Kreuzberger Chronik
September 2016 - Ausgabe 182

Geschäfte

Die letzten Bäcker (3):
Die Bäckerei Steinecke



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von Sybille Matuschek

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Zwei Schrippen, wie immer?« fragt die Verkäuferin den Rentner mit der historischen Einkaufstasche und hat die Schrippen auch schon eingepackt. Und wie immer sagt der Kunde: »Wie immer!«

Foto: Dieter Peters
Das hört sich an, als wäre Steinecke eine alteingesessene Kreuzberger Bäckerei, so wie Mehlwurm in der Markthalle oder Kasper in der Graefestraße. Doch Steinecke ist kein kleiner Kiezbäcker mit eigener Backstube, sondern ein expandierendes Großunternehmen, das nach Monopoly-Taktik jeden strategisch wichtigen Punkt in Kreuzberg besetzt. So lange, bis es in jeder Straße nur noch Steinecke-Brot gibt. Schon ist die Yorckstraße besetzt, der Hermannplatz und der Mehringdamm Nr. 60 und Nr. 25. Auch am Marheinekeplatz hat Steinecke gleich zwei Standorte, in der Markthalle die Bäckerei und hundert Meter entfernt in der Bergmannstraße das Café mit Liegestühlen vor der Tür, als wäre man auf der Aida und nicht auf der Bergmannstraße. Das neue Café im alten Postgebäude kann auch sonntags öffnen, um mit seinen Fließbandprodukten den letzten Manufakturen im Conni Island und im Zuckerschock die Kunden abzuwerben.

Steinecke ist keine Bäckerei, sondern eine Fabrik. Begonnen hat die Firmengeschichte 1945, als Bäckermeister Steinecke in Groß Sisbeck eine Bäckerei eröffnete. Schon in den Fünfzigern beginnt die Bäckerei – so steht es in den Geschäftsannalen der Firma - mit dem Aufbau eines »Life-Geschäftes« im Raum Wolfsburg, und 1986 werden in einer neu errichteten Produktionshalle erstmals jene Teiglinge hergestellt, die bald massenhaft ausgeliefert und in den Verkaufsfilialen nur noch fertiggebacken werden müssen. Ein Jahr später sind die ersten Steinecke-Brote in den Backabteilungen der Supermärkte zu finden, wo sich der verführerisch warme Duft der Backstube mit Gemüsegerüchen und Ausdünstungen von Käseabteilungen vermischt. Die Bäckerei hat eigene Lagerhallen für Papier und Rohstoffe, Werkstätten und einen eigenen Fuhrpark. Spätestens mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends und dem Tod von Wilma Steinecke geht es auf der Internetseite der Firma nicht mehr um die guten Rezepte des Heidebrotes oder den Dreistufensauerteig, sondern um die Vermarktung. Man »überarbeitet alte Konzepte und entwickelt neue Strategien« im Kampf um Marktanteile und »erarbeitet eine Profilschärfung der Marke« . 2009 haben die Unternehmensberater die Erben zu einem neuen Logo und einem »Brotmeisterei-Design« überredet. Steinecke wird von nun an nur noch klein geschrieben.

Mit steinecke ist es nicht anders als mit der Politik: Es geht nicht mehr um Inhalte, es geht um Verpackung und Vermarktung. Doch davon ist in den zehn Geboten, die zur Dekoration auf bemehlten Holztafeln im Café in der Bergmannstraße aushängen, nur im zehnten Gebot die Rede. Da wird klar, dass man zwar nicht des Nachbarn Weib, Knecht, Magd oder Vieh, aber immerhin des Nachbarn Kundschaft begehrt. Denn da heißt es: »Wenn Brot, dann steinecke!«

»Das ist mir zu teuer!« , sagt ein Kunde, der keine 4,20 für das Schnitzel-Baguette bezahlen möchte. »Denn geben Se mir nur nen Kaffee!« – »Die Zutaten sind eben heute so teuer.« , verteidigt die Verkäuferin ihren Arbeitgeber. – »4,20 für ein belegtes Brötchen, das hat es hier noch nicht gegeben!« – »Das mag am Anfang so gewesen sein, aber inzwischen sind die doch alle so teuer!« , verteidigt die Verkäuferin ihren Arbeitsplatz. »3,50 für ein Franzbrötchen und einen kleinen Kaffee ist auch nicht gerade wenig!« , schaltet sich eine Kundin ein, schiebt einen fünf Euro-Schein über die gläserne Theke und fügt hinzu: »Das war früher ein Zehn-Mark-Schein!« – »Dann sind das hier jetzt drei Mark!«, sagt die Verkäuferin und schiebt 1,50 zurück.

Steineckes Verkäuferinnen sind keine freundlichen Hausfrauen mehr, deren Kinder aus dem Haus sind und die sich aus purer Langeweile einen Job suchen. Steineckes Verkäuferinnen sind auch keine Sprachtalente wie Eric vom Mehlwurm oder die Frauen von Kasper. Bei steinecke sprechen alle aus einem Munde, singen in der gleichen Tonlage die immer gleichen Worte: »Wer ist der Nächste bitte?«, »Sie werden schon bedient?« - »Darf es sonst noch etwas sein?«

Sie flöten bei älteren Kunden ein freundliches »Guten Morgen« und bei Jüngeren ein lockeres »Hallo«. Und den Schülern des Leibnizgymnasiums, die sich bei ihrer über den Tresen geschobenen Münzsammlung verzählt haben, rufen sie ein eher unfreundliches drohendes »Halloho« bis auf die Straße hinterher: »Halloho - da fehlen noch zehn Cent!« Woraufhin sich der Schüler grinsend umdreht und sagt: »Jetzt hab ich aber fast nen Herzinfarkt bekommen wegen Ihrem kleinen Zehner!«

In steineckes 400 Brotmeister-Filialen geht es eben um jeden Cent. Deshalb schaut man auch ganz genau hin, was die Konkurrenz um die Ecke so anbietet. Wenn die winzige Konkurrenz mit ihren zwanzig Quadratmetern und ihren zehn Kuchen in der Heimstraße zu leckere Zitronenküchlein backt, dann hat steinecke nichts Eiligeres zu tun, als selbst auch welche zu backen. Damit bloß niemand auf die Idee kommt, seinen Kaffee in woanders zu trinken.

Für den Fall aber, dass trotz des zehnten Gebotes und der neuen Zitronenküchlein einige Kreuzberger auf die Idee kommen sollten, andere Bäckereien aufzusuchen, hat steinecke auf seiner Internetseite ein Kontaktformular für all jene bereitgestellt, die noch ein paar Quadratmeter Kreuzberg zu vermieten haben für ihre Ladenflächen einen »zuverlässigen, kompetenten Partner« suchen. Damit es auch tatsächlich in ganz Berlin bald nur noch steinecke gibt. •



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