Kreuzberger Chronik
Juni 2016 - Ausgabe 180

Essen, Trinken, Rauchen

Die Tierra Columbiana im Souterrain


linie

von Horst Unsold

1pixgif
Kolumbien ist weit. So weit, dass man kaum von ihm spricht. Von Kolumbien weiß man nur, dass es mit Drogen handelt und mit Kaffee. Tierra Colombiana ist verbrannte Erde. Braun sind die Kaffeebohnen, braun ist das Opium, braun sind die Menschen. Dass es auch in Kolumbien goldgelbe Empanadas gibt, die sogar farblich zum Weißwein passen, davon spricht niemand.

Auch nicht im Multikultizentrum mit seiner Multikultimarkthalle am Marheinekeplatz ist die Tierra Colombiana bekannt. Während in der Bergmannstraße vor italienischen, vietnamesischen, österreichischen und schwäbischen Lokalen Menschen um freie Tische kämpfen, sitzen vor der unbekannten Tierra nur zwei deutsche Männer.

»Ich hätte gerne einen Weißwein.« Die Kolumbianerin nennt drei verschiedene Sorten, von denen der Gast keine kennt. Kolumbien ist ein fernes Land. Der skeptische Gast ist ratlos und ergänzt:

»Ich hätte gerne einen Weißwein, der keine Kopfschmerzen macht!« - »Und ich hätte gerne einen Rotwein, der nicht zu teuer ist!«, sagt der andere. Mit einem freundlichen Lächeln empfiehlt die Frau den Gästen den argentinischen Las Lenas, einmal bianco, einmal tinto.

Als sie wieder im Souterrain entschwunden ist, fragen sich die Männer: »Argentinien, liegt das gleich nebenan?« - » Ist das nicht alles irgendwo da unten, Brasilien, Chile, Uruguay?«

Der Wein kommt, goldgelb. Der Weißweintrinker nippt und sagt: »Merkwürdig! Probier mal!« Der Rotweintrinker nippt am goldgelben Glas. Argentinien scheint auch weit entfernt zu sein. Noch so eine Terra Incognita. »Irgendwie schmeckt der nach gar nichts!« - »Irgendwie fruchtig, finde ich...« - »Nein, der hat doch gar keine Säure...« - »Süß ist er aber auch nicht!« - »Irgendwie ölig...« - »Alt!« - »Ungewöhnlich!« - »Aber nicht schlecht!« - »Nein, nicht schlecht.« - »Und der Rote?« - »Auch nicht schlecht. Aber irgendwie ungewöhnlich.«

Dann kommen die kleinen Teigtaschen. Sie dampfen noch und glänzen so golden wie der Wein. »Wir essen die immer mit den Händen!« sagt die Frau. Kolumbien ist weit weg, aber die Männer sitzen noch lange vor der Tierra Colombiana, die sich nicht entscheiden kann, ob sie »Restaurante«, »Tienda« oder »Café« ist. Sie probieren frittierte Kochbananen und heißes Zuckerrohrwasser mit Käse, Nektar aus Lulo und ein Bier namens Poker. Sie kaufen echten kolumbianischen Kaffee, trinken zum Abschluss eine »Fantasia de Maracuja« und eine »Tienda Latina« aus Maracuja- und Guavensaft, Rum, Wodka und Grenadine, und zum allerletzten Schluss noch einen Caipirinha.

Kolumbien ist weit, sehr weit weg. Aber am Ende des Abends ist es ein bisschen näher gerückt. Die Männer sind lustig geworden und loben die Cocktails überschwänglich. Da hebt die Kolumbianerin mahnend den Finger: »Ich kann Ihnen jetzt aber leider nicht mehr garantieren, dass der Weißwein wirklich keine Kopfschmerzen macht!« •


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2017, Berlin-Kreuzberg