Kreuzberger Chronik
Feb. 2017/Feb. 2017 - Ausgabe 186

Geschäfte

Die Vollreinigung


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von Michael Unfried

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er die »Vollreinigung« in der Bergmannstraße betritt, um kurz einmal nachzufragen, ob eine chemische Reinigung den Grauschleier aus weißen Bettlaken besser entfernt als eine häusliche 100-Gradwäsche, ist am falschen Ort. Denn wer die zwischen Cafés und Kneipen versteckte Reinigung wieder verlässt, weiß am Ende nicht nur, was die häusliche Bettlakenwäsche von der professionellen unterscheidet, er weiß auch, was es mit grauen Kragen, Weinflecken und Tintenklecksen auf sich hat; der verlässt den Laden frühestens nach einer halben Stunde und unter dem bleibenden Eindruck, dass das Reinigen eine Wissenschaft ist. Worauf auch gleich am Eingang neben der seltenen Fotografie des Eckhauses aus dem Jahre 1903 – »deshalb sind noch keine Autos und so viele Menschen auf der Straße zu sehen!«– ein kleiner Auszug über die »Geschichte der Chemischen Reinigung« hinweist.

Foto: Privat
Jovan und Dragan Davcik kümmern sich schon seit 1995 um die Wäsche ihrer Nachbarn. Die ältesten Stammkunden können sich noch daran erinnern, wie Dragan in der Wäscherei um die Ecke angestellt war. »Da gab es noch 1200 Reinigungen in Berlin! Jetzt sind es noch 100!« Als auch die Reinigung in der Zossener Straße schloss, »knobelten« Jovan und Dragan »darum, wer den Laden übernimmt«. Jetzt gehört er beiden. Auch wenn Frau Kiel, die Frau hinter dem Tresen, vom Oberchef und vom Unterchef spricht, wobei unklar bleibt, wer der Obere ist. »Jovan ist der Geschichtenerzähler«, sagt Dragan, und Jovan sagt, Dragan sei »pragmatisch.« Der Name Dragan sei ja auch viel moderner, Jovan käme immerhin schon aus dem 16. Jahrhundert.

Beide Davciks jedoch verfügen über die Gabe der Rede. Man kann mit ihnen über das Essen, die Politik, die Nachbarn, die Bergmannstraße und das Leben an sich reden. Und über die Modellautos, die über dem Karussell aufgereiht sind, an dem 100 nummerierte Kleiderhaken sich auf Knopfdruck wie eine Modelleisenbahn in Bewegung setzen. »Leider«, sagt Dragan, »ist keines dieser Modellautos im Maßstab Eins zu Eins!« Dann bräuchten die Gebrüder Davcik keine dreckige Wäsche mehr zu waschen.

Aber Autos sind nur ihr Hobby, das Waschen ist ihre Berufung. Wenn es um die Sauberkeit geht, sind sie in ihrem Element. Besonders Dragan. Besonders, wenn es um weiße Wäsche geht. Hemden zum Beispiel. Der graue Kragen! Ein Klassiker! »Die meisten machen den Fehler, dass sie die Hemden zwei Mal tragen. Aber wir schwitzen am Hals, der Stoff wird feucht, rasierte Nackenhaare scheuern ihn auf, der Dreck kann tief eindringen. So ein Hemd kann man nicht wieder in den Schrank hängen und nochmal anziehen. Sofort in die Waschmaschine, dann reicht die häusliche Waschmaschine.« Auch was die Bettlaken angeht, macht Dragan der Kundschaft nichts vor. »So einen alten Grauschleier kriegen wir auch nicht mehr ganz raus. Wir können bleichen und mangeln, bei 160 Grad, das bringt schon was, aber so weiß wie am ersten Tag wird es nicht mehr.« - »Das geht dann nach Kilo«, fragt die Kundin, »wenn ich so ein paar Laken bringe?« – »Nach Stückzahl.« Dragan zieht die Preisliste hervor, da stehen Jacken, Hosen, Anzüge, Waschen, Mangeln, Bügeln, alles fein säuberlich eingetragen. Sauberkeit muss sein. »Ein Bettlaken, Waschen und Mangeln, kostet 2,80, fünf kosten 5,30, und so weiter.«

Manche Kunden kommen so oft und so lange, dass sie in der kalten Jahreszeit ein Gläschen Pflaumenschnaps aus der Heimat der Davciks über den Tresen geschoben bekommen. »Und wieviele Schlüpper muss ich bei euch waschen lassen, um so ein Gläschen zu bekommen?«, fragt ein jüngerer Stammkunde. »Wir waschen nicht, wir reinigen, junger Mann. Und was den Schnaps angeht: Das dauert Jahre!«

»Bei mir ist die Familie abgereist!«, sagt eine der schnapswürdigen Stammkundinnen, wirft einen Plastiksack von der Größe einer halben Mülltonne über die Theke und verschwindet wieder. »So ein Vertrauen!«, sagt Jovan, »Das muss man sich erstmal erarbeiten!«

Die Stammkunden kommen einmal die Woche und bezahlen im Abonnement. Das war schon in den Achtzigern so. Nur die Hemden sehen heute anders aus als damals. »Da kamen morgens ein paar Ärzte oder Anwälte, und nach Feierabend kamen die Kreuzberger. Aber dieses normale Arbeitervolk gibt es leider Gottes nicht mehr!«, sagt Jovan. Keine Blaumänner mehr voller Maschinenöl. Heute kommen sie mit einer dunkelblauen Armanihose, die wegen eines unsichtbaren Olivenölflecks beinahe im Müll gelandet wäre.

»Früher«, sagt Jovan, »haben die Frauen auch noch selbst gewaschen und gebügelt!« – »Stimmt!«, sagt ein Kunde, der fünf strahlend weiße Hemden in Empfang nimmt. »Heute darf man nicht mal danach fragen, ob sie einem das Hemd bügelt.« - »Genau!« sagt Jovan. »Und wenn man ein zweites Mal fragt, ist die Scheidung fällig!«

Ab 16 Uhr kommen Jovan und die Glocke an der Ladentür nicht mehr zur Ruhe. Junge Frauen in Turnschuhen und ausgeleierten Turnhosen reichen teure Abendkleider herüber, Geschäftsleute ziehen Nummernzettel aus der Tasche. Das Karussell der Jacken, Hosen, Röcke und Hemden beginnt sich zu drehen und hält bei Nummer 98. »Das ist nicht meine Hose. Meine Hose hatte einen Fleck auf dem Knie!«, zitiert ein Kunde den Witz, der schon in der Ladentür hängt.

So kommen alle immer ins Gespräch in Davciks Vollreinigung. Kürzlich reichte die Schlange bis auf die Straße. Obwohl Jovan gar nicht so viel erzählte. Und dann fuhr einer der Stammkunden vor, parkte den BMW in zweiter Reihe und rief schon von der Straße aus, er wolle hier eine Dienstleistung, und keine Märchenstunde. Die Schlange verdrehte sämtliche Köpfe, die Aufregung war groß, die Diskussion lang und leidenschaftlich. Schließlich kommen die meisten nicht wegen der Flecken, sondern um ein Schwätzchen zu halten. Mit Jovan. Oder mit Dragan. •




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