Kreuzberger Chronik
September 2016 - Ausgabe 182

Essen, Trinken, Rauchen

Zum Goldenen Handwerk


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von Michael Unfried

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Handwerker gibt es kaum noch. Arbeiter gibt es noch, Bauarbeiter. Aber die meisten arbeiten gar nicht mehr. Entweder sind sie mit 65 Jahren zu alt und Rentner, oder sie haben keine Arbeit mehr, weil sie mit 45 schon zu alt sind.

Also trinken sie Bier. Schultheiss. Oder bestellen das Herrengedeck für 4,50: Kleines Blondes, Korn, großes Pils. Und reden über die alten Zeiten. Zeiten, in denen sie noch nicht zu alt waren, in denen das Handwerk noch goldenen Boden hatte. Jetzt gehört der Boden Spekulanten. Und den Baufirmen. Vielleicht noch den Bauarbeitern. Zwei von denen sitzen jetzt im Goldenen Handwerk, der Zollstock guckt aus der Hosentasche. Fremdarbeiter wahrscheinlich. Aus Bayern oder Schwaben, ganz sicher ist die Wirtin nicht, die Aussprache der Kundschaft ist nach dem fünften Schultheiss nicht mehr eindeutig.

Ab und zu steht einer der Südländer auf, schwankt zur Toilette und öffnet die Tür, woraufhin gleißend helles Licht von den strahlend weißen Kacheln der frisch renovierten Keramikabteilung in den holzvertäfelten Gastraum geworfen wird und die alte Kulisse beleuchtet: Den Hobel an der Wand, das Stemmeisen, die hölzernen Schraubzwingen, die Kuschelecke mit dem Sofa und dem Fernseher. In der Spielecke blinken eine Dartscheibe und ein Elvis-Flipper, und am Ende des Zimmers leuchtet eine schweigsame Musikbox.

Sie schweigt, weil im ersten Raum bereits Deep Purple, und im zweiten die Flippers spielen, und weil die bunte Musikbox mit ihrem Repertoire aus Hans Albers, Freddy, Howard Carpendale und Frank Sinatra kaum Chancen hätte gegen die Rockmusik. Außerdem verteilen die vermeintlichen Bayern alle zehn Minuten aus unerfindlichen Gründen Kostproben heimischer Folklore. Mitten in Kreuzberg!

Zwischen den regelmäßigen Toilettengängen trinken die Männer Bier und lachen. Wenn sie von ihren kleinen Ausflügen zurückkommen, entschuldigen sie sich mit Sätzen wie: »Ich hob no spüaln müssa« oder: »Es ist nämlich so, dass ich wegen meiner Prostata nimmer g´scheit pinkeln kann.« Dann unterhalten sie sich weiter über die Musik. Über Johnny Cash und Walk The Line. Manchmal schaltet sich die Wirtin ein, weil ja sonst niemand da ist zum Reden, und sagt: »Singen braucht man ja nicht mehr, man muss nicht mal musikalisch sein, es reicht heute schon, halb nackert auf die Bühne zu gehen!«

»Das stimmt nicht!« , ereifert sich der Bayer. »Ich war kürzlich auf einem Konzert von der Celine Dion, da hab ich geflennt. Sooo schöö. Ich hab gedacht: Das kann doch wohl nicht wahr sein: Sooo schö! Da is mir nix mehr eingefallen. Sooo schö hat die gsunga! Mit einer unglaublichen Intensität.« Ein Münchner, mitten in Kreuzberg!, denkt die Wirtin. Draußen steht auf einem Schild: Lang lebe die Kiezkkneipe. Für ein echtes Berlin! - Aber was hilft das, wenn im Kiez nur noch Münchner sind. So wie an diesem einsamen Abend im Goldenen Handwerk.•


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