Kreuzberger Chronik
September 2016 - Ausgabe 182

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Ich sssuch Ihnen rausss


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von Karl Ringena

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Es war Anfang der Achtziger, als ich mich auf Trödelmärkten herumtrieb. Aus dieser Zeit stammen meine 1958er Jukebox »Select O Matic 100«, dazu Tausende von Singles, eine Ansichtskartensammlung der Nordseebäder, jede Menge Tinnef und alle möglichen Werbefiguren aus den 50er und 60er Jahren. All das hortete ich in meiner Kreuzberger Fabriketage am Mehringdamm.

Der Skurrilste aller Trödler war in der Nostitzstraße. Es ging nur 2 Stufen hoch, und schon stand man in einem düsteren Raum mit deckenhohen Regalen und funzeliger Beleuchtung. Die Bimmel an der Ladentür setzte ein schlurfendes Geräusch im hinteren Teil des Ladens in Gang. Ein kauziger, aber vornehm gekleideter alter Herr mit blassem Gesicht, Adlernase und wässrigen, aber wachen Augen näherte sich.

»SssschuuchenSsssieeeetwassssBesssstimmtessss?« - Ich hatte Mühe, ihn zu verstehen, er sprach mit »Wasser im Zahn« , dieser schlürfenden Aussprache von s, ch und sch. Auf mein »Nein – nichts Bestimmtes« schaute er mich prüfend an und meinte dann: »SssschauenSsssieeessssich ruhig um«.

Ich zwängte mich zwischen den völlig überfüllten Regalen in die hinteren Gefilde und entdeckte ein kleines Kännchen aus Porzellan, dessen Farbe einmal weiß, jetzt staubgrau war. Vorsichtig versuchte ich es aus dem Regal zu angeln, was mir dann trotz spärlicher Beleuchtung auch unfallfrei gelang. Ich wollte gerade zurück zum Trödler, um nach dem Preis zu fragen, drehte mich um und erschrak: Er stand unmittelbar hinter mir und flüsterte, indem er mir das Kännchen aus der Hand nahm: »Ein sssscchöönesSsssstück …« Meine Frage nach dem Preis beantwortete er mit: »Dazzzzu habe ich noch den Deckel – den mussss ich aber ersssst rausssszzzuchen … kommen Ssssiiee morgen wieder«. Sprach´s, drehte sich um und verschwand.

Es ist mir trotz diverser Besuche und Versuche nie gelungen, das Kännchen zu kaufen. »Das Kännchen ohne Deckel?!« - so etwas kam für ihn nicht in Frage. Da konnte er ungehalten werden. »Ich ssssuuchssss Ihnen raussss, kommen Ssssiiee morgen wieder …« Aber geregelte Öffnungszeiten gab es nicht, manchmal hatte er tagelang zu. Auch meiner Freundin, die in meinem Auftrag vorsprach, wollte er das Kännchen nicht geben. Eines Tages war es verschwunden, unauffindbar. Auch das Salzfässchen bekam ich nie, dazu fehlte noch »das Pfefferfässsscchen« . Auch nicht die alte Mundharmonika: »… dazzzuu habe ich doch die Original-Sssschachtel!«. Immer tröstete er mich: »Ich ssssuuchssss Ihnen raussss, kommen Ssssiiee morgen wieder …« .

Er war ein Sammler, genau wie ich. Er konnte sich nicht trennen von den Dingen. Er hatte es auch nicht nötig. Man erzählte, er sei ein Adliger, der in Zehlendorf wohne und nur zum Zeitvertreib einen Laden führe. Ein von Auersbach oder Angersdorf, so genau weiß das heute niemand mehr. Aber ganz vergessen wird man ihn wohl nie. •

»Open Page« ist unsere journalistisch-literarische »Open Stage«.


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