Kreuzberger Chronik
Juli 2016 - Ausgabe 181

Herr D.

Der Herr D. hört von Wahlfälschung


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von Hans W. Korfmann

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Ia#Weshalb der Herr D. gute Laune bekam

Der Herr D. wollte einkaufen. Am Samstag. Obst und Gemüse. Weil es in der Markthalle so voll war, und weil frisches Gemüse und frisches Obst im so genannten Bergmannkiez so schlecht oder so teuer geworden war, dass der Herr D. schon beim Anblick schlechte Laune bekam, radelte er nach Neukölln. Einmal quer über das Tempelhofer Feld. Es war noch früh, Vögel zwitscherten in der Luft, ein Drachen stand am Himmel, die Sonne schien. Das Feld war eine Oase, immer wieder kam der Herr D. ins Staunen.

Auch andere kamen aus dem Staunen nicht heraus. Am Eingang zur Flughafenstraße stand ein Mann und streckte den Arm weit aus, um seiner weiblichen Begleitung die ungeheure Weite dieser Stadtlandschaft vor Augen zu führen. Gerade wollte der Herr D. dem Paar freundlich zunicken, da hörte er, wie der Mann sagte: »Eigentlich sollte das Ganze hier längst bebaut sein, aber Berlin hat eben keinen Masterplan, und jetzt ist das Projekt erst einmal auf Eis gelegt...« Der Herr D. bremste scharf, drehte um und blieb vor dem Pärchen stehen.

»Was erzählen Sie denn da für einen Unsinn! Dieses Feld ist unbebaut, weil die Berliner das nicht wollten und weil sich 739.124 Bürger in dieser Stadt für den Erhalt der Wiese ausgesprochen haben. Das hat nichts mit fehlendem Masterplan, sondern mit gelebter Demokratie zu tun. Erzählen Sie Ihrer blonden Nachwuchsarchitektin aus Griesheim keine Lügen!« Ohne die dumme Antwort des Krawattenträgers abzuwarten trat er wieder in die Pedale.

Auf dem Rückweg standen an derselben Stelle zwei Frauen und verteilten Flugblätter. Es waren dieselben, die hier schon vor drei Jahren gestanden und beim Sammeln der vielen Stimmen geholfen hatten. Dieses Mal ging es jedoch nicht mehr allein um die Wiese, es ging um die Demokratie an sich.

Der Herr D. stieg ab, um zu unterschreiben. »Sie kenne ich doch!«, sagte die Frau, die keine blonde Architektin, sondern eine grauhaarige Bürgerrechtlerin war. »Sie sind doch dieser Herr D., der immer so schlecht gelaunt ist.« Der Herr D. wusste nicht, ob er sich geschmeichelt fühlen oder beleidigt sein sollte. »Wieviele Stimmen habt Ihr schon zusammen?« – »40.000. In fünf Wochen!« – »Kompliment!« - »Aber wir brauchen 70.000!« – »Ich dachte, 50.000.« – »50.000 gültige. Und wir rechnen damit, dass sie auch diesmal versuchen werden, zu manipulieren.« – »Manipulieren?« – »Aber Herr D., Sie als professio-nell übellauniger Altkreuzberger müssen das doch mitbekommen haben.« – »Ich bekomme gleich schlechte Laune.« – »Sie wissen wirklich nicht, dass in einigen Wahllokalen in Kreuzberg und Neukölln nicht genügend Stimmzettel auslagen? Und dass in Pankow – darüber gibt es sogar ein Polizeiprotokoll - bereits ausgefüllte Stimmzettel verbrannt wurden. Das wissen Sie alles nicht?« – »Das ist ja phantastisch!« sagte der Herr D. »Da bekommt man doch gleich richtig gute Laune!«•


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