Kreuzberger Chronik
März 2016 - Ausgabe 177

Geschäfte

Die etwas andere Post


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von Michael Unfried

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Es begann mit einem kleinen Schilderladen an der Ecke. Was alles noch aus ihm werden soll, ist ungewiss.

Es gibt eine echte, naheliegende und freundliche Alternative zu den langen Schlangen und den überarbeiteten Mitarbeitern der Deutschen Post am Marheinekeplatz. Nur eine Straßenecke weiter, da, wo die Baerwaldstraße auf die Gneisenaustraße trifft, befindet sich ein kleiner Laden, der alles hat, was die Post auch hat: Briefmarken und Briefumschläge in allen Größen und Formaten; Druckerpapier, Seminarblöcke, Textmarker, Klebebänder und Geburtstagskarten; Büroklammern, Stifte, Spitzer und Radiergummis. Er hat alles, was man zum Versenden eines Paketes oder zum Schreiben eines Briefes braucht, wenn man ihn nicht auf einem elektronischen Speichermedium, sondern auf einem Stück Papier verfasst.

Darüber hinaus hat dieser namenlose Laden in der Gneisenaustraße aber auch noch afrikanische Musik und eine große Weltkarte der Turkish Airlines an der Wand, damit man auch sieht, welche Wege die Post zurückgelegt hat oder noch zurücklegen muss. Und damit man sieht, was es außer Deutschland sonst noch gibt auf der Welt. Für diejenigen, die sich länger in der alternativen Postfiliale aufhalten möchten, gibt es eisgekühlte Getränke, Snickers, Mars und Haribo. Für die Sommergäste stehen draußen vor der Tür ein mit bunten Filzstiften bekritzelter Biertisch und zwei Sitzbänke. Bei gutem Wetter macht das kleine Fähnchen von Langnese den Post-,Süß- und Schreibwarenladen dann zu einer Art Stammtisch, an dem sich die gesundheitsbewußten Neukreuzberger auf eine Bionade treffen. Denn eines gibt es in der Gneisenaustraße Nummer 40 noch nicht: Bier und Wein!

»Entschuldigung«, nähert sich eine junge Studentin dem schwarzen Mann hinter der Ladentheke mit dem weißen Lachen, »ich habe nur einen Fünfzigeuroschein, hätte aber gern eine Eineuromarke für eine Buchsendung.«Die junge Frau muss schlechte Erfahrungen gemacht haben am Marheinekeplatz mit ihrem Fünfzigeuroschein. Obwohl die Post am Marheinekeplatz doch eigentlich Geld genug haben müsste mit ihrer eingebauten Postbankfiliale.

»Kein Problem, geben Sie nur her!«, sagt der junge Mann aus der schwarzen Mitte Afrikas in einem Deutsch, das sich anhört, als käme es von den blonden Postbeamtinnen am Marheinekeplatz. »Und einen Kaffee krieg ich hier doch sicher auch!«, lächelt die Blonde. »Natürlich!«, lächelt der Schwarze zurück. »Wir haben alles hier, was Sie wünschen!«


Vor drei Jahren begann der Werbeschilderverkäufer in der Gneisenaustraße Nummer 40 mit der Annahme von Briefen für die überlastete Postfiliale in der Bergmannstraße. Nach und nach kamen dann alle anderen Dienste hinzu, und jetzt kann sich ein Kreuzberger, der keine Lust hat, in der Bergmannstraße in der Schlange zu stehen, seine DHL-Pakete sogar gleich an seine Wunschfiliale in der Gneise- naustraße schicken lassen.

»Kürzlich hatt´ ich nen Zettel im Briefkasten,« erzählt verärgert eine ältere Dame, »dass ich nich da gewesen wäre und dass ich mein Paket bei meinem Wunschnachbarn abholen darf. Obwohl ich mit meiner Arthritis sowieso immer zuhause bin. Bei meinem Wunschnachbarn! Ich hab doch gar keinen Wunschnachbarn. Und wissen Sie, wo der dann war, dieser Wunschnachbar? In der Eylauer Straße! Fast schon Schöneberg. Und das mit meiner Adrititis! Die ham doch einen an der Waffel bei der Post!«

Bis vor drei Jahren gab es in dem Eckladen an der Baerwaldstraße nur Markisen und bunte Buchstaben auf Werbetafeln zu kaufen. Inzwischen ist aus dem Schilderladen ein Zentrum für »Werbegrafik« geworden, die Markisen sind dagegen ganz hinten im Sortiment gelandet. Vorn stehen jetzt vier Kopiergeräte, um die zu verschickenden Schriftstücke an das Finanzamt, die Polizeidirektion oder das Sozialamt sicherheitshalber noch einmal zu kopieren - für den nicht unwahrscheinlichen Fall, dass die Postsendung auf ihrem langen Weg zum Mehringdamm irgendwo auf der Strecke bleibt.

In dem kleinen Laden mit dem schwarzen Posthorn auf dem gelben Schild gibt es so ziemlich alles, was es in der großen Post an der Bergmannstraße auch gibt. Eine Tafel verkündet sogar auf Englisch das vielfältige Angebot des vermeintlichen Copyshops: Digitaldruck, Kopieren, Faxen, Scannen, USB-Ausdruck, Posterdruck, Flyer. Darüber hinaus gibt es SIM-Karten, Cashkarten und Moneytransfer.

»Sogar Ihr Geld können Sie hier lassen!«, meint ein Nachbar. »Wenn Sie das hier auf dem Tresen liegen lassen, ist es morgen immer noch da. Aber wenn Sie es in der Bergmannstraße zur Postbank tragen, dann ist es weg!«

Es wäre eigentlich logisch, wenn der geschäftstüchtige Coffee- und Copyshopbesitzer, dieser kleine Post-, Süß- und Schreibwarenladenbesitzer demnächst seine erste Bankfiliale eröffnete. Als Postbanksubunternehmer. Später kommt dann eine kleine Bar hinzu, der längst überfällige Handyshop, vielleicht auch ein Souvenirgeschäft oder ein kleines Möbelkaufhaus. Weshalb es hier nicht schon längst Currywurst und Pommes gibt, bleibt allerdings ein Rätsel.

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