Kreuzberger Chronik
Juni 2016 - Ausgabe 180

Herr D.

Der Herr D. geht zum Herrn W.


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. war oft in Österreich gewesen, obwohl ihm die Österreicher nicht sehr sympathisch waren, weil den meisten Österreichern die meisten Deutschen noch unsympathischer waren als umgekehrt. Dennoch wusste er das Fiaker-Gulasch, die Wurstsemmeln, die Kaffeehausatmosphäre und die Wiener Mehlspeisen durchaus zu schätzen. Selbst dem von kerngesundem, alpenländischem Selbstvertrauen geprägten Wiener Dialekt konnte der Herr D. an sonnigen Tagen mit einem Schmunzeln begegnen. Der Herr D. war tolerant und weltoffen. Ein echter Kreuzberger.

Um so mehr freute es ihn, als er eines Tages auf der Friesenstraße ein neues, wenn auch klaustrophobisch kleines, dafür aber austrophiles Café entdeckte. Auf den ersten Blick hatte es nichts mit den dunklen Einrichtungen der großen Wiener Kaffeehäuser gemein, in denen das Lesen der Zeitungen ohne Stehlampe nicht nur stillos, sondern unmöglich wäre. Das helle Friesenstraßencafé mit seinem weißen Tresen, seinen weißen Regalen an den weißen Wänden war ein greller Kontrast zu den österreichischen Eichenholzvertäfelungen. Doch es bestand kein Zweifel, die Speisekarte mit den Marillenknödeln, dem Kaiserschmarrn und den Palatschinken war definitiv österreichisch. Vielleicht, dachte der Herr D., hatte der Herr W. sich gedacht: Wo es schon zwei österreichische Lokale mit Knödeln und Schnitzeln gibt, da muss hier unbedingt auch ein Wiener Kaffeehaus hin. Und deshalb nannte der Herr W. sein kleines Café dann ebenso kompliziert wie werbewirksam: Dem Herrn W. seine Mehlspeis.

Voller Erwartung nahm der Herr D. an einem der kleinen Tische auf der Straße Platz. Als der Herrn W. kam, sagte er:

»Eine Melange, bitte!«

»Bitte was?«

»Eine Melange!« , wiederholte der Herr D. stirnrunzelnd. Diesmal parierte der Herr W.: »Mit Sahne oder mit Milchschaum?«

»Geht doch!«, murmelte der Herr D. Wenig später stand eine duftende Melange auf dem Tischchen. Der Herr D. nippte und nickte.

»Sehr gut! Dazu brauch ich jetzt aber noch eine Mehlspeise. Was ist denn das da?« Der Herr D. deutete auf ein kleines Kuchendreieck. »Das ist spanisches Mandelgebäck. Mallorquinisches eigentlich!«

»In einem echten Wiener Kaffeehaus gäbe es so etwas aber nicht!«, bemerkte der Herr D., und so kamen die Herren W. und D. ins Gespräch miteinander. Dabei stellte sich heraus, dass der Herr W. eigentlich gar nicht W., sondern H. oder S. hieß und nur zufällig auf das W. verfallen war. Außerdem kam er gar nicht aus Österreich, sondern aus Bayern, aber das sei schließlich dasselbe, Mehlspeisen gäbe es hier wie dort. Der Herr D. wollte protestieren wie ein echter Österreicher, aber dann erinnerte er sich daran, wie tolerant und weltoffen die echten Kreuzberger waren, und schwieg. •


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