Kreuzberger Chronik
September 2016 - Ausgabe 182

Kreuzberger
Christian Koch

Es war genau so, wie ich es gelesen hatte


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Sie sahen ihn neugierig an, die misstrauischen Buchhändler in Hannover, diesen jungen Mann, der irgendwie nervös, irgendwie aufgeregt wirkte. Er sah nicht aus wie die üblichen Ladendiebe: Er war sauber gekleidet, hatte keine langen Haare und keinen langen, mit zig Innentaschen ausgestatteten Mantel, und er druckste auch nicht irgendwo in den hintersten Ecken herum, sondern er kam geradewegs auf sie zu. Trotzdem blieben sie misstrauisch, bis er vor ihnen stand und nach einem Buch fragte, das sie leider nicht vorrätig hatten, aber alle kannten. Erst, wenn er auf seine charmante Art von Pop-Art, Bauhaus und Andy Warhol zu schwärmen begann, wenn er sie mit jenem detailreichen Hintergrundwissen überraschte, das sich nur langjährige Kunststudenten haben aneignen können, verflüchtigte sich der Eindruck, er könne es auf einen der teuren Kunstbände abgesehen haben. Es war die Gabe der Rede, mit der er sie überlistete, und die meisten der Buchhändler merkten es wahrscheinlich erst Tage später, wenn wieder einmal ein wertvoller Kunstband aus dem Regal verschwunden war.

Inzwischen hat Christian Koch Tausende von Büchern um sich. Auch die Gabe der Rede ist nicht verloren gegangen. Im Gegenteil: Manche seiner Kunden kommen nur deshalb in den Laden, um mit ihm über Bücher zu plaudern. Zeitungen bitten um seine Rezensionen, auf Radio Eins ist er manchmal live am Telefon zu hören. Es geht aber längst nicht mehr um Kunstbände, sondern es geht um Kriminalromane. Denn so interessant die Kunstgeschichte auch manchmal war, so sehr er sich darin auch hatte vergraben können: Im Grunde ging es ihm immer ums Abenteuer. Um ein kleines bisschen Nervenkitzel.

Das war schon damals so, als er nach Amerika wollte, weil er ein Bild von der Golden Gate Bridge gesehen hatte. Axel, der schon volljährig war, sagte zu seinem Bruder, den sie immer noch Mini nannten, obwohl er längst in die Schule ging: »Wenn du 2500 Mark zusammenbekommst, flieg ich mit dir hin.« Eineinhalb Jahre lang trug Mini Zeitungen und Reklame aus, bis er dem großen Bruder endlich sagen konnte: »Da sind sie!« Also fuhren sie los, die beiden Brüder und ein Freund, nach London, warteten in Heathrow zwei Tage auf einen Stand-By-Flug, flogen übers Meer, kauften sich für 500 Dollar einen alten VW-Bus und fuhren nach San Francisco in das berühmte Hippie-Café an der Haight Street Ecke Ashbury und waren enttäuscht, als kein einziger Joint angezündet wurde. Amerika war prüde. England auch. Als sie sich auf der Heimreise in London mit einem Zollbeamten anlegten, der ihnen zu unfreundlich war, landeten sie im Keller des Flughafens hinter Gittern, zusammen mit zwielichtigen Passagieren aus aller Welt, Indern, Südamerikanern, Afrikanern. »Das war schon abenteuerlich. Alles gekachelt, grelles Licht, und irgendwann kommt so eine Blonde wie im Film mit einem Wägelchen durch die Tür und fragt uns, was wir morgen essen wollen. Mein Bruder sagt, wir sind morgen nicht mehr hier. Und sie sagt: Glaub ich nicht! Sonst wärt ihr nicht auf der Liste... - Aber irgendwie kamen wir doch wieder raus.«

Vielleicht ging es ihm auch nur ums Abenteuer, als er die Kunstbuchhandlungen betrat. Obwohl es triftige, wirtschaftliche Gründe für seine Unternehmungen gab: Das Geld war knapp geworden, seit der große Bruder eines Tages zu Christian gesagt hatte: »Nimm das mal, das ist toll! Aber auch gefährlich.« Und das war es auch. Zehn Jahre lang. Toll und gefährlich. Fast hätte er das Abitur verpasst. Es war der Kunstlehrer, der ihn überredete, das letzte halbe Jahr doch noch zu absolvieren. Der Lehrer mochte den Jungen, der eines Tages ein Selbstporträt von Andy Warhol gesehen und sich gedacht hatte: Der sieht doch viel besser aus als dieser Che Guevara, der hier überall herumhängt!

Irgendwann waren zehn Jahre verloren. Obwohl er zwischen den kleinen und den großen Kicks natürlich auch seine erste große Liebe traf, nach einem Schulfest, auf einer Party. Er war siebzehn, sie erst vierzehn, und sie war bereits aus allen Schulen geflogen. Auch auf Christians Schule blieb sie nicht lang. Es war ein Abenteuer. Er hat viele Abenteuer erlebt, schöne und traurige, kurze und lange, und immer war es eine prickelnde Mischung. Aber diese Mischa war eine ganz besondere. Er traf sie gleich drei Mal: 1966, 1985 und 1997. Und 1997, da schickte er ihr einen Brief nach Hannover, doch Mischa war längst weitergezogen, nach Barcelona. Sie hatte bei der Post einen Nachsendeantrag gestellt, aber als der Brief endlich in Spanien ankam, war sie auch da schon wieder fort. »Es dauerte Monate, bis der Brief sie endlich erreichte. Und dann schrieb sie zurück. Sofort. Aus Berlin. Und ich stieg in den Zug und hab vor lauter Aufregung mein Buch zuhause liegen lassen!« Einen Krimi, den er gerade erst angefangen hatte. Ein Buch von Jakob Arjouni, das mit einer prickelnden Szene auf einem Berliner Bahnhof begann. Arjouni schrieb: Er faltete den Stadtplan auseinander und sah sich nach Straßenschildern um. »Ma ´ne Maak...?« Ein grünhaariger Kerl in Strumpfhosen und Lederjacke schlurfte auf Fred zu, neben ihm sabberte ein Schäferhund. Ein reiches Viertel, dieses Kreuzberg, dachte Fred, wo sich die Bettler Hunde leisten konnten.

Christian Koch stieg in Berlin aus, »und alles war genau so, wie ich es gelesen hatte: Die Junkies, die Hunde, die Decken auf der Straße, das Gezanke...« Magic Hoffmann wurde sein Lieblingsbuch und Arjouni ein Freund. Er traf ihn, Jahre später, auf einer Party des Diogenes-Verlags, Arjouni sah ihn an und sagte: „Du siehst ja auch so gelangweilt aus! Wollen wir vor dem Quatschen was trinken?“ Sie sahen sich öfter, bis Arjouni starb.

Als Christian in Berlin ankam, fragte Mischa ihn, was er denn so sehen wolle von der Stadt, und er sagte: Den Zauberkönig in der Hermannstraße. Diesen kleinen, schmuddeligen, zwielichtigen Laden an der Friedhofsmauer, diese kleine Wunderwelt der Taschenspieler, die er noch aus seinem Zauberbuch kannte, wo am Ende die Adressen der letzten Zauberläden Deutschlands aufgelistet waren. Er stand da und fand den Laden einfach wunderbar. Als er abends in den Bus stieg und mit einem 20-Mark-Schein zahlen wollte, sagte der Fahrer: »Mannmannmann! Glaubst du, ich bin ne Bank!« Er stieg aus, »mit hochrotem Kopf«, und lief zu Fuß nachhause. Durch die Oranienstraße und durch die Bergmannstraße, und da war klar: Berlin war seine Stadt.

Ein Jahr später stand er wieder am Bahnhof Zoo. Zog noch einmal zu seiner großen Liebe in die Weichselstraße nach Neukölln. Suchte sich Arbeit, besserte den Stuck in Altbauwohnungen aus, baute Gartenzäune um Stadtvillen. Bis er Claudia traf, wieder so eine Schulfreundin aus Hannover. Sie hatte jetzt einen Buchladen in der Friesenstraße. Einen Laden voller Abenteuer, einen Krimi-Buchladen. Und weil Christian die Gabe der Rede besaß und das Abenteuer liebte, und weil der Duft von Büchern in ihm ein angenehmes Kribbeln auslöste, half er manchmal aus, am Anfang aus Spaß, später für Geld.

Alles war wunderbar, bis die Tochter von Claudia an Leukämie erkrankte. Sie ließ den Laden liegen, kümmerte sich nur noch um ihr Kind. Als die Buchhandlung vor der Pleite stand, sagte Claudia: Ich verkaufe. Und Christian sagte: Ich kaufe. Er kündigte seinen Job, um bei der Investitionsbank einen Kredit für arbeitslose Geschäftsgründer zu bekommen, reichte ein Konzept ein, aber die Bank wollte, dass er die Miete um 20% herunterhandele. Das schaffte er, brachte die Papiere zur Bank, und erhielt wenige Tage später dennoch die Absage.

Er verstand es nicht, als seine Mischa ihn am Abend allein zurückließ und zu Freunden fuhr. Doch Mischa war wirklich eine Besondere. Mischa hatte noch am selben Abend Freunde um Geld für den Laden gebeten. Jetzt ist Christian Koch Besitzer einer Krimi-Buchhandlung. Und die Tochter von Claudia ist wieder gesund.

Vielleicht hat er zehn Jahre verloren in Hannover. Aber in dieser Zeit hat er aus der Gabe eine Profession gemacht. Und manchmal ist es in dieser Welt zwischen den Büchern wie damals. Nur dass es nicht mehr ganz so spannend ist. Dass jetzt er es ist, der in lange, interessante Gespräche verwickelt wird. Manchmal genau solche Gespräche, wie man sie eigentlich nur nach einem langjährigen Literaturstudium führen kann. Es ist ein freundliches, nachsichtiges, vielleicht ein bisschen müdes Lächeln, das dann über Christian Kochs Lippen huscht, wenn ihm wieder einmal so jemand im Laden gegenübersteht und ihn für einen kurzen Augenblick taxiert. Bevor er sich umdreht und die Krimibuchhandlung Hammett schleunigst wieder verlässt. Weil er ahnt: Dieser Mann kennt alle die kleinen, prickelnden Taschenspielertricks nicht nur aus den Büchern. •

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