Kreuzberger Chronik
September 2016 - Ausgabe 182

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Sorgen der Spätis


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von Horst Unsold

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Einst konnten fleißige Ladenbesitzer mit Nacht- und Sonntagsschichten gutes Geld verdienen. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Das Gesetz gibt es schon lange, nur angewendet wurde es nicht. Bereits 2006 vom Berliner Senat verabschiedet, im Oktober 2010 noch einmal korrigiert, sollte das Berliner Ladenöffnungsgesetz dem Schutz der Arbeitnehmer, aber auch dem Erhalt von Ruhe und Ordnung in einer Stadt dienen, in der seit dem Ende des Krieges eine in Deutschland seltene Art charmanter Toleranz herrschte. Die Not der Bevölkerung in den Zeiten des kalten Krieges ließ die sonst so strengen deutschen Administratoren milde werden. Noch im rastlosen Berlin der Siebziger- und Achtzigerjahre mit seinem bis zum Morgengrauen ausgedehnten Nachtleben wurden die Versuche verschiedener CDU-Politiker, eine Sperrstunde einzuführen, müde belächelt.


Foto: Dieter Peters
Doch mit dem Fall der Mauer und der Deutschen Demokratischen Republik geriet die Berliner Großzügigkeit in Bedrängnis. Es sollte endlich aufgeräumt werden in der aus Sicht der Wessis vollkommen verwahrlosten Stadt, in der zwischen den Häusern Bäume und Blumen wuchsen, in der Kneipen 24 Stunden geöffnet hatten, und in der man morgens um fünf Uhr in Pantoffeln zum Zigarettenladen schlurfen konnte, um sich Bier oder Roth-Händle fürs Frühstück zu besorgen.

Deshalb regelt seit dem 14. November 2006 ein umständlich und unpräzise formuliertes Gesetz die Öffnungszeiten und bestimmt darüber, welche Berliner auch an Sonntagen Geld verdienen dürfen, und welche nicht. Im Prinzip müssen alle Geschäfte sonntags geschlossen bleiben, mit Ausnahme jener, die der Versorgung von Touristen dienen und »ausschließlich Andenken, Stadtpläne, Reiseführer, Tabakwaren, Verbrauchsmaterial für Film und Fotozwecke sowie Bedarfsartikel zum alsbaldigen Verbrauch sowie Lebens- und Genussmittel zum sofortigen Verzehr« verkauften. Auch Verkaufsstellen, »deren Angebot ausschließlich aus einer oder mehreren Warengruppen«, - gemeint sind »Blumen und Pflanzen, Zeitungen und Zeitschriften, Back- und Konditorwaren, Milch und Milcherzeugnisse« - besteht, dürfen sonntags öffnen.

Großzügig zeigten sich die Gesetzgeber gegenüber den Tankstellenbesitzern, die vom Benzin nicht mehr leben können und aus diesem Grund zu regelrechten Lebensmittelfilialen umgebaut wurden. Zwar gilt nach wie vor die Einschränkung, dass sie nur an jene Kunden Wein oder Bier verkaufen dürfen, die tatsächlich zum Tanken an den Zapfsäulen vorfahren, doch kontrolliert werden die Tankstellen nie. Weshalb man in den Spätis längst von der Tankstellenlobby munkelt.

Denn während die Tankstellen durchgewunken werden, sind die Spätis, die seit Jahren die Berliner auch sonntags mit Bier und Wein, Milch, Brot, Zucker, Zigaretten und Zeitungen versorgen, ins Visier der Fahnder gerückt. Immer häufiger bekommen sie ungebetenen Besuch von Polizei und Ordnungsamt. In Neukölln macht ein pensionierter Polizeibeamter von sich Reden, der nachts durch sein ehemaliges Revier zieht und nach geöffneten Spätis ausspäht, um Anzeigen zu erstatten, und in Prenzlauer Berg dreht ein Dachdecker seine Runden im Kiez. Eine Art Jagdfieber grassiert. Es scheint, als stünden die Spätis vieler türkischer Kleinunternehmer einem schwer zu parrierenden Frontalangriff gegenüber.

Das wurde bereits 2015 beim Karneval der Kulturen deutlich, als das Ordnungsamt sämtliche Ladenbesitzer an der Paradestrecke observierte und sogar privaten Vorgartenbesitzern an der Hasenheide das Grillen untersagte - aus Angst, sie könnten eine Bratwurst über den Zaun verkaufen, ohne die Genehmigung für das Zusatzgeschäft bezahlt zu haben. Auf der Jagd nach Spätis allerdings verließen die Fahnder des Ordnungsamtes die Strecke und drangen auf ihren Kontrollgängen bis weit ins Kreuzberger Hinterland ein.

»2016 kam dann nicht mehr das Ordnungsamt!«, sagt Herr Akyuz aus dem kleinen Späti in der Yorckstraße, »Da rückte gleich die Polizei an!« Vielleicht war es den Männern vom Ordnungsamt peinlich, ausgerechnet bei jenem Mann einzudringen, bei dem sie sich seit 16 Jahren ihre Feierabendbierchen, ihre Zigaretten und ihre Zeitung holen. »Das Ordnungsamt und ich, wir sind Nachbarn, sozusagen Tür an Tür, die können vom Fenster aus sehen, wann ich aufmache und wann ich schließe!«, sagt Herr Akyuz.

Die Männer von der Polizei machten nicht viele Worte am Pfingstsonntag. Akyuz müsse schließen, in einer Stunde kämen sie wieder. Tatsächlich waren sie eine Stunde später wieder da, schlossen die Ladentür ab und nahmen den Schlüssel mit. »Erst am Dienstag, als der Karneval vorbei war, hab ich ihn wiedergekriegt.«

Jetzt sieht es beim Späti an der Yorckstraße so aus wie bei Getränke Lehmann: In zwei Räumen stapeln sich Bier- und Limonadenkästen bis unter die Decke. Akyuz hat für mehrere tausend Euro Getränke eingekauft, keiner hatte ihm mitgeteilt, dass dieses Jahr alles anders ist. »Ich verstehe nicht, warum! Ich habe diesen Laden seit sechzehn Jahren, nie gab es Probleme!« Aber die Polizisten machtennicht viele Worte. Sie nahmen einen zerknitterten Zettel und kritzelten mit einem billigen Kugelschreiber nur zwei Worte darauf: »Berliner Ladenöffnungsgesetz!«

Letzten Sonntag waren sie wieder da. Diesmal die Nachbarn vom Ordnungsamt. Akyuz müsse seinen Laden von nun an sonntags schließen. »Aber wenn ich sonntags nicht öffnen kann, bin ich tot.« Akyuz klatscht in die Hände wie ein Bauarbeiter zum Feierabend. »Ich verdiene nur am Sonntag, wenn die andern geschlossen haben. Wochentags lohnt es sich nicht, da ist nebenan der NP-Discounter bis 22 Uhr, und gegenüber Kaisers, bis 24 Uhr.«

Es waren nicht die Männer vom Ordnungsamt oder der Polizei, es war ein Kunde gewesen, der dem Besitzer des Spätkaufs in der Yorckstraße die Tücken und die Ausnahmeregelungen des Berliner Ladenöffnungsgesetzes erklärte. Doch der Spätibesitzer versteht immer noch nicht ganz. »Wenn es dieses Gesetz schon so lange gibt, es aber nie eine Rolle spielte, warum kommen die dann nicht und sagen mir ein paar Tage vorher Bescheid? Warum schreiben sie nicht einen Brief? Die müssen doch einen Brief schreiben. Ämter schreiben immer Briefe. Und warum durften die Spätis am Mehringdamm alle offen bleiben?«

Tatsächlich hatten zum Karneval der Kulturen die meisten Spätis am Mehringdamm geöffnet. Auch der kleine Mixshop neben der Belle Alliance Apotheke. Damit die Kontrolleure des Ordnungsamtes auch gleich erkennen, dass er zur Versorgung der Touristen geöffnet hat, wirbt er auf Englisch für »Drinks, Tobacco & More« . Dennoch sprachen die Kontrolleure zu Pfingsten bei ihm vor und zeigten ihre Dienstausweise. Doch der Besitzer, so zumindest erzählen es die Nachbarn, ließ sich nicht so schnell einschüchtern und sagte: »Wenn Sie es schaffen, alle Kästen von draußen in den Laden zu räumen, mache ich zu.« Daraufhin sollen die Männer unverrichteter Dinge wieder abgezogen sein. Doch in der folgenden Woche war der Laden geschlossen. »Angeblich wegen Umbauarbeiten« , sagt ein Kollege von nebenan und hebt die Schultern. Aber seit dem Karneval sind fast zwei Monate vergangen, und der Laden ist immer noch verriegelt.

Unter den kleinen Spätibesitzern geht die Angst um. Die Existenzangst. Die Angst vor Spitzeln und Denunzianten. Ein Tourist, der die bunten Reklameschilder vor dem Ki-Ba, dem Kiosk-Backshop in der Nostitzstraße, fotografieren möchte, wird vom Besitzer so böse beobachtet, dass er sein Handy gleich wieder in der Tasche verschwinden lässt. Der Ki-Ba scheint sich nicht sicher zu sein, ob sein Angebot von »Tabakwaren, Presse, Getränke, Wein, Backwaren, Kaffee, Snacks und Biowaren« nun in die vorgeschriebenen Warengruppen passt oder nicht. Ob er legal ist, oder illegal.

Auch der Besitzer vom Spätkauf am Mehringdamm neben dem Leihhaus an der Kreuzbergstraße hat sich auf ein möglichst großes Sortiment verlegt, in der Hoffnung, dass schon das Richtige dabei sein wird. Auch er lebt von Touristen, die auf dem Weg zur Bergmannstraße bei ihm vorbei müssen und eine Cola oder eine Schokolade kaufen. Nach welchen Kriterien das Ordnungsamt vorgeht, versteht er nicht. Es scheint, als sei die Auswahl Zufall, wenn nicht gar Willkür. »Bei den einen stehen sie plötzlich vor der Tür, bei den anderen nicht.«

Wenig Sorgen um die Zukunft scheint der Metropol-Späti zwischen dem gleichnamigen Hostel und dem Pizza-Imbiss zu haben. Der Laden mit stattlichem Weinregal und dem Ambiente eines modernen Supermarktes scheint zum Hostel zu gehören, ist aber selbstständig. Die Kasse klingelt 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Er gehört einer neuen Späti-Generation an, die nichts mehr zu tun hat mit den charmanten Nachbarschaftsläden, in denen man anschreiben konnte und im Stehen ein Bier trank. Aus dem kleinen Geschäft ist längst ein großes geworden, selbst der Senat wirbt mit »einem Shoppingparadies bis in den Abend hinein«. Ein alter Spätibesitzer bringt es auf den Punkt: »Wer heute so einen Laden aufmacht, kommt mit einem dicken Anwalt, einer dicken Aktenmappe und einem dicken Portemonnaie aufs Bezirksamt, um die Konzession zu bekommen. Und er bekommt sie auch«.

Die alteingesessenen Spätis dagegen mit ihren dreißig Zigaretten- und fünf Biersorten haben Probleme, wenn sie nachträglich eine Konzession für Backwaren oder einen Video-Verleih beantragen, um sonntags öffnen und überleben zu dürfen. Sie haben einen Verein gegründet, die Berliner nehmen sie in Schutz, haben ein Spätival organisiert, in dem Künstler und Musiker in Videos vor ihren Lieblingsspätis auftreten. Doch es scheint alles nichts zu helfen. Es wird nicht lange dauern, dann werden die Spätis, ebenso wie die letzten Schultheiss-kneipen, aus Kreuzberg verschwunden sein, und an ihre Stelle werden neonbeleuchtete Lidls, Butter Lindners und steineckes treten. •




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