrikas« von Hemingway, und John Steinbeck. Kurpiers wollte keine Würste verkaufen, er wollte Geschichten erleben. Abenteuer. Auf Reisen gehen. »Ick war immer ein Draufgänger, immer ne große Klappe, nie Angst.« Kurpiers sitzt vor seinen Fotoalben voller Visa, Tickets, Briefmarken, Zeitungsausschnitte. Das ist geblieben von den Abenteuern, Bilder von menschenleeren Stränden, Fischern, Bambushütten, Elefanten, Freunden, Frauen, Straßenszenen.
Als Trauzeuge vor der Passionskirche Foto: Privatarchiv
Sogar der König von Thailand ist im Album. Nur die Touristen fehlen. Kurpiers war fast noch vor den Hippies in Indien, die meisten kamen nach ihm, erst die Hippies, und dann die Touristen.

1965 war es, da inserierte er in der Morgenpost: »Suche Trampkameraden für Welttrip«. Es wunderte ihn, als sich gleich zehn Interessenten meldeten, und noch mehr wunderte es ihn, dass alle Musiker waren. Erst als er sich die Anzeige genauer betrachtete, bemerkte er, dass der Setzer sich vertippt und aus dem »Welttrip« ein »Welttrio« gemacht hatte. Die Reisebegleitung fand er trotzdem. Sie hieß Peter Hellweg und begleitete ihn nicht nur nach Indien. Hellweg hatte noch fünfzig Jahre später seinen Garten neben Kurpiers. Aber der Beginn der langen Freundschaft war schwierig, denn an der AVUS regnete es in Strömen, niemand nahm die Tramper mit. Auch in Graz standen sie lange, bis Klaus an einer Tankstelle sieben Autos mit Zollnummern stehen sah. »Ick natürlich sofort hin und gefragt, und da stellt sich heraus, dass die noch Fahrer suchten für einen Konvoi nach Teheran. So kamen wir in einem Rutsch bis Persien«, auch wenn Klaus seinen Opel Rekord an einem Baum zu Schrott fuhr. Der Chef des Unternehmens nahm es ihm nicht übel, »einer bleibt immer auf der Strecke!«

Irgendwann standen sie also am Strand von Goa, gerade tauchten die ersten Hippies dort auf. Es gab nur Reis und Curry, keine Spur von Currywurst, und Klaus war schon etwas abgemagert, als er sich in Bombay auf den Weg zum Hafen machte, wo die Lindenfels und die Rabenfels von der Hansa-Line lagen. Kurpiers erledigte die Backschaft, war für Tischdecken, Geschirrspülen, Putzen der Kombüse zuständig, verdiente sich ein paar ordentliche Mahlzeiten und schlief in der Wäschekammer. Die gesamte Crew kannte den Berliner, der es sich nachmittags in den Ledersesseln des Seefahrerheims bequem machte, um in englischen Zeitungen zu blättern und Bier zu trinken. Eines Nachmittags kam er dort mit einem jungen Engländer ins Gespräch, der gar kein Engländer war, sondern ein Deutscher. Aus Berlin. Aus Kreuzberg sogar. Aus der Fürbringerstraße 16. Klaus wohnte in der 17!

Der Kreuzberger wartete seit Wochen auf seinen VW-Bus, den die Pakistani nahe der Grenze beschlagnahmt hatten. Er könne ihn sich wieder abholen, wenn der Krieg vorbei sei, versprachen sie. Er bekam ihn tatsächlich zurück. Klaus traf den Nachbarn ein Jahr danach im Leierkasten in der Baruther Straße. Und zwei Wochen später standen dann plötzlich »zwei so Hirten vor meiner Haustür« und zeigten ihre Polizeimarken. Ob er diesen Mann kennen würde. Offensichtlich hatte der Kreuzberger seinen Bus mit verbotenen Kräutern beladen.

Vielleicht wäre Klaus länger in Bombay geblieben, hätte auf der Rabenfels angeheuert und von hier aus die Welt erkundet. Aber der Kapitän ließ den Mann, der kein Seefahrtsbuch besaß, von Bord werfen. Also bestieg Kurpiers ein Schiff nach Basra, das Unterdeck war voller Pilger, die auf den blanken Planken ihre Notdurft verrichteten, Betel in alle Ecken spuckten und jeden Morgen vor dem einzigen Waschbecken anstanden, um ihre rituelle Waschung durchzuführen. Elf Tage dauerte die Passage, und solange das Schiff auf See war, blieben die Temperaturen erträglich, aber jeder kleine Hafen, in dem sie anlegten, um weitere Pilger auf dem Weg aufzunehmen, wurde zur windstillen Vorhölle. Schon nach wenigen Tagen stank der Berliner derart, dass er sich selbst nicht mehr riechen konnte und in die Erste Klasse auf dem Oberdeck schlich, um heimlich duschen zu können. Ein Ritual, das er von nun an täglich ausführte.

Im Dschungel Foto: Privatarchiv
Doch von der Seefahrt hatte er noch immer nicht genug. Zurück in Deutschland ging er zum Büro der Hansa-Line, und als die Rabenfels endlich einlief, ging er sofort an Bord. »Hey, Bombay, was suchst´n du hier?« Die Mannschaft freute sich, ihn zu sehen, aber der Erste Offizier behauptete, er sei als blinder Passagier an Bord gewesen. »Ick hab jetzt ´n Seefahrtsbuch!«, sagte der Kurpiers, »Bei meim Jepäck im Schließfach am Bahnhof!« – »Sie könn´ mir viel erzählen!«, entgegnete der Offizier und ließ ihn von Bord bringen. Aber irgendwann war Kurpiers tatsächlich in Lohn und Brot auf See und kam gleich auf seiner ersten Fahrt in einen solchen Sturm, dass er sich schwor, nie wieder ein Schiff zu betreten, falls er diese Reise überleben sollte.

Natürlich überlebte er. Und natürlich fuhr er weiter zur See, sechs Jahre lang, Asien, Südamerika, Karibik, und immer wieder der persische Golf. »Ich verdiente nicht schlecht, in den arabischen Ländern konnte man eh nichts ausgeben, da gabs keen Puff und keene Kneipe«. Außerdem war man die meiste Zeit auf dem Schiff. Trotzdem kehrte er immer mit Geschichten zurück, die er wieder und wieder erzählte, so wie einst sein Großvater, dessen Wohnung mit den Trophäen afrikanischer Springböcke, mit Stoßzähnen, ausgestopften Krokodilen und einem Löwenfell geschmückt war. Sein Enkel tauschte die Erinnerungsstücke später gegen Micky Maus-Hefte - ein Geschäft, das dem Soldaten des Kaisers missfallen hätte. Andererseits hatte Klaus versprochen, seinen alten Kriegskameraden aus der Muskauer Straße zu besuchen, der mit einem Speer im Rücken gestorben und in Kamerun begraben war. »Ick versprech dir, ick fahr da hin!«, hatte Klaus gesagt.

Also zögerte er keine Sekunde, als 1972 die erste Chartermaschine von Frankfurt nach Duala startete, um auf einer schmalen Schneise zwischen den Urwaldriesen zu landen. Die kleine Gruppe verwegener Touristen bezog zunächst Quartier in von Mückenschwärmen umschwirrten Hütten unweit des Strandes, an dem die Urlauber ihre Tage verbrachten. Kurpiers aber fragte den französischen Priester nach dem deutschen Soldatenfriedhof. Der Pfarrer beschaffte ihm zwei Boys, die ihm den Weg durch den Urwald zeigen sollten, der einem Tunnel glich, so dicht war das Gestrüpp. »Wenn uns da ein Löwe entgegengekommen wäre, hätte es kein Entrinnen gegeben.«

Es kam ihnen kein Löwe entgegen, nur ein Schimpanse. Ein riesiger allerdings, nicht so ein kleiner Radfahrer aus dem Zirkus. Es klingt unwahrscheinlich, aber der Affe hing an einer Kette! Und kurz darauf hörte Kurpiers auch noch eine menschliche Stimme: »Jetzt schreien Sie doch nicht so, ich versteh Sie doch! Außerdem können Sie meinem Affen ruhig mal die Hand reichen, der ist ganz zahm.« Die ganze Szene erinnerte an Daktari, nur der schielende Löwe fehlte. »Aber ick kann alles beweisen!«, sagt Kurpiers.

Der Mann im Busch hieß Hansen und war im Auftrag »irgendeines Zoos« unterwegs. Er wohnte mit Frau und Bediensteten in einem Holzhaus im Dschungel. Klaus und der Großwildjäger waren sich sympathisch, und obwohl der Soldatenfriedhof mit dem Grab des Kreuzbergers vollkommen überwuchert war, kam Kurpiers jetzt öfter zu Besuch in den Wald. Eines Tages sagte Hansen: »Wenn Sie son Abenteurer sind, kommen Sie doch mit! 150 Kilometer flussaufwärts ist ein Dorf mit Pygmäen, die haben Ärger mit einer Horde Gorillas, die ihnen die Maniokplantage verwüsten. Ich soll da mal aufräumen!«

Kurpiers stieg mit in den Einbaum, und »die kleenen Männekens bereiteten uns einen Empfang mit Essen und Tanzen, vom Feinsten! Dann haben die uns in Nullkommanix son Wespennest in den Baum gebaut, und da haben wir zwei Tage und eine Nacht drin gehockt, mit nix als ein paar Schachteln Zigaretten, Wasser und einem Funkgerät. Und gerade als wir aufgeben wollen, hören wir die kommen. Der Alte hat uns sofort bemerkt und sich auf die Brust getrommelt, dass der Baum wackelte.« Die Gorillas ergriffen die Flucht, und Hansen sagte: »Normalerweise erschieße ich die nicht von hinten!«, aber er habe keine Lust, noch mal zwei Tage hier zu sitzen. »Im Dorf haben sie dem Tier sofort den Kopf abgeschnitten, die waren richtig sauer, wie die Kinder. Die hätten den kurz und klein geschlagen. Ich hab zu Hansen gesagt, dass ich den Kopf brauche, und dann ham wa den gegen fünf Päckchen HB einjetauscht. Ick hab damals nur HB jerocht.«

Foto: Dieter Peters
Ein paar Tage später packte Klaus seinen Koffer für die Heimreise, das Souvenir roch schon ein wenig, aber in der Plastiktüte würde es die Reise schon überstehen. Bei der Zwischenlandung in Togo kamen dann allerdings zwei deutsche Diplomaten an Bord, die dringend zurück mussten und fragten, ob jemand bereit sei, seinen Sitzplatz abzutreten und auf Kosten der Botschaft noch eine Woche Urlaub in einem Luxushotel am Meer zu verbringen, bis die nächste Maschine nach Deutschland ging. Klaus war der erste, der den Arm streckte, und verbrachte »eine Woche mit Silberbesteck und Fünf-Gänge-Menüs« zwischen Golfern und Safarireisenden, die ihm begeistert zuhörten. Nur, wenn er erwähnte, dass sein Koffer schon in Frankfurt sei, rümpften sie die Nase. »Ist das Ihr Koffer?«, fragten die Zollbeamten gleich bei der Ankunft in Frankfurt. Kurpiers nickte kleinlaut. Kaum ein Zuhörer glaubt ihm, wenn er erzählt, dass der Zöllner ihm den
Schädel nach einemkurzen Verhör wieder ausgehändigte. Vielleicht würden nicht einmal seine Freunde ihm glauben, wenn nicht noch der Schädel auf der karierten Decke neben dem Kaffee läge. •


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