Kreuzberger Chronik
April 2017 - Ausgabe 188

Strassen, Häuser, Höfe

Die Gneisenaustraße Nr. 19


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von Hans W. Korfmann

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Als die Straße »Vor der Hasenheide und den Weinbergen« hieß.

Als Dr. Hösl vor dem Haus stand und den Blick über die Fassade gleiten ließ, musste er sich fragen, ob dieses Haus nun eigentlich ein Glück oder ein Unglück war. Seit zwei Tagen war er der neue Eigentümer der Nummer 19, aber das Gebäude war in einem katastrophalen Zustand: Die Dachfenster waren mit Holzbrettern vernagelt, auf den Fensterbänken hatte sich kaum Farbe gehalten, das Holz war vom Regen silbergrau, und von der schwärzlichen Fassade rieselte unablässig der Putz.




Dr. Hösl kannte das Haus schon lange, aber so hatte er es noch nie gesehen! Vor zehn Jahren hatte er das erste Mal hier unten gestanden und zum 2. Stock hinaufgesehen, wo Dr. Wende die Zahnarztpraxis hatte. Wenig später war er Assistenzarzt bei Dr. Wende. Ein halbes Jahr lang, während sich die beiden Zahnärzte gemeinsam über die Patienten beugten und über das Schicksal von Milch- und Backenzähnen entschieden, erzählte ihm der alte Mann von seiner Praxis, die er gleich nach dem Krieg am 1. Dezember 1946 eröffnet hatte.

Wende war einer der ersten Berliner Zahnärzte überhaupt, die nach dem Krieg wieder aufmachten. Das wäre kaum möglich gewesen, hätte nicht der Vater, ein Dentalhandelsvertreter, eine komplette Praxisausrüstung gehortet für den Fall, dass der Sohn heil aus dem Krieg zurückkommen würde: Einen drehbaren Stuhl mit Kopflehne, ein Spuckbecken und einen holprigen Bohrer.

Am 14. November 1946 unterschrieb der junge Marine-Stabszahnarzt Wende den Einheitsmietvertrag für »Wohnung und Praxis in Berlin SW, Gneisenau 19«, Miete 85 Mark, wobei ihm der Eigentümer, ein Herr Ilie aus Bukarest, gestattete, »neben der Hauseingangstür und im Treppenhaus je ein Hinweisschild für die Praxis in den Abmessungen von höchstens 50x50 cm« anzubringen. Für den Fall, dass der Patientenverkehr zu einer übermäßigen Abnutzung des Treppenhauses führen würde, erklärte sich der Mieter bereit, »entsprechende Mehraufwendungen zu erstatten«.

Das Haus hatte den Krieg einigermaßen überstanden, lediglich eine Brandbombe war vom Dach durch alle Stockwerke geschlagen, ohne zu explodieren. »Aber in der Praxis war ein Loch, da konnte man bis in den Keller schauen.« Auch Scheiben gab es keine mehr in der Wohnung, und der Lohn für die ersten reparierten Nachkriegsgebisse bestand nicht selten aus Fensterglas. Auch Suppenhühner und andere Naturalien nahm Dr. Wende gerne an.

Dr. Wende vermutete, dass das Haus mit Erkerzimmern und Balkon ursprünglich preußischen Offizieren als Wohnsitz diente. Die Wohnungen sollen komfortabel gewesen sein und sich jeweils über die gesamte Etage erstreckt haben, und im Erdgeschoß soll sich sogar ein Offizierskasino befunden haben. Als die glänzenden Zeiten des Militärs vorüber waren, wurden die Wohnungen verkleinert, und als Dr. Wende seine Praxis eröffnete, reihten sich auch im Vorderhaus eher kleine Zimmer aneinander. In dem ehemaligen Herrenzimmer stellte der Zahnarzt seinen Zahnarztstuhl auf, das Damenzimmer wurde zum Wartezimmer. Das große Berliner Zimmer aber, das in den
Seitenflügel führte, war sein privates Wohnzimmer, in dem jedoch auch einige bevorzugte Privatpatienten Platz nehmen durften.

Vom Glanz des einstigen Offiziersquartiers war nach dem Krieg nichts geblieben. Der lichtscheue Hinterhof mit dem Anbau eines nachträglich errichteten Quergebäudes und den kleinen Wohnungen sah aus wie alle anderen Kreuzberger Höfe, von Ballsälen und Gartenanlagen für Offiziere keine Spur. Einzig das Treppenhaus im Quergebäude lässt auf bessere Zeiten schließen. Aus den alten Dokumenten geht hervor, dass ein gewisser David Franke das Grundstück »Band 6 Nr. 255 vor der Hasenheide und den Weinbergen« 1874 an den Maurermeister Lutz Freimark verkaufte. Ein Jahr später zeichnet das »Baugeschäft E. Pape« Pläne zur Errichtung eines Vorderhauses mit Vorgarten und einem Seitenflügel, einer »Hofkellerei und darüber liegenden Stall und Remisegebäuden. 1876 folgt die Zeichnung für eine Entwässerungsanlage »nebst Closet und Schlammgrube« auf dem Hof des »Grundstücks Nr. 19, dem Herrn Pape gehörig, Wasserthorstraße 45.«

Pape verkaufte es schon bald an einen spekulierenden Fleischermeister, dessen Kinder es schon nach 1900 an Herrn Ilie aus Bukarest veräußerten. Es war bereits 115 Jahre alt, als Dr. Werner Hösl zweifelnd vor seiner bröckelnden Fassade stand und darüber nachdachte, wieviele Jahre es dauern würde, bis diese Ruine endlich wieder nach einem Haus aussähe. Und bis endlich sein Wappen mit dem strahlend weißen Zahn in der Mitte über der Toreinfahrt seines neuen Hauses hängenwürde.

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