Kreuzberger Chronik
März 2016 - Ausgabe 177

Strassen, Häuser, Höfe

Die Großbeerenstraße 57a


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von Werner von Westhafen

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Hier endete eine der schönsten Berliner Filmlegenden
Heute verbirgt sich hinter den Milchglasscheiben im Erdgeschoss der Nummer 57a ein Tierarzt, gegenüber im ersten Stock ist das Büro der Cobius GmbH, die im denkmalgeschützten Wohnensemble von Riehmers Hofgarten knapp 200 Wohnungen gekauft hat. Das Leben im Haus mit den Barock- engeln über dem Portal ist sehr gewöhnlich geworden.

Das war nicht immer so. Zur Kaiserzeit bat ein Korsettmacher die Damen der feinen Gesellschaft in seiner 40 Quadratmeter großen Ladenwohnung darum, sich »bitteschön frei zu machen.« Später spielte ein »Einzimmer-Theater« in dem kleinen, mit rotem Samt ausgeschlagenen Raum und probte bis spät in die Nacht. »Da ham die Mieter immer gemeckert, weil hier Probe war, wegen det neue Stück«, erinnert sich Max Cichocki. Auch an die Scheinwerferbrücke des Forum Theaters erinnert er sich und an die Garderobe, »da, wo jetzt die Toilette ist.« Je mehr er erzählt, um so mehr gerät er ins Schwärmen, »det war een richtiget Theater, ne richt´ge kleene Bühne mit Vorhang, und da war ooch Friedrich Luft hier«, der berühmte Theaterkritiker.

Aber die »Lichtspielhäuser« machten den Theatern zunehmend Konkurrenz, und auch im Forum Theater zeigte ein Filmclub zweimal die Woche flimmernde Zelluloidstreifen. 1959 gab das Einzimmer-Theater schließlich ganz auf und machte Platz für das »1. Berliner Kinomuseum«und einen Verein, den Cichocki gemeinsam mit Heinz Rühmann, Willy Birgel und Ida Wüst gegründet hatte. Im winzigen Foyer des neuen Museums standen alte Projektoren, lagen Filmrollen, hingen vergilbte Filmplakate und Autogrammkarten im Postkartenformat von Marlene Dietrich und Buster Keaton mit Originalsignaturen. Abends wurden dem kleinen Publikum dann die großen Klassiker gezeigt: Der Golem, Der blaue Engel, Der Tiger von Eschnapur und Raritäten von Buster Keaton und Charles Chaplin. Lauter zerkratzte, wundervolle Originale.

Max Cichocki war »Filmvorführer, Kartenverkäufer und Gründer des Kinomuseums in einer Person: Mitte Vierzig, mit stummfilmartigem schwarzgefärbtem, streng nach hinten gekämmtem Haar« war er »noch immer kindlich fasziniert von der Kinematographentechnik, vom Phänomen der laufenden Bilder«. So beschreibt ihn der Publizistikstudent Uwe Focken Mitte der Achtzigerjahre. Das Kino in der Großbeerenstraße ist für den Studenten ein »entrückter Ort und eine »unwirkliche Welt, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.« Ein Ort, wie geschaffen für die Welt des Films.

Kino war Cichockis Leidenschaft, spätestens, seit die Russen »allet aus Babelsberg abtransportierten – den gesamten Filmstock der UFA seit 1917 bis Kriegsende!« Einige Filme aber hat Cichocki vor dem Vergessen retten können: Chaplins Pferdediebe zum Beispiel. »Det ham wa aus ein Archiv, aus ein Tresor. Leider ham se det Negativ geklaut, wir ham ja nur det Positiv aus ´n Filmlager jeklaut, weil die »ATLAS« für uns die Filme kopiert hatte. Und da ham wa mit Lastwagen det allet umladen müssen, det war in Neukölln im Filmbunker

3000 von diesen verstaubten Filmrollen hat der Filmvorführer, Umrollgehilfe, Positiventwickler und Gelegenheitsschauspieler seit dem Ende des Krieges zusammengetragen. Er war bekannt auf allen Flohmärkten, bei allen Trödlern der Stadt. Wenn irgendwo eine Filmrolle auftauchte, brachte man sie zu Cichocki. Sie wussten, dieser Mann hatte einen Traum: Den Traum vom eigenen Kino.

1960 wurde er Wirklichkeit. »Vorher war´n wa ´n Wanderkino. Ick hab det übernommen von meen Onkel. Der spielt ja in verschiedenen Filmen mit und war ja die Rechte Hand von Fritz Lang.« Ohne den Onkel hätte es das Kinomuseum wahrscheinlich nie gegeben. Auch nicht ohne Ingeborg Jessulat. »Immer vorne rechts neben der Leinwand auf ihrem Stuhl neben dem Klavier sitzend, verteilte sie großzügig die zentimeterdünnen, gelblich angelaufenen Schaumstoffsitzkissen mit den verwegenen Blümchenmustern«, damit das Publikum es auf den hölzernen Sitzen bis zum Ende aushielt. Auch sie hatte einen Onkel vom Film, der spielte bei Doktor Mabuse und in vielen anderen Filmen mit. »Frau Ingeborgs Onkel« hatte nämlich »janz weißblonde Haare und ein Gesicht nach nischt«, deshalb hat er in so vielen Filmen mitgespielt, weil er »nach nischt aussieht, nach jarnischt! Und da kann der Maskenbildner alle möglichen Typen draus machen. Wenn eener ´n Typ ist, dann kannste nischt verändern. Aber so´n Milchgesicht….«

Max Cichocki schwärmte ein Leben lang vom Film und steckte jede Mark, die er verdiente, in seinen Traum. So wurde die Großbeerenstraße mit der Nummer 57a beinahe zu einer weltbekannten Adresse. Kein Filmpalast konnte mit einer solch honorigen Gästeliste aufwarten wie das Kino in der Großbeerenstraße mit seinen vierzig Sitzplätzen. Obwohl immer wieder der Ton ausfiel, schon nach wenigen Minuten zum ersten mal die Rollen gewechselt werden mussten, ließen es sich die Stars nicht nehmen, Cichocki ihre Aufwartung zu machen. Grethe Weiser war Stammgast, Eddie Constantine war hier, Schauspieler aus aller Welt, »und Fernsehregisseure, allet mögliche«, Schlöndorff und Schamoni, sogar Samuel Goldwyn, und »ooch die Brothers, die von Warner Brothers. Im Rahmen der Filmfestspiele warn die hier«, und die ganzen amerikanischen Stars. »Wir warn Künstlerbetreuung, det hat die Festspielleitung jemacht. Wir hatten mal 450 Leute einjeladen, da war die janze Straße voll Leuten. Det war 67, ja 67. Da war ja ne Unmenge Leute hier, alle in Frack und Abendkleider, allet nur Filmstars. Und Autogrammjäger!«

Die glänzenden Zeiten der Großbeerenstraße sind Vergangenheit. Als die alten Häuser aus Riehmers Hofgarten verkauft wurden und die Mieten stiegen, konnte das kleine Ladenkino mit 6 Mark Eintritt pro Vorstellung nicht überleben. Am 15. November 2002 fiel der letzte Vorhang, nach vierzig Jahren endete eine der schönsten Berliner Filmgeschichten beinahe unbemerkt.

Literaturnachweis: Nach einem Manuskript/ Interview von Uwe Focken, 1983

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