Kreuzberger Chronik
November 2016 - Ausgabe 184

Herr D.

Der Herr D. und der Elektroroller


linie

von Hans W. Korfmann

1pixgif
oder:Die lautlose Gefahr

Der Herr D. radelte auf der Mitte der Fahrradstraße, die vom Marheinekeplatz zum Südstern führte. Radfahrer, die ihn auf dem Weg zur Arbeit klingelnd und kopfschüttelnd überholten, bedachte er mit nachsichtigen Lächeln und, sobald sie vorüber gezogen waren, mit ausgestreckten Mittelfingern.

Plötzlich sah er direkt neben sich einen Sturzhelm. Lautlos hatte sich der Fahrer des Elektrorollers angeschlichen, zeigte seinerseits dem Herrn D. einen kerzengeraden Mittelfinger, klappte das Visier hoch und rief: »Sie glauben wohl, die Straße gehört Ihnen!«

Die beiden Verkehrsteilnehmer fuhren diskutierend nebeneinander her, bis ihnen am Südstern ein Polizeiwagen entgegenkam. Der Herr D. überlegte, die Flucht nach vorne anzutreten, aber der Wagen hielt in der Straßenmitte, sowohl rechts wie links öffneten sich die Türen. »Sie glauben wohl, die Straße gehört ihnen!«, sagte der Polizist. »Das hier ist eine Fahrradstraße und keine Rennstrecke!«

»Ebend!«, sagte der Herr D., »das ist eine Fahrradstraße, und ich habe hier das Fahrrad. Der Motorroller hat sich von hinten angeschlichen und dann versucht, mich zu schneiden. Ich wäre fast gestürzt!«

»Der Radfahrer hier hat mich fast an den Bordstein gedrückt!«

»Der war plötzlich sooo dicht neben mir - wie ein Gespenst!«

»Das mag ja sein!«, versuchte der Beamte zu beruhigen und legte dem Herrn D. die Hand auf die Schulter, »aber das rechtfertigt Sie noch lange nicht, den Kontrahenten auf den Gehsteig zu drängen wie Hamilton in Monaco.«

Der Laune des Herrn D. verschlechterte sich dramatisch. Schon der Biorollerfahrer auf dem Weg zu seinem Startupunternehmen war eine Zumutung, aber diese sanftmütige Polizistenmutation, die den Herrn D. für einen senilen Rentner hielt, war unerträglich. Er sah nur noch einen Ausweg: »Ich erstatte Anzeige! Und zwar gegen Sie!« Dieses Mal streckte der Herr D. nicht den Mittelfinger, sondern den Zeigefinger aus und deutete auf die Brust des Polizisten. »Diese neumodischen Elektroautos und Elektroroller sind eine Gefährdung für jeden Fußgänger und jeden Radfahrer. Ich verlange, dass diese Fahrzeuge ein Fahrgeräusch abgeben so wie alle anderen vernünftigen Fahrzeuge auch. So was dürfte erst gar nicht zugelassen werden.«

»Sie sollen ja auch mit den Augen fahren, nicht mit den Ohren!«

»Ich fahre mit allen meinen Sinnen, Herr Wachtmeister!«

»Die Ohren spielen in der deutschen Straßenverkehrsordnung keine Rolle!« Schon deutete der Mittelfinger des Herrn D. eine Streckung an, doch am Ende setzte sich der Zeigefinger durch, die Spitze berührte fast die Brust des Polizisten:

»Und warum?«, fragte der Herr D. und sah seinen Kontrahenten herausfordernd an, »schalten Sie dann immer dieses Martinshorn auf ihrem Autodach ein, wenn Sie Brötchen holen? •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2017, Berlin-Kreuzberg