Kreuzberger Chronik
April 2017 - Ausgabe 188

Herr D.

Der Herr D. und die Tortellini


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hatte schnell ein paar Nudeln kaufen wollen, es war schon zwei, und er hatte es eilig. Unrasiert und in Jogginghosen machte er sich auf den Weg zum Supermarkt, doch vor dem Regal wurde er aufgehalten. Ihm schwindelte angesichts der großen Nudelauswahl! Es gab nicht nur deutsche oder italienische Pasta, es gab auch »italienische Pasta« von deutschen Firmen, sowie »echt italienische Pasta« von Firmen mit echt italienischem Namen, die aber in Deutschland produzierten. Und es gab die echt italienische Pasta aus dem echten Italien. Der Herr D. konnte sich nicht entscheiden und verglich die Preise der verschiedenen Produkte, sowohl die Kleingedruckten alsauch die Großgedruckten. Der Herr D. war vorsichtig geworden, mehr als einmal hatte er die fett gedruckten Zahlen für den Preis gehalten, den er am Ende würde bezahlen müssen, um an der Kasse festzustellen, dass es sich lediglich um den 100-Gramm-Preis seiner 250-Gramm-Packung handelte. Enthielt eine Packung jedoch weniger als 100 Gramm, dann druckten die Verkäufer den Packungspreis fett, während der höhere Kilopreis beinahe unsichtbar wurde.

Das Verwirrspiel der Supermärkte mit den groß und klein geschriebenen Preisen erinnerte ihn an Frau Vogel, die Nachbarin, für die er als Kind einkaufen ging. Als er die Wurst bei Metzger Bengler holte, begann sie zu schimpfen, der Bengler würde jede Scheibe Wurst in hundert Gramm schweres Papier einpacken, und immer läge noch einer seiner dicken Wurstfinger auf der Waage. Betrüger seien das. Am Ende vergaß sie fast den Lohn, den er für seine Dienste erhielt. Den silbernen Fünfziger, auf dessen Rückseite ein hübsches Mädchen Blumen pflückte. Alle Jungen auf der Welt liebten diesen Fünfziger.

Der Herr D. legte zwei echt italienische Nudelbeutel auf das Fließband, die seinen Berechnungen zufolge knapp fünf Euro kosten mussten. Als die Verkäuferin 8,48 ausrief, murmelte er: »Doch so viel, ja?« – »Glauben Sie, wir sind auf der Sozialstation?«, antwortete nicht die Kassiererin, sondern eine Kundin hinter ihm. »Nee, ich glaube, dass wir hier nach allen Regeln der Kunst beschissen werden!« – »Dann gehen Sie doch mal in die Markthalle, da wiegt so ne Tomate gleich 500 Gramm!«, sagte die Blonde und zog beim Blick auf seine Jogginghose den Mundwinkel so schief wie einst Frau Vogel.

Der verächtliche Blick der Neukreuzbergerin ließ für den gestandenen Altkreuzberger nur Widerspruch zu. »Liebe Frau, das müssen Sie schon mir überlassen, ob ich mein Geld lieber der Tengelmann-Gruppe oder dem Gemüsehändler in der Halle in den Rachen werfe.« - »Ach, machen Sie doch, was Sie wollen!«, sagte die Blonde. Der Herr D. zahlte und dachte darüber nach, wie schnell man in Streit geraten und wie lange doch so ein Nudelkauf dauern konnte: Es war drei Uhr! •


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