Kreuzberger Chronik
Oktober 2016 - Ausgabe 183

Essen, Trinken, Rauchen

Herz und Niere


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von Saskia Vogel

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Die Zicklein-Niere ist aus. „Darf ich Ihnen stattdessen vielleicht Hirn vom Zicklein servieren?“ Der Kellner wendet sich dienstbeflissen an Sas und ihren Freund. Sas wird flau im Magen. Sie schüttelt vorsichtig den Kopf und entscheidet sich dann relativ schnell für das fleischlose „Blatt bis Wurzel-Menü mit gedünstetem Fenchel und warmem Salat.“ Ohne Blut, ohne Wurst und auch ganz ohne Blutwurst. Oder Kutteln! Das „Herz & Niere“ am Südstern ist ein Innereien-Restaurant. Feinste Küche und feinste Preise der Oberklasse. Die Überraschungs-Menüs umfassen bis zu acht Gänge, der Gast kann zwischen drei Optionen wählen: Vegetarisch, ein Menü mit Fleisch und – für die ganz Mutigen – eben mit Herzen und Nieren.

„Der Respekt vor dem Tier gebietet es, dass es von Kopf bis Fuß – „from nose to tail“ – genutzt wird, begründet Küchenchef Christoph Hauser seine Philosophie. Eine Beschränkung auf die vermeintlich „edlen“ Teile der Tiere gebe es hier nicht. Edel aber ist der Service: Der Mantel wird den Gästen von den Schultern genommen, der Wein vom sportlichen Kellner professionell nachgeschenkt.

Sas hingegen vertritt die Ansicht, dass Tiere es verdient haben, GAR NICHT gegessen oder irgendwie „verwertet“ zu werden. Als Sas vor Monaten ihre Überzeugung verkündigte, ab sofort Veganerin zu sein, keine Milch, kein Ei, kein Joghurt mehr zu essen, reagierte ihr Freund entsetzt: Ob er jetzt „gewisse Sachen“ im Bett nicht mehr bekäme? Umkehrschluss: Wer am Tisch auf Tier verzichtet, kann im Bett nicht zu einem solchen mutieren.

Andererseits fragt sich Sas, ob ihr Freund, der nun am Tisch hungrig auf sein Zicklein-Hirn wartet, zum unersättlichen Tier zwischen den Federn werden wird. An der Wand des Lokals hängt ein Bild von einem grauen Schwein mit Kot am Po. Das Babyziegen-Gehirn sieht aus wie ein von außen braun panierter Marshmallow. „Cremig in der Konsistenz“, kommentiert der Freund genüsslich und fordert Sas auf, „doch wenigstens mal zu probieren“ - der Blick womöglich vorwurfsvoll?

„Nein!“, wehrt sich Sas und stemmt bockig ihre Hufe gegen ihren Stuhl. Sie ist glücklich mit ihrem Blatt-Menü und rechnet es dem Restaurant hoch an, dass es– entgegen Sas´ Annahme – diesen kleinen Gemüseteller nicht als vegetarisches „Mädchen-Menü“ mit auf die Karte gesetzt hat. Die bulligen Bullenmänner am Tisch gegenüber goutieren würzige Kutteln, klar. Doch auch die Frauen lassen sich Lunge kredenzen, die sie - das Besteck zwischen ihren zarten Fingerchen – in blutige Stückchen schneiden. Und plappernd im Lippenstiftmündchen verschwinden lassen. Cremig, fast schon erotisch, denkt Sas und sinniert noch eine ganze Weile darüber nach, ob das nun ein würdiges Ende für ein Tier ist, oder nicht. •


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