Kreuzberger Chronik
März 2016 - Ausgabe 177

Kreuzberger
Meine Eltern waren Hausbesitzer. Ich wurde Hausbesetzer.




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von Waltraud Schwab

Titelfoto: Dieter Peters

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Meine Eltern waren Hausbesitzer. Ich wurde Hausbesetzer!Ob es schön wäre, wenn Udo Jürgens recht hätte und das Leben mit 66 erst anfinge? Wohl kaum. Dennoch haben Freunde von Mahide Lein, die im November 66 wurde, ihr dieses Lied vorgesungen. Und sie freute sich. Weil sich im Schlagertext die Hoffnung versteckt, dass noch etwas kommt. Anerkennung. Liebe. »Dass einmal gewürdigt wird, was man getan hat«.

Mahide Lein, stämmig, mit rasierten Haaren bis auf den blonden Tuff auf dem Kopf, wohnt in einem Altbau in der Lilienthalstraße unweit der Hasenheide. Seit 1977 schon. Früher sah sie in die grüne Hasenheide hinaus, jetzt stehen die Nuntiatur des Vatikans und die klobige Sankt-Johannes-Basilika davor. Ein Stück weiter den Berg hinauf liegt der Garnisonsfriedhof. Einen Gedenkstein für die in den Kolonialkriegen gefallenen Soldaten gibt es dort schon lange. Einen für die 60.000 Herero und Nama, die Anfang des 20. Jahrhunderts von den Deutschen in die Omaheke-Wüste in Namibia getrieben wurden und dort verdursteten, erst seit 2009. Es beschäftigt Mahide Lein, wie lange es manchmal dauern kann, bis Erkenntnis trägt. Auch die Deutschen gehörten zu den Kolonialisten, später aber, als der Kolonialismus in Verruf geriet, löschten sie diese Länder aus ihrem Gedächtnis und ihrem Bewusstsein. So kam es, dass Afrika für die Deutschen jahrzehntelang ein unbekannter Kontinent blieb. Und so kam es, dass Mahide Leins zufällig gewecktes Interesse an Afrika auch einer Wiederentdeckung gleich kam.

Ihre Erinnerungen an Simbabwe, den Senegal, sind überall in der Wohnung verstreut. Decken mit großflächigen grafischen Mustern in Savannenfarben, Skulpturen aus dunklem Holz, Tiere – breit und behäbig, Menschen – langgestreckt und grazil, dazu Trommeln, Tamburine und das große Balafon. Aber auch das Klavier ihrer Großmutter, die Jahrmarktsschaukel, die vielen Bücher und Platten stehen in der Wohnung. Im Flur hängen Fotos und alte Plakate von Veranstaltungen, die sie organisiert hat: Das tibetische Neujahrsfest mit Nina Hagen, das Miriam-Makeba-Erinnerungskonzert, viele andere. Und an der Eingangstür klebt ein KFZ-Kennzeichen, daneben ein Porträt der Schriftstellerin Gertrude Stein. Alles zusammen: ein Haufen Damals, ein Haufen Jetzt. Irgendwo zwischen Afrika und Frankfurt-Höchst.

Mahide kam im November 1949 in Frankfurt-Höchst zu Welt. Ihr Name klingt nach Afrika oder Sannyasin, aber er ist eine Eigenkomposition der Eltern, die lange reden mussten, um die deutschen Beamten zu überzeugen, dass es diesen Namen im Arabischen tatsächlich gibt. Die Mutter war Akkordeonistin und Zeichnerin, der Vater ein Goldschmied. Mahide erzählt nicht viel von ihnen, nur, dass sie »eine Totgeborene« war. Im Geburtskanal stecken blieb, zwanzig Minuten, mit der Nabelschnur um den Hals. Mit Massagen oder so hätte die Hebamme sie zum Atmen gebracht.

«Ein Wunder«. Mahide hat drei Geschwister, die lebend geboren wurden, und sieben, die die Geburt nicht überlebten. »Und ich sollte jetzt also die Starke sein.« Tatsächlich ist sie stark geworden. Mutter Teresa nennen ihre Freunde sie manchmal, weil sie immer da ist, wenn andere sie brauchen. Sie hat den Zivilcouragepreis erhalten, »vor 50.000 Leuten auf dem Christopher Street Day!« Sie ist stark, wenn andere schwach werden. Vielleicht, weil jemand, der tot auf die Welt kommt und dann doch noch lebt, »eigentlich das Schlimmste schon überstanden hat. Und dann kannst du vielleicht auch stark sein.«

Vielleicht ist auch ihre Liebe zu den Zwischenwelten eine Folge der schweren Geburt. Mahide Lein sucht, was in kein Schema, kein Raster, kein Muster passt. Sie hat Frauencafés eröffnet, als noch niemand daran dachte. Von der Lesbenbewegung gesprochen, als sich kaum einer vorstellen konnte, wie Frauen Frauen lieben. Sie hat Veranstaltungen organisiert, als »Eventmanagement« nur »Schischi« war und »learning by doing« galt. Sie hat sich verausgabt, Selbstausbeutung betrieben, wie man das so machte in den Siebzigerjahren. »Und diese Haltung nie abgelegt«. Inzwischen lebt sie von ihrer kleinen Rente, aber veranstaltet noch immer Konzerte. Mit Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt, aus der Zwischenwelt zwischen Afrika und Frankfurt.

Schon ihre Eltern waren nicht sonderlich angepasst. »Es ging turbulent zu«, erinnert sie sich. »Das macht man nicht!« oder »Mädchen ziehen keine Hosen an!«, solche Maximen gab es nicht im Hause Lein. Wenn Freundinnen vorbeikamen, zogen sie die Röcke aus und die Hosen an und stiefelten los. »Ich erinnere mich, dass die Klamotten meiner Freundinnen immer auf der Waschmaschine bei uns lagen.« Und wenn sie dann nach Hause mussten, kamen sie noch mal vorbei, um sich die Hosen aus- und die Röcke wieder anzuziehen. Auch andere Themen seien nie tabu gewesen: Selbstmord, Sex, Kinder ohne Väter, Alkohol, Scheidung. »Nur über tote Kinder redete man nicht.«

Foto: Privat
Mit Siebzehn ging sie von zu Hause fort. »Meine Eltern waren Hausbesitzer, ich wurde Hausbesetzer«. Sie studierte Politik und Religion in Frankfurt, »aber mir gefiel es an der Uni nicht.« Was ihr aber gefiel, war die Studentenbewegung, der Aufbruch, das Linkssein, die Umweltbewegung. Und natürlich die Frauenbewegung. Für die Frauen gab es viel zu tun: Die Abschaffung des Paragrafen 218, der die Abtreibung kriminalisierte. »Frauen erobern die Nacht zurück.« Und dann eben auch das Lesbische. »In der Linken fing man mit dem Gruppensex an, und da bin ich an einer Frau hängen geblieben.« Zu ihrem großen Bedauern hielt die Freundschaft nicht sehr lange.

»Ich wusste ja damals gar nicht, dass es so viele Lesben gibt auf der Welt.« Das änderte sich, als sie nach der portugiesischen Revolution 1974 nach Portugal ging. Sie übernachtete in einem großen Zelt und bemerkte, wie zwei Berlinerinnen sich in der Nacht liebten. »Ich, hä, das gibt’s? Ich war doch nur einsam gewesen die ganze Zeit.« Da hätten ihr die Frauen erzählt, was sie in Berlin so alles trieben. Und Mahide Lein dachte: »So was muss es doch auch in Frankfurt geben.« Also gründete sie das erste Frankfurter »Lesbenzentrum«.

Foto: Privat
Trotzdem ging sie 1977 nach Berlin. Sie hatte sich verliebt. Arbeitete beim Frauenbuchvertrieb mit, im Café Winterfeldt. Gründete die Künstleragentur Ahoi. Wurde allmählich zur Tabubrecherin. »In den meisten Kulturen wird immer nur der Schwanz erklärt, aber nie, wie Frauen Sex genießen.« Und Sex sei ihr einmal sehr wichtig gewesen. »Ich sah eine Frau und wusste, was die wollte. Mehrmals am Tag. Das kann ich mir nicht mehr vorstellen heute.« Aber erinnern kann sie sich noch, an die, wegen der sie nach Berlin kam. Dann war da eine Musikerin von Mama Kumba. Dann Mieke Jansen, die sich umbrachte. Und eine, die ihr half, über deren Tod zu kommen. Auch Anke Rixa Hansen, die Filmemacherin. Und die Brasilianerin, die sie heute noch trifft.

Gelebt hat sie viele Jahre vom Erbe der früh verstorbenen Eltern. Aber 1987 gab es einen Einschnitt, das Geld war aufgebraucht. Mit senatsfinanzierten Stellen machte sie in der Szene weiter, engagierte sich 1989 für Lesben in Ostblockländern, organisierte 1992 den ersten CSD in Russland, veranstaltete Konzerte mit Musikerinnen aus Osteuropa, Tibet, Kuba, Afrika. Organisierte Veranstaltungen mit Irren und Huren. Sie weiß, »dass man damit kein Geld verdienen kann. Ich mache das von Herzen!« Auch auf dem Bergmannstraßenfest fehlt sie nie, seit 8 Jahren bespielt sie mit Künstlern ihrer Agentur die Bühne in der Nostitzstraße, mit Künstlerinnen aus aller Welt, irgendwo zwischen Afrika und Frankfurt-Höchst.

Ihr fällt das Miriam Makeba Memory Festival ein. »Das wollte ich eigentlich jedes Jahr machen, anlässlich ihres Todestages am 9. November. Aber es überstieg ganz einfach meine Kräfte.« Sie hatte Miriam kennengelernt, hinter der Bühne, die beiden Frauen verstanden sich sofort. Noch heute wohnen die Enkel bei ihr in der Lilienthalstraße, wenn sie zu Besuch nach Berlin kommen.

Foto: Privat
So geschieht vieles aus Liebe in ihrem Leben. Auch die Entdeckung Afrikas war Liebe. 1994, auf einer Party, hatte sie eine Frau aus Simbabwe kennen gelernt. »Ich wusste gar nichts über das Land.« »Send me a postcard sometimes«, sagte die Fremde. Mahide schrieb nicht nur eine Karte, sie fuhr hin, drehte einen Film. Send me a postcard sometimes heißt er, und er zeigt das Leben in einem anderen Land, die Kultur der Lesben, der Schwulen, die Situation der Sexarbeiterinnen und die erste Frauenbewegung Simbabwes. »Diese Reise hat mein Leben verändert. Ich hatte plötzlich mit Kindern zu tun. Mit Männern. So viel, dass ich meine Hautfarbe vergaß.«

Sie hat sie bis heute vergessen. Sie ist nicht weiß, nicht schwarz, nicht grün. Sie ist dazwischen, in dieser Kreuzberger Zwischenwelt, irgendwo zwischen Afrika und Frankfurt-Höchst.

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