Kreuzberger Chronik
April 2017 - Ausgabe 188

Essen, Trinken, Rauchen

Die Bierpause


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von Michael Unfried

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Es ist kaum einer da, nur Christoph und Conni. Und zwei Stammgäste und zwei Neue. Einer der Stammgäste kämpft erfolglos gegen den Schlaf, der andere gegen den Spielautomaten. Die kleine Frau muss sich strecken, damit sie die Münze in den Schlitz des Automaten werfen kann. Ihre Miene verrät, dass sich die viele Mühe noch nie gelohnt hat.

»Aber morgen ist hier die Hölle los. Dann sind hier 30 Leute!«, sagt Christoph zu den zwei Neuen. »Dann müsst ihr mal kommen! Kiekt mal, die ganzen Dart-Pokale da oben, lauter Stammgäste!«

Christoph wirbt für die Bierpause. Christoph hat hier gezapft, vor zwanzig Jahren. Jetzt ist er Gast. Jeden Abend. »Ich komm hier nicht weg. Ich wohn ja um die Ecke. Bin hier geboren! Aber Weihnachten ist mein Tach!« Dann steht er nämlich wieder hinterm Tresen, einmal im Jahr, Heiligabend, »das ist ein Fest!« Da kommen sie alle. Und Silvester ist auch so ein Fest, bis Fasching bleiben die bunten Girlanden in der Bierpause hängen, die sich von der Bar bis zu den Spielautomaten winden. Die Spielautomaten, die Resopaltische, die Barhocker und die blinkenden Dartscheiben stammen aus jüngster Zeit, aber die hölzerne Bar hat der Grieche eingebaut, »da war das hier ja noch ein Restaurant!« Erzählt Conni, die nicht nur eine rekordverdächtige Oberweite und ein original Kreuzberger Mundwerk hat, sondern auch wunderbare Bierschaumhäubchen auf die kleinen 0,2er-Gläschen zapft.

Nach Fasching verschwinden die Girlanden, »sonst gewöhnt man sich dran. Genauso wie bei unsern Toilettenschildern!«, sagt Christoph, »Erst ham se alle hingeguckt, und heute sieht se keener mehr.« Die Tür zur Damentoilette schmückt ein Spitzen-BH, den Weg für die Herren weist ein Slipper mit langem, schwarzem Zipfel in der Mitte. »Wenn ick meenen BH da uffhänge, müssten wir die Tür einreißen!«, sagt Conni.

Nach Fasching kommt dann noch Ostern. Ostern ist Christoph auch da. Um Ostereier zu verstecken. Natürlich sind die Eier in der Bierpause nicht rund, sie haben die Form kleiner Schnapsfläschchen. Sie sind auch nicht aus hohler Schokolade, sondern voll mit Kümmerling und Feigling. Irgendwann am Nachmittag steigt Christoph auf die Leiter, kriecht in Ecken und unter Tische. Am Abend kommen dann die Stammgäste und steigen auf Leitern, kriechen in Ecken und unter Tische. »Natürlich finden die die nicht alle!« Und manchmal finden sie in einer entfernten Ecke eine, die kaum noch zu sehen ist, weil sie unter einer dicken, viele Jahre alten Staubschicht liegt. Dann sagt Christoph: »Manmaman, die hatte ich glatt vergessen!«

Um elf gibt die Frau am Spielautomaten auf, auch die beiden Neuen treten auf die nächtliche Willibald-Alexis-Straße hinaus. »Morgen müsst ihr kommen!«, sagt Christoph hinterher, »Morgen ist hier richtig was los. Das ist nämlich noch ne richtige Kneipe hier.« •


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