Kreuzberger Chronik
Feb. 2017/Feb. 2017 - Ausgabe 186

Kreuzberger
Salah Yousif

Man spürt. dass man hier nicht leben kann


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Yousif ist ein glücklicher Mann. Man sieht es ihm an, er sitzt in seinem kleinen Laden zwischen halbfertigen, alten Möbeln, der Tee dampft, es ist kühl, »aber ich heize hier nie. Ich weiß, das ist komisch für einen Afrikaner«, lacht der Antiquitätenhändler, »aber ich lebe eben in zwei Kulturen. Ich bin gestern erst aus Khartum gekommen und heute schon wieder hier im Laden. Als wäre ich nie weg gewesen.

Und wenn ich nach Khartum komme, ist es genau so: Ich fühle mich sofort wieder zuhause.« Nur, in Khartum kann er nicht bleiben. »Man spürt, dass man da nicht leben kann.« Nicht auf Dauer. Deshalb verließ er das Land, um zu studieren. »Das war damals einfacher als heute. Und ungefährlich. Ich flog nach Athen und fuhr mit dem Zug über Jugoslawien, zweiter Klasse«, wie ein Mensch. Nicht wie ein Flüchtling. Salah Yousif kann sich kaum vorstellen, was aus ihm geworden wäre, wenn er nur wenige Jahre später auf die Welt gekommen wäre. Wenn er Khartum 1969 nicht hätte verlassen und nach Berlin kommen können.

Salah hat schöne Kindheitserinnerungen, an den Blauen und den Weißen Nil, die in seiner Stadt zusammenfließen, »da gab es noch kein einziges Café am Nilufer und nur ein einziges Hotel, das alte Grand Hotel der Engländer.« Khartum war noch eine andere Welt, »wir spielten auf der Straße von morgens um sieben bis abends um sieben und liefen hinter jedem Auto her, das vorbei kam.« Abends spielten sie das Knochenspiel und suchten in der Dunkelheit nach dem weißen Knochen, es gab ja keine Beleuchtung in der Straße, und die Großmutter weidete ihre Ziegenherde noch zwischen den Häusern der Hauptstadt. »Ich rieche sie heute noch, die stinkenden, neugierigen Tiere, die schauen immer nach vorne. Ich habe viel von meiner Großmutter gelernt, und von meinem Onkel, dem Schriftsteller. Mit dreizehn zeigte ich ihm mein erstes Gedicht, bestimmt ein Liebesgedicht.« Salah Yousif lacht. »Und mein Onkel sagte: Das ist gut. Mach weiter.«

Er machte weiter, aber in Khartum konnte er nicht bleiben. In Khartum folgte eine Diktatur der anderen, da war »viel zu viel Druck in der Atmosphäre«, man musste ständig aufpassen, was man sagte. Und er war einer, der sagen wollte, was er dachte, er ging auf die Straße, in Athen gegen die Junta, in Berlin gegen Nixon. Aber »immer gab es irgendeinen Haken«, nirgendwo konnte er das Studium abschließen, und als er 1973 nach Berlin kam, fehlten noch immer drei Semester. Er hat sie nie gemacht, »Gott sei Dank! Wenn ich fertig studiert hätte, wäre ich vielleicht zurückgegangen und hätte geheiratet, Kinder bekommen und ein Leben lang in einer Apotheke gestanden.« Unvorstellbar, was aus ihm geworden wäre, wenn sie schon damals die Grenzen dicht gemacht hätten.

Aber kaum war er in Berlin, verlor er seinen Pass. Einen von diesen alten sudanesischen Pässen, in denen das Geburtsdatum immer auf den 1. Januar fiel. Weil niemand aufgeschrieben hatte, an welchem Tag so ein Kind geboren wurde, nicht einmal das Jahr schien von Bedeutung. »Wenn ich meine Mutter nach meinem Geburtstag fragte, wusste sie es nicht.« Salah Yousif schätzt, dass er zwischen 1946 und 1949 geboren wurde. Eines dieser Jahre stand auch in dem Pass, den ihm die sudanesischen Behörden nach Berlin schickten, ein Jahr, nachdem er ihn verloren hatte, »und mich hat in diesem Jahr nie jemand nach dem Pass gefragt!« Nur studieren durfte er während dieses ausweislosen Jahres in Berlin nicht. Er verkaufte stattdessen Schmuck auf dem Ku´damm, zusammen mit Kadakaa, seinem Freund. »Wir haben viel Geld verdient und den ganzen Tag nur noch gelacht.«

Die Siebziger »waren wunderbar, man konnte in die Kneipe um die Ecke trampen, jeder nahm einen mit. Und alle waren gegen den Kapitalismus, und man teilte alles! Die ersten drei Wochen hatte ich nicht mal eine Wohnung, ich wurde überall eingeladen.« Sogar im Quasimodo, weil Kadakaa ein Freund von Giorgio war, dem Chef des Jazzkellers. Sie hatten immer freien Eintritt, egal wer spielte, ob es Dizzy Gillespie war, Don Cherry oder Les McCann. Er hat Ray Charles in Berlin gehört, »für 15 Mark! Und die Stones!« Zwischen den Schränken, Tischen und Stühlen seines Trödelladens liegen kleine Stapel alter Schallplatten in zerschlissenen Plattenhüllen, Miles Davis, John Coltrane, Eric Burdon. Salah Yousif heizt nie, aber immer bläst aus irgendeinem Ghettoblaster zwischen den Schränken ein Saxophon. Musik, die er in Khartum nicht hören konnte.

»Da gab es nur zwei Radios: Eines in einem Café in der Stadt und eines bei meinem Onkel. Aber das war nur zwei Stunden am Tag auf Sendung, abends zwischen sieben und neun.« In Berlin dagegen spielte die Musik den ganzen Tag. Und in den Diskotheken sogar die ganze Nacht. Er lernte einen der Berliner Diskokönige kennen, der das Linientreu in der Budapester Straße betrieb. Irgendwann stand Salah hinter der Theke, von »zehn am Abend bis morgens um acht!« Das Geld, das er verdiente, schickte er der Familie, »das ist afrikanisches Schicksal, das machen alle so. Wenn einer von uns irgendwo in der Welt Geld verdient, schickt er es nachhause. Ich bin froh, dass ich das Studium nie abgeschlossen habe. Das war ein Glück für mich und meine Familie.« 13 Geschwister hat Salah Yousif, und alle haben Kinder. Alle haben vom großen Bruder in Berlin gelebt. Und von seinen deutschen Freunden und Freundinnen. Alle waren sie solidarisch.

Auch Salah Yousif hat zwei Töchter. Beide haben studiert, »die eine Medizin, die andere Pharmazie, so wie ich. Und dann, als die eine so sechzehn ist, sagt sie, sie will in Khartum zur Schule!« Heute lacht er, Salah Yousif hat schon immer viel gelacht, aber damals wäre ihm das Lachen fast vergangen: »Da komme ich hierher, um in Berlin zu studieren, und meine Tochter will zurück in den Sudan!« Sie ging wirklich, studierte Medizin in Khartum und kam nur noch zu Besuch nach Berlin. Aber irgendwann spürte auch sie, dass man da nicht leben kann. Kürzlich ist sie gekommen, um zu bleiben, »für immer.«

So wie auch ihr Vater geblieben ist. Schon 1988 war ihm klar, dass er nicht mehr heimkehren würde. Er mietete einen Laden in der schmucklosen Urbanstraße, verkaufte erst Lebensmittel, dann Antiquitäten. Heute ist er der älteste Trödler der Straße, man kennt ihn, weiß, dass er Tische nach Maß bauen kann, alte Schränke und alte Schallplatten hat. Und manchmal kommt jemand herein, um eines der Bücher zu kaufen, die er im Schaufenster liegen hat.

Salah Yousif hat viel von der Großmutter gelernt, das Lachen, die Bescheidenheit. Nur die Neugierde er von den Ziegen. Aber auch die Worte des Onkels hat er nie vergessen: »Mach weiter!« Er hat »vieleBücher gelesen«, und er hat weiter geschrieben, auf Arabisch, in seiner Großmuttersprache, wenn auch meistens über Berlin. Die Gedichte tragen Titel wie Urbanstraße oder Landwehrkanal. »Ich pendle eben zwischen den Kulturen. Ich steh in der Mitte zwischen Khartum und Berlin. Und ich fühle mich überall zuhause, hier und dort und dazwischen. Berlin ist auch kein Exil für mich. Berlin ist die Stadt, die ich liebe. Aber ich sehe sie mit den Augen eines Afrikaners.«

Damit auch die Deutschen verstehen, wie Salah Yousif diese Stadt sieht, erscheinen seine Gedichte zweisprachig. Ein Freund, Manuel Simon, hilft ihm dabei. Zu seinen Lesungen kommen Berliner aus dem Sudan, der Türkei, Griechenland oder Stuttgart. Auch May Aiym, die Schriftstellerin, kam, wenn er las. Auch sie stand zwischen den Welten. Obwohl sie längst Berlinerin war. So wie Salah Yousif.

»Ich bin in dieser Stadt groß geworden. Ich habe einen Grund, hier zu bleiben.« Auch wenn die Stadt viel von dem verloren hat, was sie in den Siebzigern so charmant machte. »Ich verstehe die Leute nicht, die immer nur nörgeln. Berlin ist noch immer schön. Man muss nur die Augen aufmachen! Nach vorne schauen. So wie die Ziegen.« Und vielleicht ab und zu einmal nach Khartum reisen. •



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