Kreuzberger Chronik
Mai 2016 - Ausgabe 179

Geschichten & Geschichte

Die alten Schweden


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von Werner von Westhafen

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Sie kamen, als der Kottbusser Damm noch Rixdorfer Tramp hieß.

Immer wieder entschied sich das Schicksal der Berliner auf dem Höhenzug im Süden der Stadt. Auf dem Kreuzberg hatten die Berliner die Truppen Napoleons erwartet, hinter den Hügeln hatten sich die Tempelhofer und die Franziskaner versteckt, hier formierten sich die Österreicher und die Russen zum Angriff. Auch die Schweden konnten dem strategisch vorteilhaften Gelände nicht widerstehen und erschienen im Winter 1641 auf den Rollbergen über der Stadt, was die Berliner in Angst und Schrecken versetzte.

Zehn Jahre zuvor hatten die Männer aus dem kalten Norden schon einmal die Stadt besucht. Während des 30-jährigen Glaubenskrieges zwischen Protestanten und Katholiken kam König Gustav Adolf von Schweden mit einem großen Heer nach Brandenburg, um seinen in Bedrängnis geratenen Glaubensbrüdern zu Hilfe zu eilen und verlangte von seinem Schwager, dem Kurfürsten von Brandenburg, Unterstützung. Doch der Kurfürst war unentschlossen und stellte dem hohen Verwandten aus Schweden weder Pferde noch Reiter zur Verfügung, was Gustav Adolf derart in Rage versetzte, dass er »seine Kanonen auf dem Tempelhofer Berge auffahren« ließ und damit drohte, nicht nur die Häuser der Bürger, sondern auch das Schloss des Schwagers in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. So musste der Kurfürst seinem Schwager in dessen »Lager im Treptower Gehölz« die Aufwartung machen. Erst als der Kurfürst sich einverstanden zeigte, zog Gustav Adolf seine Kanonen vom Kreuzberg wieder ab.

Die Berliner konnten aufatmen, auch der Kurfürst war erleichtert, als der schwierige Schwager kurz darauf im Kampf das Leben ließ. Doch seine Truppen blieben im Lande und trieben auch ohne König ihr Unwesen in der Gegend um Berlin. Sie beriefen sich auf die Abmachung mit dem Kurfürsten, bestanden auf Verpflegung und Entsoldung, doch da sich der Kurfürst nach dem Tod des alten Schweden zögerlich zeigte, begannen sie zu »rauben und plündern, wo sie nur konnten. Jahre lang versetzte der Ruf »Die Schweden kommen!« die Dörfer und kleinen Städte im Kurfürstentum in Angst und Schrecken.


Besonders die Dörfer waren den Überfällen schutzlos ausgeliefert, Unterstützung durch die Soldaten des Kurfürsten war nicht zu erwarten. Den Bauern und Gärtnern, die noch in strohgedeckten Lehmhäusern vor den Toren der Stadt wohnten, schenkte der Regent wenig Beachtung. Und selbst wenn der Kurfürst sich ihnen zuliebe mit den Schweden angelegt hätte, so waren doch die kleinen Siedlungen oft zu entlegen, als dass er schnell hätte zu Hilfe eilen können. Die Dörfer waren noch nicht durch befestigte Straßen und Wege verbunden, die Umgebung ein unwegsames, kaum bewohntes Sumpfland. Die einzige halbwegs befestigte Straße, die sich Anfang des 17. Jahrhunderts von den »Cöllnischen Wiesen« nach Süden zog, war der »Rixdorfer Tramp« , der erst nach Rixdorf und von dort aus weiter nach Köpenick führte, aus dem erst 200 Jahre später die Dresdener Straße und der Kottbusser Damm wurden. Damals aber machte das Grundwasser unter dem Damm, den man aufgeschüttet und mit einem Steinpflater belegt hatte, viel Mühe, jedes Jahr mussten die Arbeiter anrücken, um neue Erde aufzuschütten und das Pflaster zu erneuern.

Der Kurfürst hielt den Rixdorfer Tramp aber nicht für die Bewohner der Wiesen und Sümpfe instand, sondern nur auf Druck der Kaufleute und der Handelsherren, die ihm Steuern zahlten und dafür sichere Wege verlangten. Ihnen ist der neue Weg nach Köpenick zu verdanken, den der Kurfürst eines Tages entlang der Spree anlegte, der irgendwann Neuer Damm, Langer Damm, Neue Trift und seit 1589 endlich Köpenicker Straße heißt. Doch auch der neue Weg entlang der Spree verwandelte sich nach jedem Regen in eine unbefahrbare Schlammspur,. Die kleinen Siedlungen vor den Stadttoren, deren Bewohner in der Sumpflandschaft Äcker anlegten oder Vieh weideten, blieben noch viele Jahre schwer erreichbar, nicht einmal in große Dörfer wie Wusterhausen und Mittenwalde führten befestigte Straßen.

Wie wenig Achtung und wie viel Verachtung der Kurfürst den Menschen, die vor den Stadttoren lebten, entgegenbrachte, zeigte sich im Winter des Jahres 1641, zehn Jahre nach dem Besuch Gustav Adolfs bei seinem Schwager, als abermals schwedische Reiter auf den Tempelhofer Bergen auftauchten und ihre Kanonen auf die Stadt richteten. Es wäre eine Katastrophe gewesen, würde es den schwedischen Plünderern gelingen, die Stadtmauern zu überwinden. »Das wußten alle, und das wußte auch der Fürst Adam von Schwarzenberg« , der engste Vertraute und politische Berater des Kurfürsten. Da auch Fürst Adam nicht viel von den Bauern vor der Stadt hielt, riet er, aus strategischen Gründen die Dörfer im Süden abzubrennen, um eine bessere Sicht auf die anrückenden Heerscharen zu gewinnen.

Die Bewohner der südlichen Dörfer wollten es nicht glauben, dann aber schickten sie eine Delegation zu den Ratsherren und flehten darum, hre Hütten, die sie »mit unendlichem Fleiß und saurem Schweiß« errichtet hatten, zu verschonen. Der Rat sprach beim Kommandanten vor, der Kommandant beim Kurfürsten, doch wenige Stunden später zogen die Bauern mit Leiterwagen und ihrem letzten Hab und Gut zur Stadt, während »Funken und Dachfetzehn« durch die Luft flogen, Häuser, Schuppen und Warenlager in Flammen aufgingen.

Als der Rauch verflogen war, genossen die Truppen des Kurfürsten eine freie Sicht auf die Tempelhofer Berge. Doch die Schweden waren verschwunden. Sie kamen auch nicht wieder! Nicht einen einzigen kleinen Angriff hatten sie unternommen, keinen einzigen Hof überfallen. Lediglich die ersten Siedlungen, die zwischen dem Tempelhofer Berg und der Stadt an der Spree entstanden waren, wurden vernichtet. •

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