Kreuzberger Chronik
Mai 2016 - Ausgabe 179

Herr D.

Der Herr D. möchte Anzeige erstatten


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. lief die Heimstraße herunter. An der Ecke zur Bergmannstraße wehte ihm Star Spangled Banner entgegen. Wahrscheinlich hing dieser antiquierte Typ, der offensichtlich schon in Woodstock als Roadie aufgetreten war, mit seinen tätowierten Rockerarmen wieder mal im weit geöffneten Parterrefenster des ehemaligen Direktorhäuschens der Rosegger-Schule und hatte Hendrix so laut aufgedreht, als wäre der Marheinekeplatz ein Weizenfeld in der unendlichen Weite der USA.

Im Gegensatz zu anderen Kreuzbergern, die dem langhaarigen Rock´n´Roll-Fan den Vogel zeigten, winkte der Herr D. jedes Mal freundlich. Der Alt-Rocker erinnerte ihn an Zeiten, als in allen Kreuzberger Kneipen 24 Stunden Jimi Hendrix lief, und als die Bergmannstraße nicht mittags, sondern mitternachts voller Menschen war.

Doch inzwischen hatte auch der Herr D. eine gewisse Lärmempfindlichkeit entwickelt, und als er die Bergmannstraße überqueren wollte, um Brötchen zu kaufen, da kamen sie wieder, gleich zwei hintereinander. Im Formationsflug und mit schrillen Sirenen rasselten sie das Kopfsteinpflaster herunter und nahmen die Kurve zur Bergmannstraße mit quietschenden Reifen. Nur durch einen Sprung konnte sich der Herr D. vor den rasenden Polizeibeamten retten.

Kopfschüttelnd sah er den Streifenwagen nach, die auf der langen Gerade an der Friedhofsmauer Gas gaben, als befänden sie sich auf der Zielgerade in Monaco. Doch schon fünf Minuten später traf er sie wieder. Sie hatten ihre blinkenden Dienstwagen neben einem Krankenwagen geparkt, der schneller gewesen war, und standen ratlos vor einem Mann, der halb aufrecht, halb liegend an einer Hauswand bewusstlos zusammengesunken war. Eine Passantin berichtete, dem Mann sei schwindelig gewesen, dann habe er sich hingesetzt.

»Sagen Sie« , fragte der Herr D., »ist dieser friedliche Mann hier etwa der Grund für Ihren aufsehenerregenden Einsatz?« - Der Fahrer tat, als höre er nicht. »Ich dachte, das wäre mindestens ein Selbst-mordattentäter!« - Der Polizist kniff ein Auge zusammen, um den Herrn D. schärfer sehen und sich das Gesicht besser einprägen zu können. Gleichzeitig kniff er die Lippen noch etwas fester zusammen. Der Herr D. beschloss, Anzeige zu erstatten. Wegen Lärmbelästigung.

Er war schon beim Revier, da vernahm er wieder die Sirenen. Zwei Polizeiwagen rasten mit Blaulicht übers Kopfsteinpflaster und bogen mit quietschenden Reifen in die Polizeistation ein. Der Herr D. ging zum Pförtner, der gerade sein Butterbrot auspackte: »Das müssen Sie mir aber jetzt erklären: Ich verstehe es schon nicht, wenn die hier mit hundertfünfzig Sachen die Heimstraße runterrasen, nur weil einem Spaziergänger schwindelig wird, aber wenn die jetzt schon mit Blaulicht wieder zurückkommen, dann müssen die doch einen an der Waffel haben!« - Der Pförtner lächelte und sagte: »Kann schon sein.« •


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