Kreuzberger Chronik
Mai 2016 - Ausgabe 179

Kanzlei Hilfreich

Der Herr Winkler


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von Kajo Frings

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Herr Winkler war ein außergewöhnlicher Kunde. Aber Jens Hilfreich ist auch ein außergewöhnlicher Anwalt.

Der Herr Winkler kam in die Praxis und wollte einen Termin. Und zwar sofort. Er hatte sich Geburtstag und Geburtsort des Anwalts besorgt, mit dem eigenen Sternzeichen nebst Aszendenten abgeglichen und daraus den optimalen Termin für das Mandantengespräch errechnet. Und der war eben jetzt. Er überreichte den Beratungshilfeberechtigungsschein und 15 Euro.

Herr Winklers Anliegen war eilig. Es gehe um eine Unterlassungsverfügung wegen Beleidigung, § 185 Strafgesetzbuch, und übler Nachrede, § 186 Strafgesetzbuch, bzw. eine einstweilige Anordnung nach § 1 Gewaltschutzgesetz.Also mal ehrlich« , meinte Jens Hilfreich, »wenn Sie schon so gute juristische Grundkenntnisse haben, warum benötigen Sie dann einen Anwalt?«

»Mit Anwalt nehmen einen die Leute ernst. Wenn Sie denen schreiben, werden sie aufhören.« - »Womit aufhören?« - »In meine Privatsphäre einzudringen und mich zu beleidigen.« - »Bitte genauer!« Herr Winkler zierte sich einen Moment, dann sagte er: »Ich wohne Parterre rechts. Gestern hab ich mein Badezimmer gestrichen. Da hör ich, wie mein Nachbar, der Karl-Heinz Hensel, zu seiner Frau Ruth sagt: »Jetzt streicht der Idiot auch noch sein Badezimmer schwarz.«

»Ah!« , schloss der Anwalt »Die Hensels wohnen neben Ihnen.« - »Nein, fünftes OG rechts.« - »Moment mal, wie konnten Sie die denn hören?« - »Jute Frage, Herr Anwalt. Ich grübel da schon die ganze Zeit drüber nach.« murmelte Herr Winkler. »Aber noch ne bessere Frage wär gewesen: Woher wussten die, dass ich mein Bad schwarz streiche?« - »Die wär gleich gekommen!« , sinnierte Hilfreich. »Haben Sie sich mit Ihren Nachbarn über die Farbe unterhalten? Oder kann man die Wohnung einsehen?« - »Nein.« , erwiderte Herr Winkler. »Ich lasse den ganzen Tag die Jalousien unten und nie jemanden in die Wohnung. Ich neige zur Manie. Und schwarze Wandfarbe bringt mich runter.« - »Haben Sie das schon mit dem Arzt besprochen?« fragte Hilfreich.

In diesem Moment sprang Winkler auf, räumte mit einer ausladenden Bewegung sämtliche Akten und die komplette Schreibwerkzeugsammlung vom Schreibtisch und schrie: »Ich bin nicht verrückt!!«

Jens Hilfreich hatte das erwartet. Er zog die kleine Holzkiste unter dem Schreibtisch hervor, stellte sich darauf, pumpte Luft in die Lungen und brüllte: »Dann führen Sie sich auch nicht so auf!« Dann deutete er auf den Fußboden und sagte: »Aufheben!«

Herr Winkler schien beeindruckt. Er ging auf die Knie und verwandelte das Chaos auf dem Parkett in eines auf Hilfreichs Schreibtisch. Als er fertig war, sagte Hilfreich: »Und jetzt streichen Sie mal Ihr Badezimmer fertig. Sollten sich die Nachbarn immer noch beschweren, dann kommen Sie wieder. Aber nehmen Sie’s bitte vorher mit dem Smartphone auf. Dann sehen wir weiter.« •


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