Kreuzberger Chronik
Juli 2016 - Ausgabe 181

Briefwechsel

Asozial


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von H.G.Wiesner

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H. G. Wiesner zu »Kreuzbergs neue Nachbarn« , Nr. 179

Sehr geehrte Redaktion,

mit Interesse lese ich - obwohl ich »Neukreuzberger« bin - Ihre monatliche Broschüre. Es gibt keine bessere Integrationshilfe für einen langjährigen Nordrhein-Westalen zum Einleben in diesen Kiez. Mit großer Neugierde habe ich also auch nach dem Heft gegriffen, das auf der Titelseite einen Beitrag über »Kreuzbergs neue Nachbarn« ankündigte. Endlich, dachte ich, werden wir auch einmal zu Wort kommen. Doch nichts dergleichen: Es ging wieder einmal nur um die ausländischen Neuberliner.

Trotz dieser anfänglichen Enttäuschung habe ich den Artikel von Frau Siepmann bis zu Ende gelesen und kann der Autorin nur lebhaft beipflichten. So schön es auch sein mag, wenn sich die Berliner mit den Flüchtlingen solidarisieren: Dass nicht einmal jetzt, wo »Not am Mann ist« , bezahlte Arbeitsplätze geschaffen werden, ist eine Schande. Kein Investor wäre in der Lage, in so kurzer Zeit so viele Menschen von Armut und Arbeitslosigkeit zu befreien, wie die aktuelle Einwanderungswelle. Doch der Staat hält die Hand auf. Und verhält sich asozial.

Er verteilt lukrative Aufträge an Firmen, die keine andere Aufgabe haben, als die Ströme Tausender kostenloser Arbeitskräfte an die verschiedenen Lager der Stadt zu verteilen. Diese Firmen verdienen Millionen. Sie verdienen diese Millionen mit dem Elend anderer.

Auch die Berliner Regierung wird letztendlich an den Flüchtlingen noch verdienen. Sollte sie tatsächlich eines Tages das Tempelhofer Feld an den Meistbietenden verkaufen und bebauen lassen, wird sich zeigen, was es mit den Investitionen in Notunterkünfte und der groß angelegten Werbekampagne für eine Umwidmung des Wiesengrundstücks in Bauland auf sich hatte.

Aber nicht nur der Senat wird von den Ärmsten der Armen profitieren, auch die Kirche denkt ans Geschäft. Wie die Kreuzberger Chronik in einem ihrer letzten Hefte bereits ankündigte, werden auf den Friedhöfen an der Bergmannstraße noch im Sommer Wohnungen für Flüchtlinge errichtet, obwohl der Flüchtlingsstrom immer schwächer geworden ist und viele Flüchtlinge längst wieder auf dem Heimweg sind. Es besteht eigentlich gar kein Bedarf mehr für den Bau von Notunterkünften. Aber eigentlich - Sie haben es ja bereits geschrieben - werden diese Wohnungen auf dem Friedhof und auf dem Tempelhofer Flughafen ja ohnehin für jene errichtet, die nach den Flüchtlingen einziehen und Mieten bezahlen. mit frd. Gruß, H. G. Wiesner

Sehr geehrter Herr Wiesner!

Wir sind stolz darauf, zu der erfolgreichen Integration eines NordrheinWestfalen in diesen Kiez beigetragen zu haben. mfG, die Redaktion

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