Kreuzberger Chronik
November 2016 - Ausgabe 184

Strassen, Häuser, Höfe

Die Ratiborstraße


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von Dietmar Müller

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Es waren die Städte im Südosten Berlins, in Schlesien, gewesen, die vom neuen Görlitzer Bahnhof aus erreichbar geworden waren, die den ebenfalls neuen, zum Bahnhof führenden Straßen ihre Namen gaben: Görlitz, Glogau, Liegnitz, Lübben, Oppeln... Sogar die Weltstadt Wien war über die Strecke der 1844 in Ratibor gegründeten Wilhelmsbahn zu erreichen, die am 1. September 1848 auch das preußische Schienennetz mit dem österreichischen verband.

Das Tor zum Osten: Der Görlitzer Bahnhof, Kupferstich von 1872
Ohne die Schienenstränge, die auf dem Görlitzer Bahnhof mit seinen 56 Geleisen, 86 Weichen und 3 Stellwerken endeten, hätte das vom Schicksal wenig begünstigte Ratibor auch die kurze Blütezeit zwischen 1848 und 1945 nicht erleben dürfen. Von Anfang an scheint über dem Städtchen, das an einer seichten Stelle der Oder gegründet wurde, kein guter Stern zu stehen. Jahrhunderte lang reihen sich in der Geschichte des Ortes die dunklen Namen verschiedenster Herrscher aneinander: 1108 wird die am rechten Ufer des Flusses gelegene Siedlung Ostrog mit der Wallburg von einem gewissen Gallus Anonymus erwähnt, der über den blutigen Krieg zwischen den Mährern und dem Herzog Boleslaw Schiefmund berichtet. 1204 dringen Reiter aus der fernen Mongolei bis Ratibor vor, aber Stadt und Burg sollen dem staubigen Ansturm Stand gehalten haben. Jahrelang dauerte der Streit zwischen dem Herzog von Breslau und dem Herzog von Primislaus von Ratibor, zwanzig Jahre später mischte sich König Johann von Luxemburg ein, woraufhin Ratibor als Lehen der Krone von Böhmen unterstellt wurde. 1526 endlich kamen die Habsburger ins Spiel, was auch nichts half, denn schon 1645 wurde Ratibor als Pfand für eine nicht bezahlte Mitgift mehrerer nach Polen verheirateter österreichischer Prinzessinnen an das polnische Königshaus Wasa verliehen. Der endgültige wirtschaftliche Niedergang Ratibors kam mit dem Dreißigjährigen Krieg und mehreren Stadtbränden.

Das alte Fürstenschloss von RatiborIn den Fünzigerjahren des 19. Jahrhunderts aber erlebte Ratibor mit der Ankunft der ersten Dampflokomotive aus Berlin einen Aufschwung. Industrie siedelte sich entlang der Bahnlinien an, die sich bis in die ländlichen Gegenden verzweigten und auch die kleineren Ortschaften Schlesiens miteinander verbanden. Bergwerke belieferten über die neue Verbindung die Menschen in der preußischen Metropole mit Kohle; Tuchmacher schickten Stoffe; Rinder, Pferde und Schweine, sogar Obst und Gemüse soll über die Strecke nach Berlin transportiert worden sein. In der Stadt wurde gebaut und 1850, passend zum stattlichen Gerichtsgebäude, das große Gymnasium eingeweiht. Bildung und Wohlstand hielten in der Tiefebene Einzug. 1909 entstand sogar ein Denkmal für den 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor geborenen Dichter Joseph von Eichendorff.

1945 aber marschiert die Rote Armee in Ratibor ein. Wieder wird die Stadt verwüstet, das Denkmal verschwindet. In der Geschichtsschreibung der DDR sollen Deutsche für die Zerstörungen verantwortlich gewesen sein, nach der Wende aber wird die Geschichte noch einmal umgeschrieben, auch der »Tag der Befreiung« am 31. März wird nicht mehr gefeiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Stadt am Ende, die letzten Deutschen werden vertrieben, nur einige Kirchen und die historische Stadtmauer werden wieder aufgebaut. Auch das Eichendorff-Denkmal wird 1994 wiedererrichtet. Der vorläufig letzte Besitzer des viel umstrittenen Ratibor ist seit dem Kriegsende Polen, und so hat Ratibor sogar noch seinen Namen verloren. Heute heißt es Racibórz.

Nur eine kleine Uferstraße an einem Kanal in Kreuzberg erinnert noch an den alten Namen und die glanzlose Geschichte Ratibors. Gemeinsam mit einem Theater, das dort in den 70ern zu proben begann und später ein paar Häuser weiter ins Kerngehäuse zog: Das Ratibortheater. Es ist eines der letzten Kreuzberger Hinterhoftheater, die in den Achtzigern zum Anziehungspunkt der internationalen Off-Szene wurden, nachdem diese aus Paris und London bereits erfolgreich verdrängt worden war. Auf der einsamen Insel mitten im kommunistischen Ostblock fand sie eine Zuflucht.

Auch die Wagenburg in der Ratiborstraße ist eine der letzten ihrer Art, aber das Grundstück im »Drei-Länder-Eck zwischen Kreuzberg, Neukölln und Treptow« ist ins Visier der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben geraten. Das Ende der Wagenburg scheint besiegelt. Ob die Wiese, auf der sich heute noch ein Gartenlokal befindet und einst das berühmte (Vgl.: Kreuzberger Nr. 169) Studentenbad befand, öffentlich zugänglich oder zum eingezäunten Privateigentum wird, entscheidet ein Bürgermeister, der als einstiger Baustadtrat bis heute gute Beziehungen zur Zementlobby pflegt. •



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