Kreuzberger Chronik
März 2016 - Ausgabe 177

Essen, Trinken, Rauchen

Sas beim Gipfeltreffen


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von Saskia Vogel

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Sas hat dem Mann mitgeteilt, dass sie keinen Alkohol trinkt. Er fragt trotzdem: »Rotwein oder Härteres?« Sas und der Mann haben sich im Gipfeltreffen verabredet, jener modern interpretierten Wirtshausstube in der Görlitzer Straße, in der ein stets lächelnder Spanier von Tisch zu Tisch tänzelt, um seinen Gästen hausgemachte Käsespätzle und Miesmuscheln in Weißwein zu servieren. Der Kachelofen im Gastraum knistert behaglich, Sas bestellt sich ein Steinpilzrisotto für 16 Euro, das ihr Inneres wie ein weicher Brei befüllt. Trotz aller Gemütlichkeit kann sie keine Wärme spüren, und der studentische Kellner ist an diesem Abend leider der einzige Mann, der Sas mit echter Sympathie begegnet. Denn ihre Verabredung spricht von oben herab.

In Sas´ Kopf, analysiert ihr Tischpartner innerhalb von fünf Minuten, würde es »rattern«. Das bemerke ja jeder innerhalb von fünf Minuten. Mit »Rattern«, interpretiert Sas, meint der Mann, dass sie Probleme habe. »Ich habe eine ziemlich stabile seelische Struktur«, kontert sie den Übergriff, woraufhin er plötzlich ziemlich zerknirscht aussieht. Unaufgefordert legt er Sas seine Visitenkarte auf den Tisch. Er sei Journalist für eine große Agentur, man könne Sas vielleicht »als Autorin aufbauen«. Sas vermeint, Gönnerhaftigkeit zu vernehmen. Dass sie längst Autorin ist und gar nicht mehr »aufgebaut« werden muss, sagt sie dennoch nicht.

Sas räuspert sich etwas fremdbeschämt und erzählt von ihrem Skiurlaub in Österreich, in dem es »Stuben genau wie diese gibt.« - doch der Mann muss jetzt einen Vortrag halten. Über die Leibesertüchtigung mit einem Miezekätzchen am vorherigen Wochenende. Da wäre er »in love mit der Welt«gewesen, nur Sas habe da gefehlt. Aber Sas hat nicht gefehlt, Sas ist nicht »in love«, und der Mann wird ihr allmählich unangenehm. Er ist gereizt, reagiert pikiert, wenn Sas widerspricht. Er behauptet, ein Vegetarier könne nicht gewalttätig sein. Ein überzeugter Vegetarier würde selbst dieses N.Y. Angus Strip Loin-Beef stehen lassen und lediglich die Waldorfsalat-Beilage verzehren.

»Die Rechnung!« Der Vegetarier schnippt mit den Fingern. Das Gipfeltreffen hat seinen Höhepunkt erreicht. In Sas´ Kopf fängt es jetzt tatsächlich an zu rattern. Der angeblich aggressionslose Vegetarier macht tatsächlich Anstalten, aufzustehen. Vielleicht möchte er jetzt gehen, ohne seinen Tischpartner davon in Kenntnis zu setzen.

»Wir sehen uns nicht wieder!«, sagt Sas, um ihm zuvorzukommen. Das bringt den Mann vollends aus der Fassung. Er springt auf, rumpelt gegen den Tisch und verlässt endlich die Wirtshausstube. Der Kellner quittiert seinen Auftritt mit einem Lächeln: »Noch einen Schokoladenkuchen als Nachtisch?« - »Gerne«, lächelt Sas zurück. Zumindest das Küchlein hat einen warmen Kern, denkt Sas, aus zerlassener, nicht herablassender Schokolade.

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